Sigmar Gabriel vor seinem Treffen mit Israel's Präsident Reuven Rivlin in Jerusalem am 25. April 2017. Foto Yonatan Sindel/Flash90
Sigmar Gabriel vor seinem Treffen mit Israel's Präsident Reuven Rivlin in Jerusalem am 25. April 2017. Foto Yonatan Sindel/Flash90

Israel kann sich vor der Flut falscher, giftiger und gehässiger Anwürfe kaum mehr retten. Dabei geht es nicht um die sogenannten „fake-news“ aus sozialen Medien, sondern um gezielte Diffamierung im Namen der Diplomatie.

Die ungeheuerliche „Demokratie“ des Herrn Gabriel

Deutschlands SPD-Aussenminister Sigmar Gabriel, bekanntlich auch Vizekanzler in der grössten europäischen Demokratie, erklärte gegenüber dem Hamburger Abendblatt: „Die aktuelle Regierung sei nicht Israel, auch wenn sie das gern so darstelle.“

Man muss die israelische Regierung oder gar ihren Premierminister weder mögen noch der Politik zustimmen. Zu behaupten, sie sei nicht Israel, ist ein grundsätzlicher Verstoss gegen die Regeln der Demokratie. Benjamin Netanjahu ist nun mal demokratisch gewählt und hat gemäss allen Regeln der Kunst eine Mehrheitskoalition auf die Beine gestellt. Würde Gabriel auch behaupten, dass Frau Merkel nicht für Deutschland spricht und Herr Trump nicht für die USA?

Und wenn Gabriel schon so Israels Regierung delegitimiert, warum schweigt er zu seinem „Freund“ Mahmoud Abbas, der seit 2006 nicht wiedergewählt worden ist und mit der Auflösung des Parlaments die Demokratie in der Autonomiebehörde abgeschafft hat? Über die demokratische Legitimation der Hamas im Gazastreifen müssen hier wohl keine Worte verloren werden. Gleichwohl hatte ausgerechnet Gabriel bei einem seiner Besuche in Nahost von Israel gefordert, diese palästinensische Partei anzuerkennen. Wo in der Welt anerkennen Staaten politische Parteien anderer Länder und über was sollten sie mit ihnen verhandeln? Die Frage, ob Israel nun auch die NPD oder die AFD anerkennen sollte, beantwortete er mit einem lauten Lachen und brach dann das Gespräch abrupt ab.

Die „National- Religiösen“ – wo sind sie?

In deutschsprachigen Medien wird die israelische Regierung gerne als „national-religiös“ bezeichnet. Die Likudpartei Netanjahus ist vielleicht „national“, aber gewiss nicht religiös. Die Partei des Finanzministers Kachlon passt weder in die eine, noch in die andere Schublade. Die „Frommen“ in der Koalition bedienen nicht das Klischee „Siedlungspolitik“. Sie kümmern sich um die Einhaltung der Sabbatgesetze, also rein innenpolitische Angelegenheiten, die in den Medien im Ausland kaum oder keinen Widerhall erfahren.

Und wenn schon die jetzige israelische Regierung plump und verfälschend als „national-religiös“ definiert wird, kommt man beim Gedanken an Deutschland schnell auf fiese Parallelen. Kanzlerin Angela Merkel ist doch Parteivorsitzende der CDU. Wegen des „hohen C“ im Namen dieser rechtskonservativen Partei müsste sie eigentlich als „national-religiös“ bezeichnet werden. Und wie müsste nun die Grosse Koalition der „nationalen“ CDU mit der „sozialistischen“ SPD bezeichnet werden? Der Anstand verbietet es, in Deutschland die Bezeichnung „National“ und „Sozialistisch“ zu einem Wort zusammen zu ziehen.

Wäre „Israelkritik“ ein Parteiprogramm,

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat in einer neuen Studie herausgefunden, dass der „moderne Antisemitismus“ in Deutschland seit 2014 von 28% auf 40% im Jahr 2016 angestiegen ist. Die entscheidende Aussage lautete: “Aufgrund der Politik Israels, kann ich verstehen, dass die Leute etwas gegen die Juden haben.” So wird die Studie in der Jerusalem Post zitiert.

