Moshe Zuckermann. Foto Screenshot Youtube
Moshe Zuckermann. Foto Screenshot Youtube

Es ist merkwürdig, wie sehr Menschen durch die kulturellen Muster der menschlichen Gruppe geprägt werden, in die sie hineingeboren wurden, auch wenn sie sich dessen vielleicht gar nicht bewusst sind. Unter Juden gibt es eine etwas ironische Ansicht über eine bestimmte Denkart, die man „talmudisch“ nennt. Davon spricht man, wenn ein Gelehrter religiöse Texte benutzt und dabei dank einer besonders verdrehten Logik – die allerdings durchaus sehr scharfsinnig sein kann – und geistigen Verrenkungen zu bizarren Ergebnisse kommt.

von Evyatar Friesel

Ein interessantes Beispiel dieser verborgenen kulturellen Macht ist Professor Moshe Zuckermann, ein im höchsten Masse assimilierter Jude und überzeugter Marxist ohne jegliche bekannten Verbindungen zu jüdisch-orthodoxen Kreisen. Seine politischen Ideen in Bezug auf den Zionismus und Israel folgen einem der Wege des talmudischen Denkens, nämlich dem Modell der umgedrehten Pyramide, bei der ein breites Spektrum von eloquent und oft leidenschaftlich vorgetragenen, miteinander verwandten Ideen auf einer bestimmten Prämisse aufgebaut wird. Das Problem mit Zuckermanns Logik ist, dass seine Prämisse – der Punkt, auf dem die umgedrehte Pyramide steht – ein subjektiver Einfall ist, der keiner historischen Analyse standhält.

Geboren 1947 in Tel Aviv, verbrachte Moshe Zuckermann einen Teil seiner Jugend in Deutschland und kam in den späten sechziger Jahren nach Israel zurück. Er studierte an der Universität Tel Aviv, an der er später Professor für Geschichte und Philosophie wurde. All diese Zeit blieb er mit der deutschen akademischen und publizistischen Szene verbunden. Die meisten seiner Bücher und Artikel sind auf Deutsch erschienen, er kommt immer wieder in der deutschen Presse vor und nimmt regelmässig an akademischen Veranstaltungen in Deutschland teil. Im Folgenden soll es um einen Artikel gehen, den er kürzlich in einer deutschen marxistischen Zeitschrift namens Junge Welt  (Nr. 34, 10. Februar 2017) veröffentlicht hat. Der Titel: “Deutsche Befindlichkeiten”. Zwei wichtige, miteinander verbundene Themen des Artikels sind der Antisemitismus und der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Was Zuckermann dazu schreibt, entspricht den Positionen, die er schon in anderen Publikationen vertreten hat. Die Grundannahmen, die er bei beiden Themenfeldern macht, sind höchst zweifelhaft. Was den Antisemitismus betrifft: Hass gegen Juden ist nicht, wie er meint, ein Vorurteil wie jedes andere, so wie Xenophobie, Feindseligkeit gegenüber dem Islam,  Diskriminierung von Frauen oder Schwulen; Antijudaismus ist vielmehr eine Doktrin, eine christliche Doktrin, die tief verwurzelt ist in der westlichen Kultur. Sie ist das Ergebnis einer Konfrontation, die sich bis zu den Anfängen des Christentums zurückverfolgen lässt. Schon bei Apostel Paulus ist sie erkennbar, wurde dann im vierten Jahrhundert von Augustinus von Hippo ausformuliert und im Mittelalter weiterentwickelt. In der Neuzeit kam es dann zu einer weiteren erstaunlichen Entwicklung: Die Judenfeindschaft übernahm säkulare Motive und wurde unter einem neuen Namen bekannt: Antisemitismus. Dieser verband sich mit einer radikalen Absicht, die in der alten Judenfeindschaft noch nicht vorhanden war: die Juden – die jetzt als eine verderbliche Rasse definiert wurden – auszurotten.

