Aus Kämpfen gegen Israel gehen Palästinenser selten als Sieger hervor. Doch bei der letzten Auseinandersetzung um Sicherheitsmassnahmen am Tempelberg in Jerusalem ging eine Person als eindeutiger Sieger hervor: Muhammad Hussein, Grossmufti von Jerusalem, die höchste religiöse Instanz Palästinas.

 

Hussein war als eine der wichtigsten stimmen im Konflikt um den heiligsten Ort im Heiligen Land, der vergangenen Monat drohte, zu einem regionalen Flächenbrand zu werden. DIE WELT sprach mit ihm exklusiv über die Möglichkeit, dass Juden und Muslime eines Tages in Frieden zusammenleben und den Glauben der anderen Seit anerkennen könnten. Seine Worte machen klar, wo das grösste Hindernis auf dem Weg zu einem Friedensabkommen liegt.

Muhammad Hussein: Noch bevor wir beginnen, möchte ich sagen, wie sehr wir das deutsche Volk schätzen. Nur deswegen waren wir zu diesem Interview bereit.

Welt: Vielen Dank. Sie sind dieser Tage sehr beschäftigt. Ist die Krise rund um die Al Aksa Moschee nicht vorbei?

Die Krise am Tempelberg ist nicht vorbei. Die Stadt Jerusalem ist seit 1967 besetzt. Es gibt Probleme wegen der Aggressionen der israelischen Seite. Nur die neuste Eskalation ist vorbei.

Was ist für Sie die wichtigste Lehre der letzten Krise?

Wir haben gefühlt, dass die al Aksa Moschee in grosser Gefahr ist, wegen der Schritte, die Israel dort vornahm. [Israel installierte nach einem Attentat Metalldetektoren an den Eingängen zum Tempelberg – Anm. d. Red.]. Wenn diese Massnahmen tatsächlich beibehalten worden wären, hätten sie uns die Möglichkeit genommen, die Moschee frei zu besuchen um dort zu beten. Ausserdem hätten sie die Präsenz der Besatzung rund um die Al Aksa Moschee intensiviert und die Arbeit des Wakf (der religiösen Stiftung, die den Tempelberg verwaltet) erheblich eingeschränkt. Dabei ist der Wakf die einzige Einrichtung, die die Al Aksa Moschee verwalten darf. Wir haben gelernt dass die Israelis ihre Souveränität und Anwesenheit rund um die Al Aksa Moschee verstärken wollen.

Viele in Ostjerusalem glauben ja nicht einmal, dass das Attentat am Tempelberg, das die Krise auslöste, stattgefunden hat. Was sagen Sie?

Natürlich hat eine bewaffnete Operation stattgefunden. Aber die Leute, die diese Aktion durchführten, und die Menschen, die dabei getötet wurden [zwei israelische Polizisten – Anm. d. Red.] waren israelische Staatsbürger.

Wäre der Wakf bereit gewesen, seine eigenen Sicherheitsvorkehrungen zu verschärfen um eine Wiederholung solcher Zwischenfälle zu verhindern?

Der Zustand in der Al Aksa Moschee ist seit 50 Jahren unverändert. Das, was am 14. Juli geschah, war eine Ausnahme. Wir Jerusalemer, und der Wakf, hatten damit nichts zu tun.

Aber müssen Sie nicht auch fürchten, dass Extremisten solche Attentate wiederholen?

Zweifellos haben viele in der Welt einen Glauben, den wir vollkommen ablehnen. Wir fordern, dass alle heiligen Orte, nicht nur die der Muslime, respektiert werden, und dass heilige Stätten nicht von militärischen Operationen involviert werden. Heilige Stätten sollten Orte des Friedens sein. Jeder Person sollte sich an diesen Orten sicher fühlen und die Möglichkeit haben, zu ihrem Gott zu beten. Sie sollten keine Orte der Gewalt oder des Krieges sein. Dazu passt aber auch nicht, dass die Besucher der al Aksa Moschee, die in den Morgenstunden hineinkommen, vor allem israelische Siedler, von einer grossen Zahl bewaffneter Soldaten begleitet werden. Es ist für mich völlig inakzeptabel, an einem heiligen Ort der Muslime die Präsenz solcher Bewaffneter ertragen zu müssen.