Bemerkenswert ist, dass es keinen ähnlichen Begriff für Kritik an anderen Ländern gibt, in denen Menschenrechtsverbrechen und Verstösse gegen das Völkerrecht drastischer sind als vermeintlich in Israel: Syrien, Irak, Jemen und anderswo. Allein anhand dieser Studie kann man sehen, dass Aussenminister Gabriel mit seinem Eklat in Israel innenpolitisch, im Vorfeld der Neuwahlen im September, nur positiv punkten konnte. Es ist anzunehmen, dass er diese Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung kannte und als profilierter Politiker auch wusste, daraus Kapital zu schlagen.

Eine Woche später kam der Bundespräsident Dr. Frank Walter Steinmeier. Ebenfalls SPD-Genosse wie Gabriel, doch in anderer Rolle, um in Israel nun wieder die „Wogen zu glätten“.

…könnte man damit in Deutschland Wahlen gewinnen

Erneut wurde berichtet, als hätten die Medien nichts verstanden. Wieder wurde behauptet, dass Netanjahu den „Eklat“ mit Gabriel provoziert habe, weil er keine Treffen mit „regierungskritischen Organisationen“ dulde. Steinmeier reagierte darauf – ohne Netanjahu beim Namen zu nennen – in seiner Rede in der Hebräischen Universität mit „klaren Worten“: „Sprechverbote helfen nicht beim Verstehen, und sie schaffen kein Verständnis“, sagte Steinmeier. Und weiter: „Wer seine Stimme erhebt, wer Kritik übt, der ist kein ‚Volksverräter‘, sondern eigentlich ein Volksbewahrer.“

Ohne „Breaking the Silence“ und „B’Tselem“zu nennen, lobte der Bundespräsident deren zivilgesellschaftliches Engagement in Israel. Sie verdienten „unseren Respekt als Demokraten auch dann, wenn sie einer Regierung kritisch gegenüber stehen“. Wer hingegen die Pluralität von Gesellschaft ablehne, „stellt sich selbst ins Abseits“. Soweit der Spiegel.

Ein Schlag ins Gesicht für jeden Israeli

Netanjahu hat sich allein gegen die Organisation „Schweigen Brechen“ gewandt und das ausdrücklich nicht wegen „Regierungskritik“ oder wegen „Siedlungspolitik“, sondern allein wegen deren fraglichen Methoden und unnachweisbaren Behauptungen, israelische Soldaten pauschal als Kriegsverbrecher darzustellen. Das konnte, durfte und wollte Netanjahu als gewählter Premier nicht unmittelbar vor dem Jom haZikaron hinnehmen. Dieser Feiertag ehrt alle Soldaten der israelischen Armee, welche in Kriegen oder bei Terroranschlägen gefallen sind. Am Jom haZikaron wird auch der Zivilisten gedacht, die Opfer des palästinensischen Terrorismus geworden sind. Der Tag beginnt am Vorabend um 20 Uhr (nach dem jüdischen Kalender beginnen die Tage mit dem Sonnenuntergang) mit dem einminütigen Signalton einer Sirene. In dieser nationalen Schweigeminute hält das gesamte Land den Atem an, die Israelis gedenken der Opfer und zeigen ihren Respekt. Und man kennt die Namen wirklich. Jeder tote Soldat, jeder ermordete Zivilist wird nach den Anschlägen namentlich erwähnt und vom ganzen Land betrauert. Unvorstellbar, dass man in Israel mit Terroropfern so anonym umgehen würde, wie in Berlin nach dem Anschlag am Breitscheidplatz.

Der Gedenktag geht in den Unabhängigkeitstag nahtlos über. Hier erinnern sich die Menschen daran, welcher Preis für die Unabhängigkeit bezahlt werden musste und was durch das Opfer der Soldaten erreicht wurde. Die meisten Israelis haben in der Armee gedient. Es gibt wohl keinen Israeli, der nicht mindestens einen Gefallenen persönlich kannte. Eine Diffamierung der IDF ausgerechnet beim Besuch deutscher Volksvertreter konnte nicht übler platziert werden, als im Umfeld dieses nationalen Trauertages.

Und wenn Steinmeier nun behauptete, Kritiker seien keine „Volksverräter“, so gibt es erstaunlicherweise sogar in Deutschland Vorgänge, die durchaus als Verrat gesehen werden. Warum sonst gibt es so viel Aufregung um den mutmasslich rechtsextremen und terrorverdächtigen Bundeswehrsoldaten Franco A.?

