Es ist eine grosse Idee, aber der palästinensische Multimillionär Bashar Masri ist auch ein Mann vom passenden Format. Mit der Errichtung einer neuen Stadt will er die Geschichte seines eigenen Volkes revolutionieren. Er plädiert für Aufbau statt bewaffnetem Widerstand, Initiative statt Opfertum, Toleranz statt Hass – und hat damit überraschend viel Erfolg.

Von Gil Yaron

Die ersten Worte, die viele Menschen mit dem von Israel besetzten Westjordanland assoziieren, sind meist negativ: Man denkt an Terrorismus, Hass, Attentate und Armeegewalt. Doch all das sucht man in Rawabi scheinbar vergebens. Die neueste Stadt der besetzten Gebiete offenbart ein völlig anderes Bild, und lässt erahnen, was im Heiligen Land möglich wäre, griffe man den Nahostkonflikt nur von einem anderen Winkel an.

Wohl kaum ein Ort erfasst die Quintessenz dieser gewagten wirtschaftlichen und sozialen Privatinitiative des palästinensischen Unternehmers Bashar Masri besser als ein kleines Kaffeehaus mitten im Q-Center, ein Freilufteinkaufszentrum. Eigentümer Murad Hanawi zeigt mit einer breiten Geste auf die grosse Esplanade, die während der Woche noch meist leer ist. Dennoch verbreitet er uneingeschränkten Optimismus: „Das hier ist unsere Zukunft“, sagt er mit beherztem Lächeln. Sein Café heisst Schischapresso. Es symbolisiert das, wofür Rawabi steht: genau wie das arabische Wort für Wasserpfeife (Schischa) und Espresso einander ergänzen, sollen hier Orient und Okzident miteinander verschmelzen. In der Stadt, in der Schischas und italienischer Kaffee, nahöstliches Fingerfood und Smoothies aufeinander treffen, sollen sich ultra-moderne Planung mit arabischer Kultur vereinigen, westeuropäische Ästhetik, Organisation und Wohnkultur mit palästinensischem Nationalstolz. Diese Synthese hat ein Ziel: Sie soll nicht nur die Besatzung erträglicher machen. Sie soll Palästinensern ein neues Selbstverständnis geben, in dem nicht der Tod, sondern das Leben gefeiert wird.

Eine Stadt der Superlative

Rawabi ist in jeder Hinsicht ein hochambitiöses Unterfangen. Seit Jahrzehnten setzen die Palästinenser im Widerstand gegen Israel auf bewaffneten Kampf, Terror und zunehmenden religiösen Fanatismus. Doch in seiner neuen Stadt im Westjordanland gibt Unternehmer und Stadtgründer Bashar Masri eine völlig neue Marschrichtung an, lebt eine neue Form des Widerstandes vor: „Wir werden ein normales Leben führen, bis unser Alltag tatsächlich normal wird“, sagt er. Dabei will er die Besatzung keinen Deut schönreden. „Diese Stadt zeigt nicht, dass wir die Besatzung akzeptieren, sondern dass wir ein kultiviertes Volk sind, das das Beste will und das Beste verdient, trotz der Besatzung.“ Superlative sind für ihn gerade gut genug: In Rawabi leben bislang zwar nur 4000 Menschen. Für die Zukunft sind 22 Viertel mit 8000 Wohnungen und 25.000 Einwohnern geplant. Dennoch ist hier alles gross angelegt: Auf der grünen Hügelspitze, wo die Büros von Masris Baufirma stehen, weht die grösste Flagge Palästinas. Wenige hundert Meter entfernt wurde unlängst das grösste Amphitheater des Nahen Ostens mit 15.000 Plätzen eingeweiht, in dem bereits mehrere Freilichtkonzerte stattfanden. In der „Innenstadt“ gibt es eine Indoor Spielarena für Kinder und bald fünf Kinos, eines davon in 4D. Dazu entstehen ein Spa, Fitnessstudio, ein 5-Sterne Hotel und ein Kongresszentrum. Schon jetzt kommen jedes Wochenende tausende Palästinenser her, um sich im 135.000 Quadratmeter grossen Wadina Vergnügungspark zu amüsieren. Zwischen weiten grünen Rasenflächen operieren dort eine Seilbahn, ein Volleyballplatz, Bungeejumping, eine Kletterwand. Man kann Geländewagen mieten oder ein Pferd im Reitclub. Ein Wasserpark ist in Planung. Es gibt ein Beduinenzelt für Ereignisse, das man für private Veranstaltungen mieten kann. Und einen Tunnel im Berg darunter, der Rawabis Weinkellerei behaust.

