Bar-Ilan-Universitätsprofessor Mordechai Kedar ist Experte für arabische Gesellschaft und Kultur. Er war 25 Jahre lang für den militärischen Geheimdienst der IDF tätig, wo er sich unter anderem auf islamische Gruppen und den politischen Diskurs in arabischen Ländern spezialisierte. Edmund Sanders von der Los Angeles Times nannte Kedar „einen der wenigen arabisch-sprechenden, israelischen Kommentatoren, die auf arabischen Satelliten-Sendern gezeigt werden und Israel verteidigen“. Yvette Schwerdt sprach mit Professor Kedar über die aktuelle Lage im Nahen Osten. 

Audiatur-Online: Professor Kedar, die Ereignisse am Tempelberg haben weltweit für Aufruhr gesorgt. Meinen Sie, dass ein anarchistischer Akt einiger einsamer Wölfe die Eskalation provozierte oder handelte es sich um eine strategisch-geplante Aktion?

Professor Mordechai Kedar: Selbstverständlich war es von langer Hand geplant. Details des Attentats auf die beiden israelischen Polizisten sind unter Verschluss, aber ich meine, dass die Aktion von Hamas entweder geleitet oder zumindest inspiriert wurde. Vergessen Sie nicht, die Täter kamen aus Umm al Fahm. Diese arabische-israelische Stadt  ist eine Hochburg der radikalen Islamischen Bewegung aus dem Norden, einer Schwesterngruppe von Hamas.

Wie beurteilen Sie die israelische Reaktion auf den Anschlag und auf seine Folgen?

Mit dem Aufbau und kurzfristigem Abbau der Metalldetektoren hat sich Israel leider vom Terror unterdrücken lassen und speziell Jordanien gegenüber dumm gehandelt.

Eine harte Kritik. Meinen Sie nicht, dass Israel mit Umsicht eine weitere Eskalation verhindert hat?

Israel hätte von Anfang anders vorgehen und die Schritte mit der US-Regierung koordinieren sollen. Schliesslich begreift jeder Amerikaner, dass freie Länder ihre Bürger vor Terroranschlägen schützen müssen. Die Regierung hat aber den islamischen Widerstand gegen die Sicherheitsmassnahmen unterschätzt und sich die Unterstützung Amerikas nicht rechtzeitig gesichert. Nachdem Israel jetzt unter internationalem Druck kapituliert hat, werden künftig nur Juden und Touristen am Eingang zum Tempelberg durchsucht werden, um sicherzustellen, dass sie keine Gebetsgegenstände mit sich tragen. Muslime, die ihre Präferenz für Terroristen am 14. Juli dieses Jahres unter Beweis stellten, werden hingegen freien Zugang geniessen und Waffen nach Belieben einschmuggeln können. Zwar heisst es, man wird mittelfristig eine sündteure Smart Check-Lösung einführen, aber ich bin bereit, zu wetten, dass das so schnell nicht geschehen wird. Das Klein-Beigeben hat Israel-Hassern mächtig Aufwind gegeben.

Zudem meinen Sie auch, Israel habe speziell Jordanien gegenüber töricht gehandelt. Warum?

Israel hätte Jordanien niemals den „Spezialstatus“ und die Autorität am Tempelberg einräumen dürfen. Welche Nation überlässt einer anderen ein solches Privileg am heiligsten Ort in der eigenen Hauptstadt? Das war die Originalsünde. Noch schlimmer aber ist die Versicherungspolice, die Israel dem Haschemiten-Königreich seit 23 Jahren angedeihen lässt – und zwar ob des Irrglaubens, dass Jordanien als Pufferzone gegen Angriffe aus dem Osten — sprich aus Irak, Iran,  von Al Qaida und ISIS — dienen wird.

Die jordanische Gesellschaft teilt sich in eine palästinensische Mehrheit (etwa 75%) und eine beduinische Minderheit. Die Haschemiten selbst haben kein Volk. Sie sind „Fremdherrscher“, geniessen aber, ob dieser irrigen Annahme die Unterstützung der beduinischen Minderheit bei der Herrschaft über die palästinensische Mehrheit. Und genau das verhindert die dringend-erforderliche, logische Entwicklung, die Jordanien in einen palästinensischen Staat kehren oder das Land in einen palästinensischen und einen beduinischen Staat teilen würde.