Am deutschen Wesen kann kein Israeli genesen

Es gibt kaum eine Familie in Israel, die keinen Soldaten stellt. Eine Kriminalisierung ihrer Soldaten, die täglich ihren Kopf hinhalten müssen, um das Land gegen militärische Angriffe, Raketenbeschuss oder Messerstecher-Terror zu verteidigen, ist weder für rechte, noch für linke israelische Demokraten hinnehmbar. Eine Diffamierung ihrer Söhne und Töchter, Väter und Grossväter, Kinder und Enkel als „Kritik“ zu bezeichnen und zu erwarten, dass das auch noch goutiert wird, ist ignorant, überheblich und instinktlos.

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Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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  • Maurice Tszorf

    Ich habe insgesamt vier Antworten geschrieben, Zwei kamen durch.
    Die kritische Antwort eines anderes Forenten ist auch verschwunden.
    Na dann weiß ich ja, woran ich hier bin.

    • Was genau wissen Sie? Wie sie sehen wird sogar dieser Kommentar freigeschalten….

      • Maurice Tszorf

        Ich weiß, dass ich vier Kommentare geschriebe habe, zum selben Thema, und zwei sind nicht sichtbar. Ein weiterer Kommentar eines anderen Forenten ist auch nicht mehr sichtbar. Dieser Kommentar war überaus kritisch. Meine betrachte ich nicht als überaus kritisch.

      • Maurice Tszorf

        Noch ist er nicht freigeschaltet:Noch ein wenig Geduld, die Genehmigung durch Audiatur-Online steht noch aus.“

  • Lustenberger Uri

    Exzellenter Bericht von U. Sahm ! Ein anderer Kommentarschreiber zu obigem Bericht, hätte eine reelle Chance sich als linientreuer Journalist bei der PA zu bewerben. Ideologiemässig besitzen beide das gleiche armselige Niveau, sie plädieren gebetsmühlenartig permanent für die Einhaltung der Menschenrechte in Israel, die Gleichberechtigung der Palästinenser etc, etc..
    kurz gesagt, für die Abschaffung Israels. Herr Steinmeier und besonders Herr Gabriel sollten dringend vor ihrer eigenen Haustüre wischen. Dort mutiert ein deutscher Soldat (Offizier) mit Nazi Ideologie zum syrischen Asylbewerber, ohne dass die zuständigen Behörden dies bemerkten !!!Das gleiche Desaster passierte auch beim Terroristen Anis Amri (Anschlag auf Weihnachtsmarkt in Berlin, Dezember 2016). Auch dieser Mann lebte in Deutschland mit verschiedenen Identitäten, 14 in Zahlen ausgedrückt !! Wo ist die deutsche Gründlichkeit nur geblieben.
    Wahrhaftig sollte die deutsche Regierung ihren eigenen Stall gründlich ausmisten, bevor sie mit erhobenem Zeigefinger schulmeisterliche Lektionen in Sachen Demokratie an Israel erteilen will…

  • Swen Widmer

    Interessant zu lesen 🙂 desto mehr berichte ich in dieser Art lese desto sympathischer wird Steinmeier.

    Mit seiner Aussage vor der hebräischen Universität hat Steinmeier den Nagel auf den Kopf getroffen : wann wird Israel sich als einzige Demokratie in der Region mit den begangenen Kriegsverbrechen auseinandersetzen ? Oder ist auch diese Frage nicht angebracht wie jegliche Kritik ?

    Trauriger Fakt ist das die antijüdische Stimmung in Europa zunimmt – dies im wesentlichen aufgrund der nicht mehr tolerierbaren Handlungen Israels.

    Eine Abkehr von „Israel als jüdischer Staat “ zu einem sekulären Staat mit Gleichberechtigung für alle Bewohner der beanspruchten Gebiete ohne Segregation ist längst überfällig.

    Die Rückgabe der besetzten Gebiete welche nicht im 1948 Plan enthalten sind muss eingeleitet werden.

    • Ulrich Sahm

      Lieber Swen Widmer,
      In Israel werden Soldaten und Zivilisten verurteilt, wenn ihnen Mord oder auch Kriegsverbrechen gerichtlich nachgewiesen werden können. Siehe die Mörder von Palästinensern, die Brandstifter von Tabgha, Elor Asarija usw. Wann wurde zum letzten Mal in der PA ein Palästinenser wegen Anschlägen auf Juden verurteilt?
      Sag doch gleich, dass Du für eine Abschaffung Israels bist und dass gleichzeitig den Palästinensern ihre Bürgerrechte im Rahmen der PA, inklusive die palästinensische Staatsbürgerschaft, genommen werden sollte. Das ist nämlich der wahre Inhalt Deines Kommentars.

