De kleine bloedgetuige – N. Doumen (zVg Ewoud Sanders)

Manfred Gerstenfeld und Audiatur-Online im Gespräch mit Ewoud Sanders, der eine Doktorarbeit über fast 80 in niederländischer Sprache erschienenen Kinderbücher geschrieben hat, die darauf abzielen, jüdische Kinder zum Christentum zu bekehren. Die Dissertation hatte einigen Wirbel ausgelöst.

„Vor einigen Jahren fiel mir an einem Bücherstand ein kleines niederländisches Buch in die Hände. Es trug den Titel ‚Levi, der Bücher-Jude‘. Die Intention dieses Büchleins war, jüdische Kinder zum Christentum zu bekehren. Ich fragte mich, ob es noch mehr solcher Bücher gab. Zunächst sah ich, dass ungefähr fünf bekannt waren. Nach ausgiebigen Nachforschungen entdeckte ich jedoch fast 80 weitere derartige Bücher. Das war der Punkt, an dem ich dachte, dieses Thema sei es wert, dass ich meine Dissertation darüber schreibe.“

Ewoud Sanders wurde 1958 in Den Haag geboren. Er studierte Neuere Geschichte und ist Autor einer wöchentlichen Kolumne zum Thema Sprache in der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad. Sanders hat bisher über 25 Bücher veröffentlicht. 2017 promovierte er an der Universität von Nijmegen. Seine Doktorarbeit trug den Titel: Levis Erste Weihnachten – Kindergeschichten über die Bekehrung von Juden in den Jahren 1792–2015.

„Einige Bekehrungs-Hefte wurden an Juden verteilt. Dies war mit Sicherheit im 19. Jahrhundert der Fall. Bei Sonntagsschultreffen wurden diese Hefte jedoch auch an christliche Kinder verteilt. Sie zielten darauf ab, die Überlegenheit des Christentums zu betonen.“

„Von den fast 80 Büchern, die ich untersucht habe, stammten 37 der protestantischen und 5 der katholischen aus original niederländischer Feder. Bei den anderen handelt es sich um Übersetzungen aus anderen Sprachen. Die Wirkung dieser Bücher war mitunter sehr viel grösser, als ich gedacht hatte. Das Heft ‚Lea Rachels Suche‘ wurde seit 1999 über 10.000 mal verkauft. Aufgrund der Aufmerksamkeit, die meine Dissertation erregte, entschied der Verlag, den Nachdruck der Broschüre einzustellen.“

„Diese Bekehrungs-Broschüren enthalten verschiedene sonderbare Muster und antisemitische Stereotypen. So zum Beispiel: grosse Nasen, schwarze Augen und gewissenlose Charaktere. Mit grobem Strich gezeichnet und frei von der häufigen Raffinesse antisemitischer Erwachsenenliteratur handeln diese Hefte meist von einem jüdischen Kind, das gerne protestantisch oder katholisch werden möchte. Sie zitieren das Musterbild des guten Kindes mit unschuldigen Augen, freundlichem Wesen und einem neugierigen Geist.“

„Eine solche Geschichte verlangt nach einem Kontrast. Jüdische Eltern oder Grosseltern stehen für die „veraltete, starre Religion“, wie christliche Autoren es nennen. Diese ältere Generation wird häufig als gewalttätig dargestellt. Diese Juden haben grausame Herzen und einen bösen Charakter. Sie schlagen Kinder, die konvertieren wollen, und mitunter prügeln sie sie sogar zu Tode.

„Ein komplexer Aspekt ist, dass die orthodoxe protestantische Mission unter den Juden dem Philosemitismus entstammt. Sie sagen: ‚Wir lieben die Juden, Gottes erwähltes Volk, sehr. Wir sind eng mit ihnen verbunden.‘ Ihr Missionsgebot beziehen sie wörtlich aus dem Neuen Testament. Diese orthodoxen Protestanten glauben, Juden müssten zuerst einmal Jesus als ihren Messias anerkennen. Danach können sie – gemeinsam mit den Juden – daran arbeiten, den Rest der Welt zu bekehren.“

„Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den protestantischen und den katholischen Schriften. Diese sind hauptsächlich in unterschiedlichen theologischen Sichtweisen und Traditionen begründet. Die Katholiken stellten 1965 die Veröffentlichung solcher Hefte ein, nachdem der Papst den Katholizismus von der aktiven Mission unter den Juden distanziert hatte.“

„Zwei katholische Bücher zählen zu den grauenvollsten überhaupt. Die Geschichte ‚Der jüdische Junge‘ basiert auf einer mittelalterlichen Legende und es gibt sie in vielen Sprachen. Sie erzählt von einem harmlosen jüdischen Jungen, der gemeinsam mit seinen katholischen Freunden einen Gottesdienst besucht. Bei der Messe erhält er die Hostie. Dies berichtet der Junge seinem Vater, der von Beruf Glasbläser ist. Letzterer gerät in Zorn und wirft sein Kind in den Ofen. Weil aber der Junge in der Kirche die Hostie zu sich genommen hatte, beschützt die Jungfrau Maria ihn und er überlebt. Sein Vater jedoch wird getötet.“