Anstatt den Forderungen des jordanischen Königs beizugeben, hätte man ihn in die Schranken weisen müssen. Schliesslich war er es, der hinter dem anti-Israel UNESCO-Beschluss zu Jerusalem gestanden hat. Agiert so ein Land, das ein Friedensabkommen mit uns hat?  Die Haschemiten-Monarchie verdankt Israel ihr Leben. Israel hat es nicht nötig, ihr nachzugeben. Jetzt wird Israel hart daran arbeiten müssen, das eigene angeschlagene Image wieder aufzupolieren. Mit der gegenwärtigen Regierung und ihrer Einstellung wird es schwer sein, die krummen Strassen des Nahen Ostens geschickt zu lavieren.

Apropos krumme Strassen: Wie sehen Sie die Verbindung zwischen den diversen israel-feindlichen Organisationen, sprich Hamas, PA und Hisbollah?

Diese Organisationen sind untereinander verfeindet, leben aber unter einem Dach. Sie müssen manchmal miteinander auftreten, aber ihre Vorgabe, gemeinsame Sache zu machen, ist nicht echt. Überhaupt ist das Thema „palästinensische Nation“ nichts anderes als  „fake News“.

Wie meinen Sie das?

Bis vor kurzem gab es keine Palästinenser. Niemand kannte einen palästinensischen König, Führer, Dichter oder Schriftsteller. Es gab keine palästinensische Währung. Kurz die palästinensische Nation ist eine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts. Die arabische Gesellschaft ist traditionell in Stämme und Familienclans unterteilt.

Deshalb können die einzelnen Gruppen sich auch nicht einigen. Einig sind sie sich lediglich bei ihrer Sucht nach dem Geld, das sie von Europa bekommen. Nur deshalb versuchen sie irgendwie zu kooperieren. Und weil das Geld fliesst, und sie süchtig danach geworden sind, arbeiten sie nicht und versuchen auch nicht, die eigene Wirtschaft anzukurbeln. Vielmehr herrscht Korruption. 

In Israel fürchtet man, dass Hisbollah gegenwärtig zu einem Krieg aufrüstet. Wie konkret sehen Sie die Gefahr aus dem Norden?

Hisbollah ist der libanesische Tentakel der iranischen Krake. Wenn Iran beschliesst Krieg gegen Israel zu führen, dann wird Hisbollah angreifen. Aber ein solcher Krieg könnte verheerende Folgen zeitigen für Hisbollah, für den Libanon, und für die riesigen Raketenbestände, die Iran an Hisbollah geliefert hat. Solange Iran keinen dringenden Handlungsbedarf sieht, wird es wohl nicht zu einem Krieg kommen. Was allerdings im Iran passiert, hängt von diversen Variablen ab, etwa davon, was in den USA, in Russland, in Saudi Arabien, in den Emiraten, und in China geschieht; wie sich die Öl- und Gaspreise entwickeln; und wie die Märkte tendieren. Sicher, der Iran verfolgt eine hegemoniale Politik, er ist aber auch Teil eines grossen, komplexen Puzzles, in dem diverse Interessen und Gesichtspunkte mit hineinspielen.

Wie kann sich Israel bereits im Vorfeld am besten schützen?

Natürlich mit einer starken, mächtigen Armee!

Meinen Sie nicht, dass kluge Diplomatie Gewaltausbrüche und Krieg verhindern kann?

Sehen Sie, das ist genau der Punkt, den viele wohlmeinende Beobachter nicht verstehen. Der Nahe Osten hat ein anderes Profil und eine andere Kultur als Europa. In Europa spricht man mit Opponenten. Hier droht man ihnen. Nur so kann man im Nahen Osten überleben –mit Power und noch mehr Power. Leider. Ich selbst bedauere das, aber ich weiss auch: Wenn wir keine starke Armee hätten, gäbe es kein Israel! Unsere Feinde würden uns komplett ausradieren.  Sie würden Israel nicht mal als briefmarkengrosse Einheit auf dem Strand von Tel-Aviv tolerieren.

