Der hohe Anteil marokkanischer Auswanderer unter den Attentätern gravierender Anschläge steht in Kontrast zum relativen Erfolg des Königreichs, wenn es darum geht, die Bedrohung durch den Dschihadismus im eigenen Land einzudämmen.

Von Sarah Feuer & David Pollock

Dass die jüngsten Terroranschläge in Spanien und Finnland nahezu ausschliesslich von jungen Männern marokkanischer Herkunft verübt wurden, nährt die Sorge, dass sich das Königreich zu einer Brutstätte für Dschihadisten entwickelt hat. Von den zwölf weiteren verdächtigten Komplizen der Anschläge in Barcelona und Cambrils, bei denen am 17. August fünfzehn Menschen getötet wurden, waren alle bis auf einen Marokkaner oder spanische Staatsbürger marokkanischer Herkunft und der einzige nicht in Marokko geborene Verdächtige kam in Melilla zur Welt, einer der beiden winzigen spanischen Enklaven an der Nordküste Marokkos. Ebenso waren die fünf Personen, die wegen der mutmasslichen Beteiligung an der Messerattacke verhaftet wurden, bei der am 18. August zwei finnische Bürger getötet wurden, alle von marokkanischer Herkunft. Nach einer weiteren Person marokkanischer Nationalität wird im Zusammenhang mit der Tat noch immer gefahndet. Ebenfalls waren es marokkanische Netzwerke, die in den letzten zwei Jahren auch an mindestens drei spektakulären Terroranschlägen in Europa beteiligt waren, darunter der Anschlag im November 2015 in Paris, der Anschlag vom März 2016 in Brüssel sowie der fehlgeschlagene Anschlag im Brüsseler Hauptbahnhof im Mai dieses Jahres.

In einigen dieser Fälle stammten die radikalisierten Personen aus wirtschaftlich und sozial marginalisierten Milieus, was bestimmte Analysten dazu veranlasste, sich auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Terrorismus und mangelhafter Integration der Einwanderer in die europäische Gesellschaft zu konzentrieren. Dies war scheinbar bei dem Anschlag in Turku in Finnland der Fall, bei dem die Tätergruppe aus weitgehend unterbeschäftigten, vorübergehenden und abgewiesenen Asylbewerbern oder Kleinkriminellen bestand. Bei dem Terroranschlag in Barcelona dagegen waren die meisten der Täter relativ gut in ihre spanischen Gemeinschaften integriert und litten unter keinen nachweislichen wirtschaftlichen Nöten.

In diesem Fall scheint vielmehr Ideologie die treibende Kraft hinter dem Anschlag gewesen zu sein: Berichten zufolge waren die Terroristen von einem lokalen, aus Marokko stammenden Imam beeinflusst, der Verbindungen zum Islamischen Staat (IS) sowie regelmässige Kontakte zu Marokko und im Ausland lebenden Marokkanern unterhält. Die IS-Propaganda, einschliesslich spanischsprachiger Internetseiten und sozialer Medien, hatte in jüngerer Zeit ihren Fokus auf „Al-Andalus“ – wie islamistische Extremisten Spanien in einer Anspielung auf dessen lange Geschichte unter der Herrschaft diverser muslimischer Herrscher (711–1492) nennen – verstärkt. Nach den Anschlägen bezeichnete der IS die Attentäter als „Soldaten“ und „Mudschaheddin“.

Die Reaktionen in Marokko auf diese Vorfälle waren unterschiedlich. König Mohammed VI. sprach dem spanischen König Felipe umgehend telefonisch sein Beileid aus und in der marokkanischen Mainstream-Presse wurde darüber berichtet, wenngleich das Thema bald fallen gelassen wurde. Im Gegensatz dazu beschäftigen sich die oppositionellen Medien, wie etwa die bekannte Internetseite Lakome, nach wie vor ausgiebig und aus allen Blickwinkeln mit den Anschlägen – von persönlichen Profilen der Täter und deren marokkanischen Familienangehörigen bis hin zu Spekulationen über das, was die Tragödie hinsichtlich „des Scheiterns der islamischen Reform Marokkos“ impliziert.