Eine der Illusionen unserer Zeit, ein verständlicher Fall von wishful thinking war, dass der Horror der Schoah die westliche Kultur so erschüttert habe, dass sich Wege eröffneten, die Judenfeindschaft ein für allemal abzuschaffen. Leider eine Täuschung. Teile der westlichen Gesellschaft wurden zwar erschüttert (unter ihnen die Kirchen), doch einige Jahrzehnte des Insichgehens und der Gewissenserforschung sollten, wie sich zeigte, nicht ausreichen, um etwas abzuschaffen, dass seit zwei Jahrtausenden zum spirituellen Erbe des Westens zählt.

Wie ein Chamäleon hat die Judenfeindschaft über die Jahrhunderte hinweg ihre Farben geändert. Die Leitmotive wechselten, heutzutage sehen wir sie in der neuen Tracht: als Antiisraelismus. Immer verankert in der breiten westlichen Gesellschaft, wurde die Judenfeindschaft im 19. und 20. Jahrhundert hauptsächlich von Angehörigen des politisch rechten Teils der Gesellschaft formuliert. Auch dies hat sich inzwischen geändert: Der ideologische Impuls der aktuellen, sich auf Israel konzentrierenden Judenfeindschaft kommt heute hauptsächlich von links.

Doch zurück zu Zuckermann: Da seine Grundhypothese in Bezug auf Judenfeindschaft – der Punkt auf dem seine umgedrehte Pyramide steht – fehlerhaft ist, ist auch das daraus resultierende Konstrukt sinnlos. Zwar ist sich Zuckermann bewusst, dass es in der Gegenwart eine antijüdische Strömung in linken Kreisen gibt. Seine Erklärung dafür aber ist kompliziert und nicht überzeugend. Eigentlich ist die Sache viel einfacher: Im Fadenkreuz der zeitgenössischen Linken sind nicht so sehr die Juden, sondern der jüdische Staat. Aus eigenen ideologischen Gründen heraus versucht die Linke heutzutage, Brücken zum islamistischen Lager zu bauen. Das Problem dabei ist, dass die Hauptwerte beider Seiten unvereinbar sind. In grundlegenden Angelegenheiten wie der Säkularisierung, den Menschenrechten, der Trennung von Kirche und Staat, den Frauenrechten etc. vertreten Linke und Islamisten entgegengesetzte Standpunkte. Ein Thema aber gibt es, wo beide Seiten sich treffen: wenn es gegen die Juden und Israel geht. Mit neuen Parolen, unbewusst oder vielleicht sogar bewusst, lodert die alte Judenfeindschaft bei westlichen Linken wieder hoch.

„die bösen Israelis mit ihren bösen Absichten“

Der zweite Fall von Denken in einer umgedrehten Pyramide bei Zuckermann ist seine Einstellung zu dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Einer meiner Professoren an der Hebrew University, der scharfsinnige Schmuel Ettinger, hat einmal eine schöne Parabel erzählt, die hier sehr gut passt. „Evyatar“, sagte er, „stell Dir mal Filmaufnahmen eines Boxkampfes vor, die so geschnitten sind, dass man nur einen der beiden Boxkämpfer und seine Bewegungen sieht. Was für einen Eindruck würden wir bekommen? Dass es sich um einen verrückten Typen handelt, dessen Benehmen nicht dem gesunden Verstand entspricht.“ Genau so beschreibt Zuckermann die Israelis: Der Film wird von ihm durch der Mitte geschnitten. Die Ziele der arabischen Seite, die klar formulierten Absichten von Hamas und Hisbollah, die Drohungen Irans, die Tatsache, dass es in diesem seit einem Jahrhundert anhaltenden Konflikt von arabischer Seite nicht einen einzigen ehrlichen Versuch gab, zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen – all dies ist aus Zuckermanns Schilderung herausgeschnitten. In seinen Büchern und Äusserungen findet man nur die bösen Israelis mit ihren bösen Absichten, die für die ganze Region eine Bürde seien. Wie ist eine solche Einseitigkeit zu erklären? In bester talmudischer Tradition gibt es in Zuckermanns Denken eine Verdrehung (a drey auf Jiddisch): Das Hauptmotiv, das seine Ideen (und die Ideen ähnlich gesinnter jüdischer Kollegen) beeinflusst, hat nichts mit den Arabern zu tun. Was ihn wirklich bewegt, ist eine mächtige Aversion gegen den Zionismus.