      • Swen Widmer

        Lieber Ulrich Sahm,

        Wozu die Segregation ? Weshalb setzt sich Israel nicht mit den begangenen Kriegsverbrechen (zBsp. Libanon) auseinander ? Und wieso ist jede Israel kritische Stimme ein Feindbild ?

        Israel muss sich wandeln — die pseudo rechte für palästinenser müssen auf eine solide Basis gebracht werden – dazu ist die PA ohne Israel nicht in der Lage.

        Welchen Plan gibt es die besetzten Gebiete zurückzugeben ? Die Antwort das man dies 1967 angeboten hat wird wahrscheinlich deine sein.

        So wie man in den Wald ruft so kommt es zurück und das und nur das ist die aktuelle Situation im Kontext meines Posts.

        Jetzt kann man kindlich sagen : ja die anderen haben auch nicht oder in deinen Worten „Wann wurde zum letzten Mal in der PA ein Palästinenser wegen Anschlägen auf Juden verurteilt?“ …. Sehr zielführende Haltung eines demokratischen Staates — die Zeit läuft.

        Israel demontiert sich selbst …. Stück für Stück, Siedlung für Siedlung , Angriff für Angriff, destabilisierung der Nachbarstaaten …. die Liste ist traurigerweise schier unendlich.

    • Maurice Tszorf

      Eine „Abkehr von Israel als jüdischer Staat“ ist erstrebenswert, weil jede Art von Nationalstaat problematisch ist. Aber das gilt nicht nur für Israel. Leider ist der Nahe Osten nicht so weit wie Europa – und auch Europa begibt sich stückweise in die voreuropäische Phase zurück – es gibt „Animositäten“. Ganz klar ist die Existenz von Juden in dieser Region von den Nachbarn Israel, einschließlich der Palästinenser, nicht erwünscht. Zweifellos gäbe es das Land nicht mehr, wenn es militärisch nicht in der Lage gewesen wäre, sich zu halten. Es hat also gar keine Wahl, als die Anerkennung des Staates als „jüdische Heimstatt“ einzufordern. Wie eine „Einstaatenlösung“ aussehen würde, sehen wir im Libanon, wo sich Araber (Christen, Drusen, Moslems) seit Jahrzehnten die Schädel einschlagen, ebenso in Syrien und Irak (ditto), und in den anderen arabischen Staaten nur deshalb nicht, weil sie mit eiserner Hand, Folter, und Exekutionen regiert werden. Was für eine Chance hätten die Juden Israels in einem „sekulären Staat mit Gleichberechtigung für alle Bewohner“? Ich sag’s Ihnen: 0.

  • Staubkorn177

    Herr Sahm, haben Sie bitte
    Nachsicht mit den anderen Ländern, Deutschland inbegriffen.
    Ja, wir sollten die heilige Schrift mal aufschlagen,
    dort steht eindeutig geschrieben, wem das Land Israel,
    in seinen Grenzen, als Erbteil durch den Allmächtigen Schöpfer
    besiegelt und bestimmt ist. Aber nicht den Palästinensern.
    Deswegen kann und sollte man verstehen, warum es keine
    zwei Staaten Lösung für Israels Regierung geben kann.
    Denn wer an die heilige Schrift glaubt, muss sich dieses eingestehen,
    ob er will oder nicht.
    Was mir persönlich sorge bereitet und auch weh tut im Herzen ist
    folgendes.
    Israel hat den Sohn des Allmächtigen nicht anerkannt als er auf
    Erden war und verleugnet Ihn bis heute.
    Was das Ergebnis hieraus wird, ist wiederum nachzulesen
    in des Allmächtigen Schrift.
    Keiner Religion dieser Erde anzugehören, bedeutet nicht
    alleine zu sein, im Gegenteil.
    Es steht geschrieben: Wo zwei oder drei, in meinem Namen versammelt
    sind, da bin ich mitten unter Ihnen.
    Wer an solche Worte glaubt ist nicht allein.
    Herr Sahm. Es wird bald eine sehr schlimme Zeit über Israel und
    die Welt hereinbrechen und dann wird die Decke, die über
    Israel war, weggenommen und sie werden unter Tränen und Wehen Erkennen müssen, dass des Allmächtigen Sohn, auf Erden war. Dann wird dem Überrest von Israel, vor aller Augen
    der Welt, übernatürlich mit seiner starken Hand geholfen.
    Wir sollten jetzt Wahrheit, Gerechtigkeit und Hoffnung in unseren
    Rucksack sammeln.
    Denn diesen Vorrat, werden wir dann, in dieser schlimmen Zeit benötigen.
    Alles Gute Ihnen.