Während Marokkaner in Europa vermehrt Aufmerksamkeit für ihre Beteiligung an Anschlägen wie jenem in Barcelona erlangt haben, ist es Marokko selbst in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten grösstenteils gelungen, sein heimisches Terrorismusproblem in Grenzen zu halten. 2003 wurden bei mehreren koordinierten Anschlägen auf jüdische und europäische Standorte in Casablanca 33 Menschen bei Selbstmordattentaten getötet. Seither hat das Königreich massgebliche Ressourcen aufgewendet, um dem Extremismus im eigenen Land entgegenzutreten und dabei eine Mischung drastischer – bisweilen umstrittener – Sicherheitsmassnahmen und Aufklärungsinitiativen eingeführt, die darauf abzielen, dem gewaltbereiten Islamismus entgegenzuwirken.

Auf breiterer Ebene zeigen Umfragen des Pew Research Center nach den Bombenanschlägen von 2003 in Casablanca einen drastischen Rückgang der Sympathiewerte für die Al-Qaida bis in den einstelligen Bereich. Die aktuellsten Erhebungen zeigen ungefähr das gleiche Level an anhaltender Affinität für den IS, das 2015 mit 8 Prozent bewertet wurde – dies ist etwas mehr als in anderen arabischen Ländern, in denen die Umfrage durchgeführt wurde, darunter Saudi-Arabien, Jordanien und Ägypten.

Im Bereich der Sicherheit wurde 2003 nach den Bombenattentaten von Casablanca ein Antiterrorgesetz verabschiedet, das die staatlichen Sicherheitseinrichtungen und Nachrichtendienste – die alle unter der direkten Aufsicht des Palastes operieren – erheblich ausweitete. (Angelegenheiten, die ausserhalb der Bereiche Aussenpolitik, Sicherheit und Religion fallen, bleiben generell in der Hand einer vom Volk gewählten Legislative, deren grösstes Element die Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei ist, eine moderate islamische Partei, die dem Königshaus gegenüber treu ist.) Das Gesetz von 2003 geriet in die Kritik von Menschenrechtsgruppen, weil es die Definition von Terrorismus so ausdehnte, dass darin auch alle Handlungen mit eingeschlossen waren, die als eine Gefahr für die öffentliche Ordnung eingestuft werden, weil es die Todesstrafe für verurteilte Terroristen vorsieht und weil die Anzahl der Tage, für die Sicherheitsbeamte einen Terrorverdächtigen festhalten können, bevor man ihm den Kontakt zu einem Rechtsanwalt zugesteht, auf 10 Tage erhöht wurde. Ungeachtet solcher Bedenken haben die inländischen Überwachungs- und nachrichtendienstlichen Organe Marokkos offenbar der Krone gestattet, regelmässig Terrorzellen im Königreich aufzudecken und in jüngerer Zeit sogar, Staatsbürger zu verfolgen, die dschihadistischen Gruppen im Ausland beitreten.

Tatsächlich haben laut inoffiziellen Schätzungen westlicher Experten zwischen 2012 und 2014 rund 1.122 Marokkaner das Königreich verlassen, um sich dem IS in Syrien und dem Irak anzuschliessen. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass sich weitere 300 Personen der dschihadistischen Gruppe in ihrer selbst ausgerufenen Provinz in Libyen angeschlossen haben. In dem Bestreben, den ins Ausland drängenden Strom dieser Kämpfer aufzuhalten, änderte die Regierung 2014 das Antiterrorgesetz, indem sie Strafen bis zu einer Höhe von 500.000 Marokkanischen Dirham (60.000 USD) sowie Gefängnisstrafen von fünf bis fünfzehn Jahren auf Staatsbürger verhängte, die bewaffneten Organisationen innerhalb des Königreichs oder an Konfliktschauplätzen im Ausland beizutreten beabsichtigen. Dennoch bewegt sich jüngeren Schätzungen zufolge die Anzahl der für den IS kämpfenden Marokkaner um die 1.500 Personen. Berücksichtigt man Europäer von marokkanischer Herkunft, steigt diese Zahl sogar sprunghaft auf 2.500 an. Bedenken wegen der Möglichkeit, dass diese kampferprobten Individuen über Libyen und Algerien wieder in ihr Heimatland zurückkehren, veranlassten das Königreich, die militärische Präsenz Marokkos an der Grenze zu Algerien zu verstärken und schwere Waffen, Flugabwehrgeschütze und Raketenwerfer aufzubieten, um mögliche Angriffe abzuwehren.

