Eine israelische Soldatin betreut ein syrisches Kind. Bild: IDF

Rebellenkommandant spricht von lebensrettender Unterstützung durch den jüdischen Staat, während regierungstreue Gruppen und der Islamische Staat die syrischen Golanhöhen belagern

Von Judah Ari Gross

Zehntausende syrische Zivilisten, die im Grenzgebiet auf den Golanhöhen leben, sitzen zwischen den Stühlen. Sie sind gefangen zwischen den regierungstreuen Kämpfern auf der einen Seite und dem islamischen Staat auf der anderen, wie ein Kommandant der syrischen Rebellengruppen am Mittwoch berichtete.

Der syrische Kommandant – der nur unter seinem Kampfnamen Abu Hamad auftrat ­– sagte, durch die Zusammenarbeit mit Israel würde sich seine Gruppierung der Kritik der vom Iran finanzierten Milizen aussetzen, die im Namen des syrischen Präsidenten Bashar Assad kämpfen, doch die humanitäre Lage würde alte Feindschaften verdrängen.

„Die schiitischen Milizen bezeichnen uns als Verräter“, sagte er während einer Videokonferenz mit Journalisten, bei der er sich via Skype aus einer gut ausgestatteten Hütte in der Nähe der Stadt Quneitra auf den Golanhöhen zu Wort meldete, um mit Reportern in den Büros von MediaCentral in Jerusalem zu sprechen.

Abu Hamad, der zum Schutz seiner Identität sein Gesicht bedeckte, äusserte sich zudem zu der angeblichen Waffenruhe, die von den Vereinigten Staaten und Russland ausgehandelt wurde – dies sei nur eine leere Erklärung, und die Kämpfe würden trotzdem fortgesetzt.

Laut den Äusserungen des Befehlshabers der Rebellen wird die Kriegsführung nur durch immer geringeren Materialbestände seiner Gruppierung eingeschränkt.

Zu Beginn des Sommers legte das israelische Militär den Umfang seiner humanitären Unterstützung für die syrische Bevölkerung im Grenzgebiet der Golanhöhen offen.

Die Unterstützung begann im Jahr 2013, als die IDF verwundeten Syrern erlaubten, sich für medizinische Behandlungen nach Israel zu begeben. Im vergangenen Jahr startete das Militär dann die Operation „Guter Nachbar“, welche den Umfang der Beihilfen stark erhöhte. Sie beinhalteten jetzt auch die Behandlung chronisch kranker Kinder, die keinen Zugang zu Krankenhäusern haben, den Aufbau von Kliniken in Syrien sowie die Bereitstellung von Hunderten Tonnen von Nahrung, Arzneimitteln und Kleidung für die durch den Krieg zerstörten Dörfer im Grenzgebiet.

IDF Soldaten evakuieren einen verwundeten Syrier. Bild: IDF

Das Militär gibt an, dass seine Beihilfen durch Zivilisten und regierungsunabhängige Organisationen entlang der Grenze koordiniert werden. Abu Hamad sagte jedoch, dass einige Milizgruppen ebenfalls im direkten Kontakt mit Israel stünden und Unterstützung vom jüdischen Staat erhielten; konkrete Namen wollte er allerdings nicht nennen. Er lehnte es gleichermassen ab, den Namen seiner eigenen Gruppe preiszugeben – aus Angst davor, dass sie für die Inanspruchnahme der Hilfsmittel ins Fadenkreuz geraten könnte.

Die Beziehung zwischen Israel und Syrien war noch nie besonders gut, doch die Situation verschlechterte sich nach dem Sechstagekrieg im Jahr 1967, als Israel die Golanhöhen einnahm. In den Augen der meisten Syrer gibt es nur wenige Anschuldigungen, die schlimmer als eine vermeintliche Zusammenarbeit mit der „zionistischen Entität“ sind.

Laut Abu Hamad tritt jedoch die Sorge, als Verräter bezeichnet zu werden, im Angesicht der humanitären Krise in der Region in den Hintergrund.

„Die Lage ist wirklich schlimm“, sagte er nur.

Der Befehlshaber der Rebellen beklagte die Instabilität der Region um Quneitra. Die gesamte Zivilgesellschaft ist hier zusammengebrochen, es gibt daher keine Strafverfolgung, keine verlässliche Nahrungsmittel-, Wasser- und Energieversorgung und keinen Schulunterricht für die Kinder.

„Eine gesamte Generation wird hier ignoriert“, sagte er.

Während Abu Hamad also sagte, seine Gruppierung befände sich in Bezug auf die Offenlegung ihrer Zusammenarbeit mit dem jüdischen Staat auf einer heiklen Gratwanderung, da dies für Propagandazwecke manipuliert werden könne, hiessen er und die Zivilisten in der Region die Unterstützung willkommen und dankten Israel für dessen Grosszügigkeit.

Sie verheimlichen die Hilfen nicht gerade – zum Beispiel durch die Entfernung hebräischer Etiketten oder durch Leugnen der Annahme – aber sie machen auch keine Werbung dafür, sagte er.