Was steckt, Ihrer Meinung nach, hinter diesem Hass?

Es gibt zahlreiche nationalistische, territoriale und emotionale Probleme. Die Basis der arabischen Feindschaft gegenüber Israel ist aber religiös-motiviert. Der Islam sieht sich anderen Religionen gegenüber überlegen. Er wurde gegründet, um Judentum und Christentum zu ersetzten, nicht um friedlich mit ihnen zu koexistieren. Juden und Christen, sowie Mitglieder anderer Religionen, sollen, so der Islam, als „dhimmis“, sprich als Bürger zweiter und dritter Klasse unter der Herrschaft des islamischen Führers leben und seinem Wohlwollen ausgesetzt sein.

Sehen Sie eine Lösung für die Konflikte im Nahen Osten?

Ja, die Lösung liegt in der Schaffung von acht palästinensischen Emiraten. Es handelt sich um unabhängige Stadtstaaten, die nach Stämmen aufgeteilt werden und damit der arabischen Gesellschaftsstruktur entsprechen. Schliesslich konnten wir in den letzten Jahren beobachten, dass Staaten im Nahen Osten auf katastrophale Weise auseinanderbrechen. Denken Sie nur an Syrien, Irak, dem Sudan, Jemen und Lybien.  Nur Emirate, die auf dem Clan, der Familie, basieren, funktionieren im Nahen Osten.  Die Lösung wäre also die Errichtung von Emiraten in Jenin, Nablus, Ramallah, Jericho, Tul-Karm, Kalkilya, dem arabischen Teil von Hebron und dem Gaza-Streifen. Lokale Bewohner würden Bürger dieser unabhängigen Stadtstaaten werden.

Glauben Sie, es wird jemals Frieden im Nahen Osten geben?

Ja, aber nicht was man herkömmlicherweise unter Frieden versteht. Was wir erreichen können, ist lediglich ein temporäres Friedensabkommen, wie es einst Mohammed in Hudaibiya geschlossen hat und das seither wohl das Konzept eines Friedensabkommens 1 in arabischen Ländern prägt. Eine solche Waffenruhe können wir erzielen, solange wir stark sind, solange sich niemand mit uns anlegen will.“

Professor Kedar, vielen Dank für dieses Gespräch.

  1. Kedar verweist auf den allerersten Friedensvertrag, den Mohammed in 628 in Hudaibiya schloss; Dieser Friedensvertrag war temporär ausgelegt und sollte dazu dienen, Muslimen eine Kampfpause zu gewähren, damit sie Kräfte für den Angriff sammeln können. Diese Art von Frieden prägt die arabische Gesellschaft heute noch.
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  • H. Buechi

    Dieser sog. Friedensvertrag auf 10 Jahre von Hudaibiya war
    nur ein Waffenstillstand! Mohammed brach diesen Vertrag wegen eines nichtigen
    Anlasses nach 2 Jahren, nachdem er aufgerüstet hatte. Hudaibiya steht daher
    symbolisch für die Unverbindlichkeit von Verträgen mit Ungläubigen. Kurz nach
    dem Oslo-Abkommen wies Arafat denn auch auf diesen Vertrag hin, als er in einer
    Moschee über „Oslo“ sprach.

    Frieden? Nein, denn nach islamischer Lehre darf es nicht sein, dass (einst)
    islamisches Gebiet von Nicht-Muslimen regiert wird – wie im Falle Israels. Ist
    dies eingetreten, muss das Land um jeden Preis wieder unter muslimische
    Herrschaft gestellt werden. Dass Israels Präsenz rechtmässig ist, basierend auf der Balfour-Deklaration (international anerkannt in San Remo 1920) und dem auch heute gültigen Völkerbundmandat von 1922, interessiert die muslimische Welt nicht.

  • Lustenberger Uri

    Exzellenter Bericht von Mordechai Kedar, dem ist nichts beizufügen. Dieser Experte analysiert und benennt die Dinge wie sie sind und ist nicht getrieben von naiven Wunschvorstellungen eines Nahostfriedens, wie dies vor allem europäische Politiker unermüdlich in die Welt hinaus posaunen.