Das Hauptgebäude der Post in Damaskus, mit Bildern von Hafez al-Assad und seinem Sohn Baschar al-Assad. Foto Patrickneil - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.
Das Hauptgebäude der Post in Damaskus, mit Bildern von Hafez al-Assad und seinem Sohn Baschar al-Assad. Foto Patrickneil - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

„Tausendfach Tod der Muslimbruderschaft“, sagte der syrische Präsident Hafez Assad 1982, als die kampferprobte islamistische Bewegung eine Rebellion gegen sein Regime anzettelte. Der Konflikt, der mit einem Artillerieangriff niedergeschlagen wurde und mindestens 10.000 Syrer das Leben kostete, wurde damals als religiös motivierter Angriff auf ein weltliches Regime verstanden. Er war jedoch weitaus komplexer, und dies erklärt zum Teil den aktuellen Bürgerkrieg in dem bedauernswerten Land des Assad-Clans.

Die Revolte von 1982 erfolgte etwa 210 Kilometer nördlich von Damaskus, in der Stadt Hama, die tatsächlich eine Brutstätte islamistischen Fanatismus war und ist.

Die Stadt am Fluss Orontes, die es bereits seit biblischen Zeiten gibt (sie wurde einmal von David erobert), war ausserdem überwiegend sunnitisch, während die Assads zur Minderheit der Alawiten gehören, die der ältere Assad der sunnitischen Mehrheit in Syrien aufzwang.

Die Alawiten wichen kurz nach dem Tod Mohammeds von der Hauptrichtung des Islam ab, als sie, ebenso wie die Schiiten, der Meinung waren, der Schwiegersohn des Propheten, Ali, solle dessen Nachfolger werden. Dennoch unterscheiden sich die Alawiten auch von den Schiiten. So feiern sie zum Beispiel Weihnachten, beachten grösstenteils den Ramadan nicht, bauen keine Moscheen und behalten einige zoroastrische Traditionen bei. Daher werden sie von Sunniten häufig als Heiden angesehen.

Auch die Schiiten betrachten die Alawiten nicht als Anhänger ihres Glaubens. Wegen der Verehrung von Ali sehen die Schiiten in den Alawiten jedoch eher irrende Brüder als Häretiker.

Das ist die religiöse Einzigartigkeit der Alawiten. Weitere Unterschiede liegen in ihrer Anzahl und in ihren Siedlungsgebieten. Die Anzahl – weniger als drei Millionen der 21 Millionen Einwohner Syriens vor dem Krieg – ist gering, und die Siedlungsgebiete abgelegen. Sie gruppieren sich um die Nusayriyah-Berge östlich der Mittelmeerküste Syriens.

Trotzdem errangen die Alawiten nach der Machtergreifung durch Hafez Assad im Jahr 1970 nach und nach die wichtigsten Positionen in Regierung, Militär, Polizei und Geheimdiensten Syriens. Gleichzeitig weiteten sie ihre Präsenz entlang der Küste weiter aus, mussten sich in den wichtigsten Metropolen Damaskus und Aleppo den Platz jedoch mit einer grossen sunnitischen Bevölkerung teilen.

„Die eiserne Faust DER ALAWITEN“

Hier liegen, kurz gefasst, die Wurzeln des syrischen Bürgerkrieges.

Die eiserne Faust DER ALAWITEN war raffinierter als es so manchem klar ist.

Im Bestreben, die tiefen ethnischen und religiösen Gräben Syriens zu überwinden, hoffte Assad, die Syrer mit seinen Ambitionen für ein Grosssyrien, das sich in den Libanon, Jordanien, Israel, den Irak und die Türkei ausdehnen sollte, zu einen.

Gleichzeitig schmiedete Hafez Assad in dem Wissen, dass er allein eine grosse und feindselige Bevölkerung nicht würde kontrollieren können, ein System interner Bündnisse mit anderen Minderheiten, darunter eine Reihe christlicher Konfessionen und auch die nicht-muslimischen Drusen. Insgesamt waren dies, zusammen mit den Alawiten, etwa 30 % der Bevölkerung.

Während sie diese Minderheiten schützten und einigen ihrer Führer hohe Posten zuwiesen, verbündeten sich die Alawiten auch mit einigen Teilen der sunnitischen Aristokratie, wie etwa der Familie von Bashar Assads glamouröser Ehefrau Asma, die, wie ihr Mann, einige Jahre in London verbracht hat, wo sie als Investmentbankerin arbeitete.

Dennoch blieb Syrien ein fragiles ethnisches und religiöses Mosaik, wobei sich die sunnitische Mehrheit, die 60 % der Bevölkerung ausmachte, als wirtschaftlich unterdrückt, sozial benachteiligt und politisch entfremdet empfand. Die Abgründe dieser Entfremdung wurden deutlich, als sich Firas Tlass, der Sohn von Hafez Assads – und bis 2004 auch Bashar Assads – Verteidigungsminister Mustafa Tlass 2012 auf die Seite der Rebellen schlug.

Zu alledem unterdrückte das Regime auch die Minderheit der 10 % Kurden und verweigerte ihnen sogar das Recht auf Staatsbürgerschaft. Das war das ethnische Gebäude Syriens, das der Bürgerkrieg zum Einsturz brachte.

Jetzt, nach über sechs Jahren intensiven Gemetzels, in dem über eine halbe Million – meist sunnitische – Syrer getötet und mehr als zehn Millionen vertrieben wurden – erkennt Assad, dass Syrien nicht als das Syrien aus dem Krieg hervorgehen wird, als das es hineingegangen ist.

Angesichts dessen ist die Strategie des Regimes offensichtlich eine Neuordnung der Verteilung der syrischen Minderheiten.

Assad hat erkannt, dass er die grossen sunnitischen Bevölkerungsgruppen im Osten nicht umsiedeln kann und so versucht er, die im Westen zu beseitigen. In diesem Kontext erfolgte im April der Gasangriff auf die überwiegend sunnitische Stadt Sheikh Shakhun, die etwa 15 Kilometer nördlich von Hama liegt.

Geheimdienstberichte weisen darauf hin, dass sich Assad mit Hilfe seiner iranischen Verbündeten daran macht, die Küste, die östlichen Ausläufer der Nusayriyah-Berge sowie Aleppo, dessen Schuttberge sich bis in den Norden dieses Kontinuums erstrecken, „ethnisch zu säubern“.

Angriffe wie der im April sollen die Sunniten in die Flucht nach Osten – oder ins Ausland – treiben, damit sie durch Schiiten aus dem Irak ersetzt werden können. Die Chancen auf ein Gelingen dieses finsteren Plans mögen aktuell gering erscheinen. Andererseits waren vor nur drei Jahren Experten auf der ganzen Welt davon überzeugt, dass Assads Tage an der Macht gezählt seien.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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