Das Treffen der umgedrehten Pyramiden: der Zionismus

Zuckermanns Meinung in Bezug auf den Zionismus scheint auf den ersten Blick einfach. Wie er es beschreibt, ist der Zionismus eine der drei jüdischen Antworten auf den modernen Antisemitismus; die beiden anderen sind die jüdische Assimilation und der Sozialismus. Wieder eine umgedrehte Pyramide: Weder war der Antisemitismus ein Hauptgrund für die Entstehung des Zionismus, noch war der Zionismus vor der Gründung Israels eine Lösung für das Problem der antisemitischen Angriffe. Im Jahr 1939, am Vorabend der Schoah und nach mehr als vierzig Jahren organisierter, weltweiter zionistischer Tätigkeit, belief sich die Zahl der Juden in Palästina auf ungefähr 400.000. Das waren lediglich 2,5 Prozent aller Juden der Welt. Mehr noch, ein bedeutender Teil dieser zweieinhalb Prozent waren nicht einmal Zionisten, etwa die Ultraorthodoxen. Anders ausgedrückt, der Antisemitismus hat womöglich Juden zur Emigration nach Amerika bewegt, kaum aber nach Palästina.

Zwar hat der Antisemitismus für den Zionismus eine Rolle gespielt, dasselbe gilt aber auch für die anderen von Zuckermann erwähnten Wege im modernen Judentum. Auch im Zionismus gab es ein gewisses Mass an „Assimilation“, in dem Sinn, dass viele politische Konzepte des modernen europäischen Denkens vom Zionismus übernommen wurden. Es entstand auch in der zionistischen Bewegung eine sehr einflussreiche sozialistische Ausrichtung, die einige der interessantesten sozialen Experimente der Neuzeit hervorbrachte, wie den Kibbutz und den Moschaw. Alle drei, Antisemitismus, Assimilation, Sozialismus – und auch der Nationalismus – waren ideologische Richtungen, die vom Zionismus aufgenommen wurden; sie waren aber nicht der Quell seiner Stärke. Die innere treibende Kraft des Zionismus war ein machtvolles Ideal, das spezifisch jüdisch ist: ahawat-zion, der Drang nach Zion, und schiwat-zion, der Traum von der Rückkehr. Diese geistig-ideologischen Konzepte sind nur schwer in westliche Ideenmuster zu übersetzen und passen ganz bestimmt nicht in das marxistische Schema. Es war aber diese Fusion aus essenziellen geistigen Werten des traditionellen Judentums mit Ideen, die vom modernen europäischen Leben übernommen wurden, die den mächtigen Funken erzeugte, der im Zionismus steckt. Dieser Funke war stark genug, um die Zerstörung des europäischen Judentums im Zweiten Weltkrieg zu verkraften, einen jüdischen Staat zu gründen und ihn erfolgreich zu verteidigen und all dies in einer der schlimmsten Stunden der jüdischen Geschichte – eine erstaunliche Leistung. Schaut man sich die grössere jüdische Geschichte an, sieht man, wie sich mit der Gründung des jüdischen Staates ein Modell wiederholte, das grundlegend ist, um die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes zu verstehen. Jüdische Staatlichkeit bedeutet das ständige Anpassen der Juden an die Gegebenheiten und Möglichkeiten der jeweiligen Gegenwart, verbunden mit der Bewahrung ihrer Eigenart als jüdisches Volk.