  • Maurice Tszorf

    Ulli, bei der Aufzählung der Regierungsparteien hast du geflissentlich die Partei „HaBayit hayehudi“, das sehr wohl „national-religiöse“ und immerhin zweitgrößte Glied der Regierung nach dem Likud übersehen. Ich habe drei Mal nachgelesen, und HaBayit hayehudi nicht gefunden. Auf Grundlage dieser Auslassung sodann zu schließen, die Regierung könne nicht „national-religiös“ sein, grenzt haarscharf an Demagogie.

    Ebenso falsch ist die Aussage, Breaking the Silence stelle israelische Soldaten pauschal als Kriegsverbrecher dar. Erstens wäre das ein Schuss in den eigenen Fuß, denn die Mitglieder von Breaking the Silence sind allesamt altgediente Soldaten, die unabhängig von ihrer politischen Meinung weiterhin Reservedienst ableisten, zweitens geht es in erster Linie um die Politik, die Soldaten dazu zwingt, Kriegsverbrechen zu begehen. Ob diese Kriegsverbrechen von den üblichen Vorgehensweisen von Soldaten in Kampfgebieten abweichen, dar dahingestellt sein, und darum darf und soll sich auch eine Diskussion entwickeln.

    Das solltest du nicht nötig haben.

    • Ulrich Sahm

      Lieber Maurice, In Netanjahus jetziger Regierung sitzen auch Schass und die anderen Orthodoxen. Natürlich kann man pauschalisieren und sie „national-religiös“ bezeichnen. Aber wenn man eine Regierung auf solche Elemente reduziert, anstatt sie einfach nur als „Regierung“ ohne Adjektiv zu bezeichnen, dann gibt es gemäß gleichem Formulierungsprinzip in Deutschland eine „national-sozialistische“ Regierung und Merkel ist Vorsitzende der „nationalreligiösen“ Partei.
      „zweitens geht es in erster Linie um die Politik, die Soldaten dazu zwingt, Kriegsverbrechen zu begehen“. Ich verstehe. Natürlich doch. 12.000 Raketen auf Israel sind noch lange kein Grund, deswegen in den Krieg zu ziehen. Das meinst Du doch wohl mit „Politik“. Und die Tatsache, dass Israel bis zu einem neuen Abkommen gezwungen ist, das Besatzungsregime aufrecht zu erhalten, scheint Dir verborgen zu sein. Die Ägypter wollten den Gazastreifen nicht zurücknehmen, und Jordanien wird sich hüten, den Zustand von 1967 wieder herzustellen. Und Deiner Meinung hat es wohl ab 2000 keinerlei Grund für Israel gegeben, auf Vorgehen der Palästinenser zu reagieren. Und Selbstmordattentate sind wohl wirklich kein Grund gewesen, in der Westbank wieder einzumarschieren? Das meinst du doch wohl.
      Schau Dir doch mal die Publikationen und Ausstellungen von Breaking the Silence genauer an, vor allem jene „Zeugenaussagen“ die sich inzwischen als falsch oder verfälscht herausstellen und ohnehin nicht nachgeprüft werden können. Die Ausstellungen in Europa haben genau den gewünschten Effekt, den ich beschrieben habe.
      Ich habe volles Verständnis, dass Du gegen die Besatzung usw. bist. Aber alles was vor allem bei den Linken heute vorgeschlagen wird, ist nichts anderes als Träumerei und linke israelische Selbstbefriedigung. Eine Rechnung ohne den Wirt. Genau das ist der Grund, weshalb die Linken seit Jahren in der Versenkung verschwunden sind.
      Warum wohl haben Abbas oder vorher Arafat bis jetzt nicht ihren vermeintlich so sehr gewünschten Staat ausgerufen. Palästinensische Unabhängigkeit hieße auch Verantwortung für jeden Anschlag. Dann wäre jede Rakete ein Kriegsgrund.
      Das wäre nicht nur eine Ende des Traumes, sondern auch ein Ende Palästinas. Sie wissen genau, dass sie sich dann an die Regeln halten müssten. Das wäre dann ganz schnell das Ende des Traumes palästinensischer Unabhängigkeit, zumal dann das ganze Gebilde pleite gehen würde, denn niemand würde dann noch Milliarden für den „Aufbau“ des palästinensischen Staates rechtfertigen können. Die könnten jeden afrikanischen Staat fragen, wieviel sie als normale Entwicklungshilfe dann bekämen.
      Als Deutscher ist es mir völlig wurscht, was die Israelis wählen. Als Journalist muss ich die Realität und die Fakten zur Kenntnis nehmen.

