Foto shlomi kakon Pikiwiki Israel, CC BY 2.5, Link

In diesem Jahr wurde der jährliche Trauertag um die Zerstörung der Jerusalemer Tempel vor fast 2000 und etwa 2500 Jahren am 1. August begangen. Der Tag ist nach seinem hebräischen Datum benannt, dem 9. Tag des Monats Av.

In der jüdischen Geschichte gibt es noch zahlreiche andere traumatische Ereignisse, die mit diesem Datum in Verbindung gebracht werden, so die Niederlage der jüdischen Rebellen während ihres Aufstandes gegen die Römer in Beitar. Angeblich begann die Vertreibung aller Juden aus England an diesem Datum, die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 und schliesslich noch die Deportation der Juden aus dem Ghetto Warschau 1942. Hier sei angemerkt, dass das orthodoxe Judentum, also die jüdische „Religion“, bis heute keinen Gedenktag für die bislang grösste Katastrophe des jüdischen Volkes festgelegt hat, des Holocaust.

Der Tempel in der Geschichte

Fromme Juden fasten an diesem Tag und lesen aus dem kurzen biblischen Buch „Eikha“, den Klageliedern. Tausende finden sich auf dem Platz vor der Klagemauer ein, dem offen sichtbaren Teilstück der westlichen Umfassungsmauer des Tempelareals. Früher versammelten sich die Juden auch auf dem Ölberg oder südlich und östlich der mächtigen Umfassungsmauer, deren Überreste stellenwiese bis in die Zeit des Königs Salomon, also rund 1000 Jahre v.d.Z. zurückreichen. Die Juden beten ausserhalb des Berges, weil Ihnen der Zugang zum Tempelplatz seit der Zerstörung des von König Herodes erweiterten Tempels durch die Römer im Jahr 70 n.d.Z. verwehrt ist. Erst haben die Römer an der Stelle des Tempels einen Zeus-Altar errichtet. Später, unter den Byzantinern und den Kreuzfahrern wurde die von Juden wie Christen verehrte Heilige Stätte in eine Kirche verwandelt. Im 7. Jahrhundert errichteten die muslimischen Eroberer mit Hilfe byzantinischer Architekten über dem „Gründungsstein“ den Felsendom, eines der schönsten und künstlerisch wie architektonischen bis heute perfektesten Bauwerke des Islam. Der Felsendom wurde seitdem zum Symbol Jerusalems. Erst 1994 verwandelte König Hussein von Jordanien die einst schwarz-bleierne Kuppel in ein vergoldetes Kupferdach.

Die vielfach in den Medien verbreitete Behauptung, dass es sich bei der Westmauer um einen letzten Rest des Tempels selber handle, ist jedenfalls falsch. Denn der Tempel stand mitten auf dem Berg und war viel kleiner als das Heilige Areal, das die Moslems heute Haram A Scharif nennen, das „Erhabene Heiligtum“.

Legenden und Erzählungen

Zahllose biblische Geschichten und Legenden ranken sich um das Allerheiligste, dem Herzen des zerstörten Tempels.

Ursprünglich sei es die Tenne des Jebusiters Arauna gewesen. König David habe sie für Geld erworben (2. Sam 24,18). Hier stellte David die Bundeslade auf, die vorher in Silo gestanden hatte. Es heisst, dass Abraham an dem Ort auf dem „Berg Moria“ seinen Sohn Isaak opfern wollte und Jakob dort die Himmelsleiter geträumt habe. Jesus habe im Tempel gelehrt und die Moslems behaupten, dass sich am Nordende des Felsens der Ausgang des Gartens Eden befinde, aus dem Adam und Eva nach dem „Sündenfall“ vertrieben worden waren. Diese Legende bedeutet, dass genau dort, am Ende der Tage, auch wieder der Eingang zum Paradies sein werde.

Moderne Forscher behaupten, dass es den König David nie gegeben habe. Und dass Gott die Welt in sechs Tagen rund um diesen Gründungsstein geschaffen habe, wird von vielen „aufgeklärten“ Menschen als Kindermärchen abgetan. Seit „neuestem“ kommt noch hinzu, dass der Prophet Muhammad von dort aus mit seinem Pferd oder Kamel Burak seine Himmelsreise angetreten habe. Aber die geballte Heiligkeit rund um den Tempelberg verwandelt den Ort in einen der explosivsten Plätze der Welt. Von dort werde der Dritte Weltkrieg ausgehen, behaupten manche. Religion, Glaube und die entsprechenden Verschwörungstheorien können ganze Berge versetzen und haben auch in der Vergangenheit schon die Welt in schwerstes Unglück gestürzt. Dieser Tage steht der Tempelberg wieder im Zentrum des Geschehens, mit der Warnung, dass die tödlichen Unruhen eine „neue Intifada“, einen erneuten arabischen Frühling und gar einen riesigen Krieg auslösen könnten.

Verschwörungstheorien

Versuche, den Juden zu unterstellen, dass sie die El Aksa Moschee zerstören wollen, um an ihrer Stelle den alten jüdischen Tempel zu errichten, gibt es seit den 1920er Jahren. Damals hetzte der Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin el Husseini, zu Pogromen auf, die zu zahlreichen Morden an Juden und zu der Auslöschung der jüdischen Gemeinde in Hebron führten. Im Gedenken an die Aktionen des Muftis nannte PLO Chef Jassir Arafat die von ihm monatelang im Voraus geplante zweite Intifada „El Aksa Intifada“. Auch Arafat gelang es erfolgreich, die muslimischen „Gefühle“ gegen die Juden zu aktivieren.

Tatsächlich gab es unter sehr radikalen Juden Pläne und Vorbereitungen, den Felsendom zu sprengen und an seiner Stelle den Tempel wieder erstehen zu lassen. Eine Spezialeinheit der Jerusalemer Polizei hat allein die Aufgabe, darüber zu wachen, dass niemand den Tempelberg attackiert, aus der Luft oder durch unterirdische Tunnel. Das traditionelle Judentum hat solche Bestrebungen mit religiösen Argumenten abgeblockt. Weil niemand genau wisse, wo sich das „Allerheiligste“ befunden hat, das nur am Jom Kippur der Hohe Priester nach umständlichen und heute unmöglichen Reinigungsritualen betreten durfte, verbietet das Rabbinat heute mit grossen Schildern am einzigen Eingang für nicht-muslimische Besucher das Betreten des Tempelbergs.

Warnschild des Rabbinats am Mughrabi-Tor. Foto Ulrich Sahm
Warnschild des Rabbinats am Mughrabi-Tor. Foto Ulrich Sahm

Auch am diesjährigen Tischa Be´av veröffentlichte Oberrabbiner David Lau eine Warnung an „alle Juden“, sich nicht durch Betreten des Tempelareals zu „verunreinigen“. Über 1000 Juden hörten nicht auf diese Warnung und besuchten trotzdem den Berg in grösseren Gruppen für eine scharf überwachte extrem kurze Führung von etwa 10 Minuten. In der arabischen Propaganda, unter anderem aus Jordanien, wurde Israel deswegen prompt angeklagt, einen „Ansturm von Siedlern“ an der heiligen muslimischen Stätte erlaubt zu haben.

Angesichts der religiös, emotional und politisch angespannten Lage muss weiteres Blutvergiessen befürchtet werden.

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Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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