All dies ist aber nicht Zuckermanns Meinung und macht auf ihn offensichtlich wenig Eindruck. Er ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Milieus ähnlich denkender Juden, das es in der Diaspora und auch in Israel gibt. Das umgedrehte Verständnis der modernen jüdischen Zustände seitens dieser jüdischen Intellektuellen ist ein rätselhaftes Phänomen, handelt es sich doch um intelligente Menschen und geschulte Wissenschaftler. Wie kommt es, dass ihnen der Kompass abhanden kommt, sobald es um den Zionismus geht oder um den jüdischen Staat, so dass sie mitunter in reinen Unsinn abgleiten? In einer klassischen marxistischen Verdrehung behauptet Zuckermann, der Zionismus habe ein Interesse am Fortbestand des Antisemitismus gehabt, da er doch – nach bester dialektischer Denkart – ein Mittel zum (zionistischen) Zweck darstelle. Oder nehmen wir Micha Brumlik, einen deutsch-jüdischen ideologischen Seelenverwandten Zuckermanns, der vor kurzem erklärte, der nach den Anschlägen in Paris Anfang 2015 an die französischen Juden gerichtete Aufruf des israelischen Premierministers Netanjahu, sie sollten nach Israel kommen, habe „mehr mit dem Wunsch nach einem gemeinsamen Tod als mit Überleben“ zu tun. Dies, so Brumlik, sei auch der Sinn des Zionismus gewesen: ein gemeinsamer, würdiger Tod. „Dieser Mythos ist ein roter Faden in der jüdischen Geschichte“. Zionismus also als Todeswunsch, statt als der Ausdruck jüdischer Kreativität und Lebensfähigkeit.

Ideologische Richtungen im aktuellen Judentum

Wo, auf dem breiten Feld gegenwärtiger jüdischer Identitäten, befinden sich die antizionistischen Juden? Gewiss, ein nachdenklicher Jude kann Schwierigkeiten haben, sich als jüdisch zu definieren, wenn man all die äusseren und inneren Umwälzungen in Betracht zieht, die es im jüdischen Leben in den letzten hundert Jahren gab: einerseits die Modernisierung und die soziale Integration in der nicht-jüdischen Umgebung, dazu massive Wanderungen zwischen Ländern und Kontinenten, die mit dem Zionismus einhergehende Umwälzung und die Gründung des jüdischen Staates. Und auf der anderen Seite der Antisemitismus, die Zerstörung des europäischen Judentums sowie die wiedererwachte Judenfeindschaft in unseren Tagen. Das Leben steht nicht still und neue Entwicklungen in der jüdischen Gesellschaft (eigentlich: in den Gesellschaften) wie auch in den Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden verändern auch heutzutage die Gestalt des Judentums. Für die Mehrheit der Juden gehört zwar die Wiedergeburt des jüdischen Staates zur Vergangenheit, aber das zionistische Konzept – und damit auch die Gesinnung in Bezug auf Israel – ist zur Trennlinie zwischen zwei Lagern im jüdischen Leben geworden, zwischen Zionisten und Nichtzionisten. Auch dies bestimmt, wie man sich heute als Jude definiert. Allerdings müssen die Begriffe „Zionist“ und „Nichtzionist“ mit Vorsicht verwendet werden, angepasst an die aktuellen veränderten jüdischen Gegebenheiten und ihre verschiedenen Richtungen. Die zionistische Richtung umfasst sowohl Juden (innerhalb und ausserhalb Israels), die man allgemein-jüdisch nennen kann und die politisch liberal sind als auch die Siedlerbewegung in Judäa und Samaria, die überwiegend religiös geprägt und politisch rechtsextrem ist. Die Beziehungen zwischen beiden  Gruppen sind gespannt.  Auch das nichtzionistische Lager ist uneinheitlich. Viele dieser Juden sind so sehr an die nichtjüdische Welt assimiliert, dass sie sich für jüdische Angelegenheiten kaum interessieren. Sie stehen einem Charaktertypus nahe, den Isaac Deutscher vor Jahrzehnten beschrieb: der “nichtjüdische Jude.“ Um das Bild zu ergänzen, gibt es im aktuellen jüdischen Lager eine dritte Richtung, die charedim, die ultraorthodoxe Gesellschaft (eigentlich auch hier: Gesellschaften), die in den letzten Jahrzehnten zu einem wachsenden und bedeutsamen, wenn auch umstrittenen Faktor im jüdischen Lager geworden ist. Die jüdischen Antizionisten sind wiederum eine Untergruppe für sich. Letztlich muss man anerkennen, dass Israel der Ort ist, wo die meisten der neuen jüdischen Auffassungen formuliert werden.