      • Mark Nu

        Starke Antwort, sauber argumentiert!

        (Wenn Sie den Ausdruck „Besatzung“ nicht adaptiert hätten, dann hätte die Antwort mir noch ein Stück besser gefallen:
        Die Anwesenheit der IDF zum Schutz des Inneren weist in Israel nicht auf
        eine Besatzung hin, sondern vielmehr auf eine besondere Gefahrenlage,
        die ich als jahrzehntelangen Bürgerkrieg bezeichnen würde)

      • Maurice Tszorf

        Du legst mir Worte in den Mund. Ich spreche davon, dass BtS nicht israelische Soldaten pauschal als Kriegsverbrecher anprangert, sondern die Tatsache, dass Kriegsverbrechen begangen wurden (wie in jedem Krieg), und du machst daraus, dass ich verlange, Israel solle sich gegen Raketenangriffe nicht verteidigen dürfen.

      • Maurice Tszorf

        Im Übrigen bin ich wie du der Meinung, dass die palästinensische Führung weder an einem Frieden noch an einem eigenen Staat interessiert ist. Genauso wenig wie die israelische Regierung (und alle bisherigen Regierungen aller Couleur). Der status quo ist für die politischen und vor allem wirtschaftlichen Eliten auf beiden Seiten optimal. Deshalb wird sich daran auf absehbare Zeit – sprich: bis es von außen, wenn alle endgültig die Nase voll haben, beiden Seiten aufgezwungen wird – auch nichts ändern.

      • Maurice Tszorf

        Ach ja, noch ein Punkt, „national-religiös“. Die israelische Parteienlandschaft kann nicht auf die deutsche übertragen werden. Die Maßstäbe sind völlig andere. So wie „links“ und „rechts“ in Israel etwas anderes bedeuten, als in Europa, so ist die Ausrichtung der kleineren Parteien hier viel segmentierter, als in Deutschland, mit klaren, engen Interessensbereichen. Schass ist religiös, aber nicht national-religiös, ebenso wie Yahadut Hatorah. Beide sitzen vor allem des Geldes und der Durchsetzung religiöser Regeln im israelischen Alltag wegen in der Regierung, alles andere geht ihnen gerade mal am A***h vorbei (aktuelles Beispiel Lag Ba’Omer).

        Es gibt ganz klar eine „national-religiöse“ Partei, nämlich Ha’Bayit Ha’Yehudi: Eine Partei mit nationalistischer Ausrichtung, mittlerweile völlig offen auf die Annektion der Westbank hin, basiert auf religiös-historischer Ideologie des antiken Judäas, das genau dort lag. Führungskräfte und Mitglieder der Partei sind mehrheitlich religiös, die wenigen säkularen sind nationalistisch (und, in der Regel, anti-arabisch rassistisch).

        Genau diese Partei hast du in deiner Aufzählung ausgelassen. Vielleicht, weil sie nicht in das Bild passt, das du abgeben wolltest.

        • Cass9376 .

          Und die „HaBayit HaYehudi“ ist sehr wohl eine orthodoxe Partei – nur eben nicht „ultra-orthodox“, im Gegensatz zu „Shas“ und „Yahadut HaTorah“. „HaBayit HaYehudi“ wird ja vor allem von den orthodoxen „Siedlern“ in der Westbank gewählt.

    • Elisabeth Lahusen

      hier stand doch eine Antwort von Ulrisch Sahm- wo ist die denn?