Verkaufspersonal im Q-Center. Bild: Gil Yaron

Eine Stadt für Palästinas Yuppies?

Im Herzen der Stadt wurde das Q-Center eröffnet – mit 150.000 Quadratmetern das grösste Einkaufszentrum Palästinas. Nur Spitzenmarken wurde angeboten hier eine Zweigstelle zu eröffnen: Von Armani bis Zara sind hier die grossen Namen der Weltmodebranche vertreten. Sie bieten ihre Ware zu Spitzenpreisen an. Selbst für Schweizer wäre das Shoppen hier teuer: Ein Ralph Lauren Polo-Shirt kostet umgerechnet 150 Euro, eine Armani Jeans 300. „Es gibt in Palästina genug Menschen, die sich das leisten können, und bislang nur in Israel oder Jordanien einkaufen konnten“, beteuert Masri. Er habe die Werbung für das Einkaufszentrum drosseln müssen, weil der Besucherandrang an Wochenenden drohte, alle Regale zu leeren. Das ganze Projekt ist auf eine neue Generation junger, gebildeter, gut verdienender Palästinenser ausgerichtet. Riesige Werbeposter im Verkaufsbüro zeigen keine traditionellen, stereotypen arabischen Familien mit vielen Söhnen und Müttern im Kopftuch. Stattdessen blicken ein Vater mit unverhüllter Mutter und Tochter träumerisch auf den Hügel (Arabisch: „Rawabi“).

Auch Israelis sind willkommen

„In dieser Stadt ist religiöse Toleranz sehr wichtig“, betont Masri und nimmt noch einen Schluck vom Amerikano, den er auf der grossen Esplanade geniesst. Das sind keine leeren Worte: Seine Baufirma errichtet hier nicht nur die zweitgrösste Moschee im Heiligen Land, sondern auch eine Kirche – auf eigene Kosten. Denn in Zukunft sollen Christen mindestens 10 Prozent der Einwohner stellen. „In diesen Zeiten, in denen Religion eine scheinbar immer grössere Rolle spielt, ist es wichtig, die Welt und uns selber immer wieder daran zu erinnern, dass wir keinen religiösen Staat, sondern religiöse Toleranz schaffen wollen“, sagt Masri. Und wer nichts von Religion wissen will, kann in Rawabis gepflegten öffentlichen Parks stattdessen joggen gehen oder einen Yoga-Kurs besuchen, bevor er oder sie abends im Q-Center ein Gläschen Wein geniesst. Denn auch Gleichberechtigung schreibt der Vater von zwei Töchtern gross: „Wir wollen, dass Frauen hier Jobs in der High-Tech Branche finden, um sich selber ernähren zu können.“ Alle seien hier willkommen – „auch Israelis – solange es keine Siedler sind“, hebt Masri hervor. Er habe „von Anfang an mit israelischen Firmen zusammengearbeitet.“ Nicht nur, weil ein Projekt dieser Grössenordnung sich anders gar nicht realisieren liesse. Es hat auch einen weiteren Grund: „Ich will Israelis involvieren damit sie sehen, wer wir Palästinenser wirklich sind: positive Menschen, die etwas aufbauen. So werden sie zu unseren Lobbyisten auf der anderen Seite, die sich dafür einsetzen, dass die Checkpoints und die Siedlungen verschwinden.“