In diesem breiten Spektrum von Positionen, das von der Ultraorthodoxie bis zur beinahe vollen Integration in die nichtjüdische Umgebung reicht, gehören die meisten antizionistischen Juden zum Flügel der nahezu voll Assimilierten. Einige von ihnen sind merkwürdige Figuren, die schwer an den Folgen des jüdischen Lebens im 20. Jahrhundert tragen, aber tief verbunden sind mit dem westlichen Leben und der westlichen Kultur. Als Untergruppe, die doch noch zum jüdischen Umfeld gezählt wird, haben sie ihre eigenen Kennzeichen. Die Meinung vieler ihrer Kritiker, dass es sich um selbsthassende Juden handelt, ist simplistisch und ungenau: zumeist handelt es sich um ganz normale Menschen – solange der Zionismus nicht erwähnt wird. Einige sind bewusste Juden, andere stehen dem Judentum gleichgültig gegenüber, und einer von ihnen, Shlomo Sand, ein Israeli, hat kürzlich mitgeteilt (in einem ganzen Buch), dass er “aufgehört hat, ein Jude zu sein“. Diese Leute zeigen wenig Interesse oder Verständnis für Fragen, die für andere Juden sehr bedeutend sind, wie etwa die Assimilation oder die neue Judenfeindschaft. Obwohl sie öfters mit judäophoben Nichtjuden zusammenarbeiten, sind sie nicht gegen Juden im Sinne der klassischen Antisemiten. Sie sind zwar kritisch eingestellt gegenüber Israel und der israelischen Gesellschaft, doch einige von ihnen leben sehr gut in Israel.

Ein grosser Teil des modernen Judentums wurde berührt von dem eigenartigen jüdischen Funken, dem Traum von schiwat zion, der Rückkehr, und hat einen emotionalen und konzeptuellen Anker in der neuen jüdischen Realität, Israel, gefunden, auch wenn sie nicht in diesem Staat leben. Seltsamerweise wurden auch die antizionistischen jüdischen Intellektuellen von dem Funken getroffen – aber auf eine negative Art und Weise. Ihre tief emotionale Haltung gegenüber dem Zionismus deutet eine persönliche Dimension an, dies ist aber jenseits meiner Expertise als Historiker.

„Was die Europäer den Juden angetan haben, ist wirklich furchtbar, aber…“

Antizionistische Juden konzentrieren sich meistens auf ein Thema, den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, aber die von ihnen vorgeschlagenen Lösungen sind so imaginär wie ihre Analysen. Schlimmer noch, ihr Einfluss auf den andauernden Konflikt ist höchst problematisch. Die Tatsache, dass Muslime ein falsches Verständnis haben, was die Verbindung der Juden zu Palästina angeht, ist nämlich einer der Hauptgründe, warum sie nicht mit dem zurechtkommen, was für sie ein bedrückendes politisches und ideologisches Problem geworden ist. Ich habe noch keinen muslimischen Intellektuellen getroffen, der nicht das falsche Gerücht wiederholt hätte, wonach es der Antisemitismus gewesen sei, der zum Zionismus geführt habe. Darauf folgte immer: „Was die Europäer den Juden angetan haben, ist wirklich furchtbar. Warum müssen aber die armen Palästinenser dafür zahlen?“ Wenn auch bekannte jüdische Intellektuelle so reden, dann geben sie einer ideologischen Fehlkonstruktion Gewicht, die zu nichts anderem führt, als den Konflikt zwischen Israelis und Arabern immer weiter fortbestehen zu lassen.