„Diese Geschichte wurde auch sehr erfolgreich als Theaterversion für Kinder verwendet. Diese wurde vor dem Zweiten Weltkrieg dutzendfach aufgeführt. Dieselbe Geschichte gehörte auch zum Lehrplan katholischer Grundschulen für Kinder im Alter von 7 bis 8 Jahren. Mit über 30 Nachdrucken erreichte ‚Der jüdische Junge‘ mit einer Auflage von 300.000 bis 400.000 Exemplaren grosse Verbreitung. In den 1950er-Jahren wurden parlamentarische Anfragen bezüglich dieser Publikation gestellt. Als der Verleger sah, dass sein Umsatz gefährdet war, nahm er die Geschichte aus dem Buch. Auf diese Weise lasen auch nach dem Holocaust noch kleine katholische Kinder die Geschichte von einem jüdischen Vater, der seinen Sohn in einen Ofen wirft. “

„Ein zweites extrem antisemitisches Heft erschien unter verschiedenen Titeln. Einer von ihnen lautet: Der kleine Blutzeuge. Die Hauptfigur, der kleine Abel, erhält von einer Marienstatue die Anweisung, sich taufen zu lassen. Als er dies hört, greift sich Abels Vater seinen Sohn, sperrt in ein, lässt ihn hungern und misshandelt ihn. Letzten Endes wird Abel mit Hilfe eines Rabbis gekreuzigt. Das Kind wird vergraben, aber auch vier Tage später ist sein Blut immer noch frisch und seine Augen nach wie vor geöffnet.“

„Die Kinder, die diesen Schriften ausgesetzt werden, sind nicht in der Lage, Wahrheit von Dichtung zu unterscheiden. Als Wissenschaftler versucht man, so objektiv wie möglich mit diesem Thema umzugehen. Wenn ich solche Geschichten gelesen hatte, musste ich jedoch manchmal hinaus vor die Tür und an die frische Luft gehen.“

„Diese Bekehrungs-Bücher spielten häufig eine viel grössere Rolle bei christlichen Kindern, als dass sie zur Bekehrung von Juden beigetragen hätten. Niederländische Missionsorganisationen bekräftigen diese Schlussfolgerung in ihren Jahresberichten, zum Beispiel wenn sie schreiben: ‚trotz unserer enormen Bemühungen sind in diesem Jahr nur ein oder zwei Juden konvertiert.‘ Sie ergänzen: ‚die Buchführung über diese Statistik findet allerdings im Himmel statt‘.“

Audiatur-Online im Gespräch mit Dr.Ewoud Sanders mit einigen weiteren Fragen zum Thema christlicher Missionsversuche von Juden.  

Audiatur-Online: Wann und wo begann der Versuch der protestantischen Kirche bei  Juden zu missionieren?

Dr. Ewoud Sanders: Im 18.und 19. Jahrhundert begann die Protestantische Kirche in Schottland Juden zur Konversion zu bewegen. Danach entsandten sie Missionare auch in andere europäische Städte mit relativ grossen jüdischen Gemeinden, wie z.B. in Budapest oder Amsterdam, und so weitete sich der Versuch der Mission von Juden in Europa aus.

In Frankreich wurde die Konversion von Juden im 19.Jahrhundert parallel zum Zionismus stark, da die Franzosen verhindern wollten, dass die Juden nach Palästina auswandern und dort die Katholische Kirche schwächen würden. Es war also vor allem ein politischer Grund.

Wann hörten die Missionsversuche in der Katholischen und Protestantischen Kirche auf?

Die Katholiken gaben offiziell mit dem Nostra Aetate, der Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, im Jahr 1965 unter Papst Johannes XIII ihren Stand auf, dass Juden konvertiert werden müssten. Der Papst hatte als Nuntius in Ungarn und Bulgarien die Judenverfolgung gesehen, und selber Juden das Leben gerettet. Hinter diesem Hintergrund ist seine Initiative zu verstehen. Aber als Tendenz blieben viele antisemitische Anschuldigungen auch im Katholizismus bestehen.

Die Protestantische Kirche gab ihre Missionierungsbestrebungen nach dem 2.Weltkrieg  auf, und was blieb war eine orthodoxe protestantische Ausrichtung – den orthodoxen Kalvinismus der bis heute an der Mission festhält. Und nicht nur in den Niederlanden. Dieser Zweig ist überall auf der Welt tätig – auch in Israel.

In den 30er und 40er Jahren gab es in Holland die Bewegung für die Gebete zur Konversion der Juden bei den orthodoxen Protestanten. Ähnlich wie die katholische Karfreitagsfürbitte für die Juden, in welchem für die Konversion der Juden gebeten wird 1, wurde dieses Gebet täglich in den orthodoxen protestantischen Schulen aufgesagt. Heute gibt es in den Niederlanden etwa 150’000 „Orthodoxe Protestanten“ und das alte, abfällige und antisemitisch Stereotyp des „Juden“ wird weiterhin überliefert, so dass Kinder mit diesen Konzepten geprägt werden.

Was hat Sie bei Ihrer Forschung am meisten überrascht? 