Abu Hamad beschrieb, wie Menschen für ärztliche Behandlungen nach Israel gebracht werden, und nannte einen verwundeten Mann als Beispiel, dessen Transport sie gerade vorbereiten.

Früher gingen die Syrer selbst zur Grenze, wenn sie alleine gehen konnten, oder sie liessen sich von Freunden oder Verwandten bringen. Heute, so Abu Hamad, gibt es Kontaktpersonen auf der syrischen Seite, sich an die Israelis wenden. Das ermöglicht einen reibungslosen Ablauf.

„Wir rufen einen Mann namens al-Safouri an. Er telefoniert mit den Israelis, und die Israelis entscheiden“, sagte er.

Gemäss den Zahlen des israelischen Militärs hat der jüdische Staat seit 2013 ungefähr 4.000 Syrer behandelt. Darunter waren mehr als 3.000 Zivilisten und gemässigte Rebellen, die während des Krieges verletzt worden waren. Unter den verbleibenden Personen befanden sich Zivilisten – vor allem Kinder –, die an Krankheiten litten, die nicht mit dem Bürgerkrieg in Verbindung standen, die jedoch aufgrund der Kampfhandlungen keinen Zugang zur nötigen ärztlichen Versorgung hatten.

Zudem wurden Hunderte Tonnen Nahrungsmittel, medizinischer Ausrüstung und Kleidung über die Grenze nach Syrien geschickt. Die IDF fördern ausserdem die Errichtung zweier Kliniken in Syrien, die zukünftig von Einheimischen und Mitarbeitern von NROs betrieben werden. Dazu gehört laut den Angaben des Militärs auch die logistische Planung sowie die Beförderung von Baumaterialien und medizinischer Ausstattung.

Auf israelischem Staatsgebiet wird derweil ein weiteres Krankenhaus erbaut. Es wird an einem Aussenposten der Armee mit dem derzeitigen nichtssagenden Namen „Aussenposten 116“ errichtet und von den IDF bewacht – aber ausschliesslich mit Mitarbeitern von NROs besetzt. Die Klinik wird nur tagsüber öffnen und daher vorrangig Syrer behandeln, die an weniger schweren Verletzungen leiden.

Von den etwa 600 Kindern, die in Israel behandelt werden, reisten immer nur ein paar Dutzend gleichzeitig ein. Sie wurden von ihren Müttern an die Grenze gebracht, wo sie mit Bussen abgeholt und in israelische Krankenhäuser gebracht wurden. Ihre Aufenthaltsdauer liegt irgendwo zwischen ein paar Tagen und sechs Monaten, bis ihre Behandlung abgeschlossen ist.

Laut dem Leiter der Operation „Gute Nachbarschaft“ hat bislang kein Syrer darum gebeten, in Israel bleiben zu können. Sie wollten alle „wieder nach Hause“, sagte er.

Abu Hamad bestreitet das: „Jeder will nach Israel ziehen“, sagte er.

Obwohl es nicht deutlich wurde, ob ein solches Abkommen seiner Meinung nach von der Rückgabe der Golanhöhen von Israel an Syrien abhängt, sagte der Rebellenkämpfer, dass seine Gruppierung ein „umfassendes Abkommen“ mit dem jüdischen Staat befürworte.

Diese Ansicht bestätigt einige Hoffnungen des Militärs in Bezug auf sein humanitäres Hilfsprogramm.

Im vergangenen Monat sagte der Oberstleutnant, der die Operation „Guter Nachbar“ leitet, dass es eines der peripheren Ziele der Operation sei, die Meinung der syrischen Bevölkerung über Israel zu ändern. Er betonte dabei jedoch, dass die humanitären Sorgen der grösste Motivationsfaktor seien.

Der Offizier sagte, er hoffe, diese humanitäre Hilfe würde die „Saat des Friedens“ aussäen und den Hass senken, den die Syrer gegenüber dem jüdischen Staat empfinden.

In von den IDF veröffentlichten Interviews berichteten syrische Zivilisten von ihrer grossen Dankbarkeit für die Hilfe, die aus einem Land kam, das sie für ihren Feind hielten.

„Sie bringen uns bei, dass Israel das Land ist, das uns am meisten hasst“, berichtete eine syrische Frau, die eine Behandlung in Anspruch genommen hatte. „Dann kamen wir hierher und sahen mit unseren eigenen Augen, was sie uns hier geben. Israel bedeutet uns so viel, weil es uns so viel gibt.“

 

Judah Ari Gross ist der Militärkorrespondent der Times of Israel. Zuerst erschienen auf Englisch bei der Times of Israel.

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  • H. Buechi

    Sicher ist die „Operation guter Nachbar“ willkommen. Aber man soll bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben. Wir haben es seit 100 Jahren mit einem religiösen Konflikt zu tun. Das heisst, dass nach islamischer Lehre einst muslimisches Territorium (Israel – nach 400 Jahren Osmanisches Reich) niemals von Nicht-Muslimen dominiert werden darf, d.h. es ist um jeden Preis zurückzuerobern (Prof. Moshe Sharon in „Jihad – Islam against Israel and the West“). Westliches Vernunftdenken, Humanismus etc. gelten dort nicht, was im Westen leider verkannt wird.