Antizionistische Juden haben auch eine Neigung zum Theatralischen: “Israels Schicksal: Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt“, donnert  Zuckermann im Titel einer seiner Bücher, in besten prophetischen Stil. Eigentlich neoprophetisch. Anders als die Propheten der alten Zeit (oder die Antizionisten im vergangenen Jahrhundert) predigen diese jüdischen Kritiker nicht „nach innen“ sondern „nach aussen“: Sie wenden sich an die Nichtjuden. Der vergangene  jüdische Antizionismus war eine interne Debatte, bei der Juden mit Juden diskutierten. Der aktuelle Antizionismus und Antiisraelismus ist hingegen meist eine „externe“ Angelegenheit: Es sind Juden, die sich an Nichtjuden wenden, und unter Letzteren sind viele Judenhasser. Das Publikum von Zuckermann (oder Brumlik, Butler, Sand, etc.) ist in Deutschland oder anderen Ländern, aber nicht in Israel oder in den jüdischen Gemeinschaften in der Diaspora. Und er sagt (bzw. sie sagen) genau das, was ein Teil seines (ihres) nichtjüdischen Publikums gerne hört. Das ist eine surreale Situation. Ich kann mir keinen amerikanischen Intellektuellen vorstellen, der der amerikanischen Regierung und/oder Gesellschaft kritisch gegenübersteht, dessen Hauptbühne aber nicht in Amerika, sondern, sagen wir, in Frankreich ist.

„Judäophobie im aktuellen Gewand“

Wir leben in einer Zeit, wo sich die alte Judenfeindlichkeit im Gewand des Antiisraelismus verbreitet. Das Suchen nach einer Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern wird erschwert von der im Hintergrund köchelnden ideologischen Konfrontation zwischen Juden und Muslimen. Es gibt keinen Grund auf der Welt, an der Ehrlichkeit der iranischen Ajatollahs oder anderen Islamisten zu zweifeln, wenn sie erklären und immer wiederholen, dass es ihre Absicht ist, den jüdischen Staat zu zerstören, und dass sie alles ihnen Mögliche tun werden, um dieses Ziel zu erreichen. Öffentlich werden sie von breiten Kreisen der westlichen Gesellschaft unterstützt. Es ist absolut legitim, diesen oder jenen Aspekt des Lebens in Israel oder der israelischen Politik zu kritisieren. Jede Zeitung in Israel tut das, jeden Tag. Die Zerstörung Israels zu befürworten, ist wiederum etwas ganz anderes: Judäophobie im aktuellen Gewand. Mit Parteien, Staaten oder Menschen, die solche Pläne unterstützen, zusammenzuarbeiten, wie es viele jüdische Antizionisten tun, ist unverantwortlich. Auch hier gibt es aber Unterschiede. Es ist das eine, wenn die Professorin Judith Butler, gut versteckt an ihrer amerikanischen Universität, euphemistisch “Veränderung“ für den jüdischen Staat vorschlägt und die Hamas als eine soziale Bewegung mit linken Kennzeichen beschreibt. Es ist etwas anderes, wenn antizionistische Israelis, die in Israel gut leben, jene unterstützen, die ihre Häuser übernehmen und sie vertreiben wollen.

Die „Anti“-Positionen der jüdischen Antizionisten geben ihnen eine Bühne, doch man findet in ihren Äusserungen nichts, dass für eine Richtung im aktuellen jüdischen Leben hindeutet. Ihre Posaunen sind schrill, aber ihre Analysen oberflächlich, und über ihrer Botschaft hängt eine Wolke der Trostlosigkeit. Etwas mehr Bescheidenheit in ihrem Auftreten und etwas mehr Überlegung bei ihren Aussagen würde den antizionistischen Juden und ihren Aktivitäten ein wünschenswertes Mass an Realismus und Orientierung verleihen.

Evyatar Friesel ist Professor Emeritus für moderne jüdische Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem. Der englische Original-Artikel erschien in BESA Center Perspectives Paper, Jerusalem, No. 436, March 30, 2017.

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