Ganz allein, ohne Hilfe

Nicht zuletzt aufgrund dieser Kooperation mit Israel wird Masri in eigenen Kreisen immer wieder angefeindet. Islamisten und Hardliner werfen ihm vor, er verweichliche das Volk statt es für bewaffneten Kampf zu stählen. „Ich glaube nicht an militärischen Widerstand“, kommentiert er kurz und betont danach sofort: „Noch hat keine einzige politische Partei mein Vorhaben öffentlich kritisiert.“ Aber auch nicht unbedingt unterstützt. Als er seine Idee einer in vollkommener Privatinitiative gegründeten neuen Stadt vor einem Jahrzehnt erstmals vorbrachte, hielt man ihn für einen Träumer oder Spinner. Hilfe gab es kaum, und wenn dann nur indirekt: Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) soll dem Magnaten geholfen haben, tausende Eigentümer aus den umliegenden Dörfern zu enteignen, um Platz für die Stadt zu machen. Dort sind viele ihm noch immer böse. Denn sie können sich ein Apartment hier nicht leisten. Vielleicht hat Palästinenserpräsident Mahmud Abbas die Stadt deshalb noch nicht besucht, obschon sein Amtssitz in Ramallah nur 15 Autominuten entfernt ist. Oder, weil er bislang eigentlich nichts tat, um Masri zu helfen: Die PA kassiere „zwar Steuern, hat aber bislang nichts in Rawabi investiert: Von der Zufahrtsstrasse, übers Klärwerk und die Klinik bis hin zur einzigen Schule, die wir aus privaten Geldern finanzieren, mussten wir alles selber zahlen und bauen“, sagt Masri sichtlich enttäuscht. „Ich habe hier gemeinsam mit Katar, das 60 Prozent des Budgets bestreitet, Milliarden investiert – nicht, um Gewinne zu machen, sondern um Pionierarbeit zu leisten“, sagt Masri. Er beziffert seine Verluste auf 100 Millionen US-Dollar.

Bauarbeiten. Bild: Gil Yaron

Die Angst vor Israel

Doch nichts bereitet diesem Optimisten grössere Sorgen als Israel, mit dem er eigentlich Frieden schliessen will. Die Militärverwaltung sei „nicht hilfreich“ gewesen, sagt er mit typischem Unterstatement. Die Genehmigung für den Bau einer Wasserleitung sei mit anderthalb Jahren Verspätung gekommen, was 452 von 639 seiner Kunden dazu bewegte, ihre Kaufverträge zu annullieren – ein Riesenverlust. Angesichts der alles überschattenden Bürokratie in der PA und Israel bleibt allerdings offen, ob es sich um dabei um politische Absicht oder schlicht nur Ineffizienz handelte. Schliesslich preisen viele israelische Militärs und Politiker, auch von der Rechten, Rawabi als Musterprojekt. Dennoch könnte es für Masri jederzeit schlimmer kommen: „Alles was Israel tun muss, damit hier alles den Bach runtergeht und ich Pleite mache, ist, einen Checkpoint an der Einfahrt nach Rawabi aufzustellen – wie sie es vor wenigen Tagen kurz taten“, sagt Masri. Wenn zwei junge Soldaten an der schmalen Zufahrt „jeden kontrollieren und die Fahrt von Ramallah hierher statt 15 Minuten drei Stunden dauert, wird keiner mehr herkommen – weder zum Einkaufen noch zum Wohnen.“ Sein Traum von einer neuen, sauberen, friedlichen und toleranten palästinensischen Gesellschaft könnte so schnell in den Ruin getrieben werden.

Vergnügungspark Wadina. Bild: Gil Yaron

Schon mehr als nur ein Traum

Auf den breiten Bürgersteigen zwischen den hohen Wohnhäusern, die mit Glasfaserkabeln verbunden sind, merkt man von Ängsten und Spannungen indes nichts. Die verkehrsberuhigten Gassen werden von grünen Parks und Spielplätzen gesäumt – ein Strassenbild, das man sonst nirgends in palästinensischen Städten sieht. Schliesslich geht es Masri nicht nur darum, Wohnungen zu verkaufen. Er hat eine Vision für sein Volk: „Unser Ziel ist ein säkulares, freies Palästina, in dem jeder willkommen ist“, sagt er. Noch kann sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung es leisten, an dieser Vision aktiv teilzuhaben, in ihr zu wohnen. Doch ihr Einfluss ist weit grösser als ihre Zahl: Das einst belächelte, später kritisierte Rawabi wird von Palästinensern immer mehr als Erfolgsmodell anerkannt. Was die Hoffnung weckt, dass Masris Traum von einem prosperierenden, friedlichen Palästina an Seiten Israels nicht unbedingt zur Stillgeburt werden muss; Und dass die Assoziationen, die Menschen in aller mit dem Wort „Westjordanland“ haben, eines Tages ausschliesslich positiv besetzt sein könnten.

Gil Yaron ist Journalist und veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Nahost. 

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