Die grösste Überraschung für mich war, dass diese Bewegung der Orthodoxen Protestantischen Kirche noch heute existiert und aktiv ist, und die anti-jüdischen Stereotypen weiterhin verbreitet. Auch wenn das Buch „De zoektocht van Lea Rachel“ (The Search of Lea Rachel ) nicht mehr gedruckt wird , so werden die noch vorhandenen Ausgaben immer noch verkauft. In den Orthodox Protestantischen Schulen findet man diese Bücher immer noch in der Schulbibliothek, und auf meine Anfrage an einen Schüler antwortete mir dieser, dass Schüler aufgefordert werden, alle Bücher in der Bibliothek zu lesen. So haben die meisten Schüler und Schülerinnen auch diese Bücher gelesen.

Überrascht hat mich daher auch, dass weiterhin neue Bücher dieser Art, in welcher die Konversion von Juden und die überragende Stellung von Christen über Juden propagiert wird, weiterhin veröffentlicht werden.

Im genau gleichen Stil wie die alten?

Nein, es gab eine Entwicklung dieser Konvertierungsbücher über Juden: Im 19. Jahrhundert waren es vor allem Übersetzungen ins Holländische aus anderen Sprachen. Ein Beispiel dafür ist das deutsche Buch vom Schweizer Jesuiten Joseph Spillman (1842-1905), mit Titel „Der Judenknabe von Prag“. (1899)

„Der Judenknabe von Prag“. Foto zVg Ewoud Sanders

Später wurden in Holland eigene Bücher veröffentlicht, wie oben erwähnt. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Geschichten im Kriegskontext fabriziert – also über jüdische Kinder, die im Krieg bei Christen versteckt wurden, und die darauf zum Christentum übertraten. In den letzten drei Jahrzehnten hat sich nun ein neuer Stil etabliert: Man nimmt eine historische Geschichte und verwandelt sie in ein neues Narrativ, bereichert mit antisemitischen Stereotypen und Propagandamittel. So nahm man bei der Geschichte von Lea Rachel eine 19-seitige Broschüre mit der Autobiografie einer Frau, die tatsächlich über ihre Konversion schreibt, und machte daraus ein 94 – seitiges Buch, bereichert mit Dämonisierungen, Stereotypenwiederholungen und Verleumdungen gegen Juden.

Das Buch „John, de wijze vriend van de Joden“ (John, der weise Freund der Juden ) ist die Geschichte einer Konversion eines Juden, welches auf das Leben von John Duncan ( 1796-1870) basiert und im Jahr 2016 von C. van Rijswijk , einem ehemaligen Lehrer, neu erzählt und publiziert wurde.

„John, de wijze vriend van de Joden“. Foto zVg Ewoud Sanders

Ich kann nicht verstehen, dass solche Bücher noch veröffentlicht und verbreitet werden.

Nachbemerkung: Auf die Anfrage von Ewoud Sanders an den Verlag Gebr. Koster in Barneveld, welches dieses missionarische Kinderbuch Buch im Jahr 2016 veröffentlichte, erhielt er bis heute keine Antwort.

  1.  die ursprüngliche Form wurde immer wieder verändert, doch in der korrigierten Form von Papst Benedict XVI von 2008 ist der Konvertierungswunsch wieder enthalten: „Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen. „Lasset uns beten. Beuget die Knie. Erhebet Euch. Allmächtiger ewiger Gott, Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Durch Christus, unseren Herrn. Amen“ (Wikipedia http://bit.ly/2tJptW2)
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  • Brigit

    Super Arbeit, danke! Das muss ans Licht – tönt etwa gleich, wie die Hirnwäsche die „palästinensische“ Kinder erhalten. Sein Fazit, bekehrt haben diese Bücher kaum jüdische Kinder, jedoch Antijudaismus in die Kinderherzen der überwiegend protestantischen Kinder gesäät – die Früchte ernten wir reichlich!!

  • Jürgen Friedrich

    Die Diskussion „zu starten“, ab wann Protestanten „jüdische Kinder“ zu missionieren begannen, ist so überflüssig wie ein Kropf. Es ignoriert die historische Tatsache, dass es ursprünglich Juden waren, die ihrerseits (andere) Juden missionierten, nachdem sie die Überzeugung gewonnen hatten, das „alte Judentum“ sei durch Jesus reformiert worden.

    Ein früherer reformiererischer Akt erfolgte in der jüdischen Vor-Geschichte durch Mose, als er „die Juden“ von althergebrachten semitischen ererbten Gepflogenheiten zu was Besserem belehrte. Wie schlecht ihm das gelungen ist, zeigen einerseits die biblischen Berichte nach Mose, andererseits auch die teilweise bekloppten Zustände in der modernen Welt, in welcher nicht nur zahllose christliche Vereinigungen Stillschweigen bewahren, dass sie eigentlich reformierte Juden sind.

    Noch lustiger finde ich die Argumente von Vertretern des heutigen ISRAEL und von heutigen bekennenden Juden, die von Antisemitismus sprechen, wenn nur Kritik am Verhalten Israels geübt wird.