Bei der letzten Krise haben nicht Politiker, sondern die Massen und Menschen wie Sie, religiöse Führer, den Kampf gegen Israel angeführt. Sie sagten den Leuten, ob sie in der Moschee beten können oder nicht. Wollen Sie weiterhin eine zentrale Rolle spielen, oder ziehen Sie sich nach diesem Sieg zurück?

Als religiöse Führer bleibt unsere Beziehung zur Al Aksa Moschee weiterhin bestehen, genau wie die Beziehung jedes Muslimen zur Moschee bestehen bleibt. Sie ist eine heilige Stätte für alle Muslime, und nur für Muslime allein. Sie war das Ziel der nächtlichen Reise des Propheten Muhammad und der Ort von dem er in den Himmel aufstieg, sie war die erste Gebetsrichtung der Muslime, ist die drittwichtigste Moschee im Islam, an der jedes Gebet eines Muslimen ist hier 500 Mal mehr wert als andernorts. Deswegen werden wir unsere Arbeit zur Verteidigung al Aksas fortführen.

Auch Juden sprechen von einer historischen Bindung zu diesem Berg . Erkennen Sie das an?

Alle Muslime bestehen darauf, dass die Al Aksa Moschee nur für Muslime ist. Allah selbst hat der Moschee diesen Namen gegeben, so sagt uns der Koran in der 17. Sure. Nur Muslime haben Anrecht auf diesen Ort, und wir werden es mit niemand teilen. Sogar die UNESCO hat ja als internationale Organisation in letzter Zeit mehrere klare, wissenschaftliche Beschlüsse gefällt, die festlegten, dass Juden keinerlei Beziehungen zur gesegneten Al Aksa Moschee haben, und dass dies ein muslimischer Ort ist.

Das schafft aber auch für Christen ein Problem. Schliesslich glauben sie, dass Jesus hier im Tempel war.

Alle Kirchen hier in Palästina haben sich eindeutig positioniert mit der Anerkennung, dass die Al Aksa Moschee einzig und allein den Muslimen gehört. Sie haben jede Einmischung Israels abgelehnt.

Also gibt es keinerlei Anerkennung der Gefühle von Millionen gläubigen Juden, die den Tempelberg für heilig halten – jenseits aller Politik?

Ich möchte nicht über den Glauben anderer Menschen sprechen – egal ob Christen oder Juden. Ich spreche nur von den Gefühlen der Muslime hinsichtlich der Al Aksa Moschee. Die ist nur für uns.

Viele Muslime sprechen in diesem Zusammenhang ja bereits von einer Kabale. Juden hätten den Tempel nur erfunden.

Ausgrabungen und Nachforschungen der Israelis haben keinen einzigen Beweis für die Existenz einer Geschichte jenseits muslimischer Präsenz auf dem Areal der Al Aksa Moschee gefunden.

Archäologen fanden viele Beweise. Wie das Warnschild aus dem Tempel, das jetzt in einem Museum in Istanbul hängt.

Ich will nicht über verschiedene Forschungen oder andere Religionen sprechen, sondern von unserem Glauben als Muslime. Ich möchte nicht über Geschichte diskutieren. Wir sind vollkommen von unserem Anrecht auf die Al Aksa Moschee überzeugt. Ich schlage vor, wir schliessen dieses Thema hier ab.

Was sagen Sie zur Hoffnung, Religion könne Menschen zusammenbringen. Könnten religiöse Führer, die alle denselben Gott anbeten, nicht auf dem Haram gemeinsam Frieden stiften?

Über so etwas haben wir noch nicht nachgedacht, weil wir als Muslime glauben, dass die heiligen Stätten den verschiedenen Religionen gehören. Jeder sollte an dem Ort beten, der ihm heilig ist. Wir würden ja auch nie fordern, in der Grabeskirche zu beten, weil sie den Christen gehört. Wir wollen Frieden für die ganze Welt, aber dafür braucht es Respekt und Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit.

Wir danken für dieses Gespräch.

Zuerst erschienen bei Die Welt.

Über Gil Yaron

Dr. Gil Yaron ist Buchautor, Dozent und Nahostkorrespondent der Tageszeitung und des Fernsehsenders WELT, sowie der RUFA, der Radioabteilung der dpa. Er schreibt ebenso für die Straits Times in Singapur, und arbeitet als freier Analyst in zahlreichen Fernsehsendern.

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