Einhergehend mit den Sicherheitsmassnahmen der Krone verfolgt Marokko weiterhin eine Reihe von Reformen im religiösen Bereich, die darauf abzielen, den Einfluss extremistischer Ideologien zu verringern. Diese Reformen verschafften dem Staat mehr Kontrolle über religiöse Institutionen, wie den mehreren Hundert in ganz Marokko verbreiteten Koran-Schulen und den rund 50.000 Moscheen im Land. Die Lehrpläne in den Schulen wurden dahingehend verändert, dass sie islamische Lehren fördern, die mit den Gedanken der Menschenrechte und religiösen Toleranz vereinbar sind. Ausserdem hat das Königreich neue Bestimmungen für die Ausbildung von Imamen und anderen Personen, die den Islam lehren wollen, verhängt. 2005 zum Beispiel begann der Staat mit der Schulung eines Korps von Imam-Supervisoren – darunter auch Frauen –, die sich regelmässig mit den Vorbetern treffen und sicherstellen, dass der in den Moscheen geführte religiöse Diskurs einen, wie die Führung es nennt, „moderaten Islam“ widerspiegelt. Seit 2014 ist es Imamen per royalem Dekret verboten, sich in den Moscheen an politischen oder in Zusammenhang mit extremistischen Verbindungen stehenden Aktivitäten zu engagieren und 2015 investierte das Königreich 20 Millionen USD in eine neue Bildungseinrichtung, die nicht nur marokkanische Imame und Imam-Supervisoren beherbergen soll, sondern auch für eine wachsende Anzahl von künftigen Imamen aus Westafrika und sogar aus Europa angedacht ist.

Die langfristigen Auswirkungen solcher Massnahmen bleiben abzuwarten, aber die starke Beteiligung von Dschihadisten mit Verbindungen zu Marokko an den Terroranschlägen in Europa lässt vermuten, dass die politischen Massnahmen zur Förderung einer relativen Stabilität im Heimatland nicht in der Lage waren, die ideologischen Quellen des Extremismus für im Ausland lebende marokkanische Staatsbürger auszumerzen. Dennoch scheint das Königreich entschlossen, sich selbst weiterhin als ein Modell der religiösen Reform in der Region zu positionieren.

Vor diesem Hintergrund scheint die jüngste Überzahl marokkanischer Auswanderer im dschihadistischen Terrorismus nicht etwa das Vorherrschen eines fundamentalistischen Extremismus in ihrem Herkunftsland widerzuspiegeln, sondern vielmehr das Gegenteil: Marokko bleibt wegen einer Kombination aus kulturellen und sicherheitsrelevanten Gründen weiterhin relativ ungastlich für diese Art von Gewalt. Dies hat dazu geführt, dass der kleine Anteil der Marokkaner, die in diese Richtung tendieren, offensichtlich im Ausland Zuflucht gesucht hat; andere wurden vermutlich eher in ihrer angenommenen europäischen Heimat radikalisiert, als dass sie die Ideologie aus Marokko importiert hätten.

 

Sarah Feuer ist Soref-Fellow am Washington Institute for Near East Policy und Autorin des demnächst erscheinenden Buches Regulating Islam: Religion and the State in Contemporary Morocco and Tunisia. David Pollock ist Kaufman-Fellow am Washington Institute und Leiter des Projekts Fikra.

Kurzversion. Original zuerst erschienen beim Washington Institute for Near East Policy.

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