Foto Screenshot www.jewiki.net
Foto Screenshot www.jewiki.net

Jeder kennt Wikipedia. Eine online am Bildschirm gemeinsam erstellte Enzyklopädie in mittlerweile 300 Sprachen. Sie ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken und hat inzwischen allen gedruckten Enzyklopädien, z. B. dem Brockhaus oder Meyers Lexikon, den Garaus gemacht.

Die berühmte Wikipedia ist aber nicht das einzige „Wiki“, es gibt mittlerweile Hunderttausende davon, zu jedem Thema, von den unterschiedlichsten Betreibern. Jedes zweite Unternehmen hat ein Wiki zum Erfahrungsaustausch unter seinen Mitarbeitern, die Hochschulen betreiben Wikis und so weiter. Und so gibt es auch ein Wiki zum Thema Judentum, in deutscher Sprache. Es heisst „Jewiki“, ein „Kofferwort“ aus dem englischen „Jew“ für „Jude“ und „Wiki“.

Jewiki

Das Jewiki ist gleichzeitig das grösste Wiki rund um das Thema Judentum und eine allgemeine Universalenzyklopädie. Es wurde am 16. März 2011 von dem Kulturwissenschaftler und Publizisten Michael Kühntopf gemeinsam mit einem weiteren Ex-Wikipedianer gegründet. Michael Kühntopf, der Betreiber der Seite, ist gleichzeitig Hauptautor eines überwiegenden Teils der originären Inhalte der zurzeit insgesamt etwa 98.000 Artikel, wovon die weit überwiegende Zahl aber aus Wikipedia entnommen und ggf. verändert wurde. Aus praktischen Gründen, damit man sich innerhalb von Jewiki bewegen und nicht ständig zur Wikipedia wechseln muss, sind sehr viele Artikel allgemeiner Art der Einfachheit halber von Wikipedia übernommen worden.

Inhalte und Grundsätzliches

Schwerpunktmässig werden im Jewiki die Themen jüdische Geschichte, jüdische Religion und Kultur behandelt, darüber hinaus werden jüdische Personen jeglicher Couleur porträtiert. Das Jewiki ist wirtschaftlich unabhängig, weltanschaulich neutral und stellt keine Kriterien auf, nach denen Artikel ausgeschlossen werden (ganz im Unterschied zu Wikipedia, wo ganz strenge „Relevanzkriterien“ gelten).

Aufbau und Bedienung von Jewiki

Wer als Leser im Umgang mit Wikipedia vertraut ist, wird sich sofort auch in Jewiki zurechtfinden. Es gibt nämlich nur unwesentliche Unterschiede. Man kann über eine Suchmaske Artikel und Inhalte finden, man kann auch assoziativ vorgehen und von einem Link zum anderen springen. Alles wie gewohnt. Und wer als Autor/Autorin mitarbeitet, entdeckt ebenfalls kaum Unterschiede, da die frei verfügbare MediaWiki-Software auch in Jewiki zum Einsatz kommt.

Besonderheiten

Bei der Darstellung des haredischen Judentums stellt das Jewiki die umfassendste Informationsquelle im Internet dar. Die Jahresartikel des Jewiki bringen eine ausführliche Chronologie aller Aspekte der jüdischen Geschichte. Dazu zählen wichtige Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, Kunst und Kultur, aber auch Auflistungen, welche Personen im betreffenden Jahr geboren wurden, mit Verweisen auf die entsprechende Biographie, darüber hinaus auch Bucherscheinungen und der Nachweis jüdischer Presseerzeugnisse.

Verschiedenste Personen- und andere Listen erlauben eine schnelle zusammenfassende Übersicht über diverse Themengebiete. Das Jewiki listet z. B. jüdische Nobelpreisträger, Ärzte, Erfinder, Schachspieler, Sportler, Suizidenten, Konvertiten etc. genauso auf wie negative Beispiele (jüdische Mafiosi und andere Verbrecher und Extremisten), aber auch Synagogen, Friedhöfe, Kibbuzim, Konzentrationslager, Ghettos, Anschläge, verbrannte Bücher, Auflösungen von Akronymen usw. usw.

Warum wurde Jewiki gegründet?

„Leider mussten Autoren, die viele Jahre intensiv bei Wikipedia zu jüdischen Themen mitgearbeitet haben, die Erfahrung machen, dass ihre fachliche Kompetenz nicht anerkannt und gewürdigt wurde, dass sie im Laufe der Zeit gemobbt, ja regelrecht verfolgt wurden.“ sagt Jewiki-Gründer Michael Kühntopf. Um weiter an einer Wissensvermittlung zum Thema Judentum ohne sachfremde Gängelei und ohne unerwünschte Beteiligung antisemitisch motivierter Einflüsse arbeiten zu können, wurde Jewiki im Jahr 2011 gegründet. Im Vorfeld habe auch die jahrelange Kontroverse um den Zwang, die Sterbedaten jüdischer Persönlichkeiten innerhalb von Wikipedia mit einem christlichen Kreuz kennzeichnen zu müssen, eine wichtige Rolle gespielt, erklärt Kühntopf.

Daseinsberechtigung von Jewiki. Antisemitismusverdacht?

Ein wenig Bauchschmerzen zu Anfang hatte Michael Kühntopf schon, wie ein solches Projekt „draussen“ angenommen würde, vor allem in Bezug auf einen einzigen Punkt: „Ist eine Konzentration auf Jüdisches, auf jüdische Personen, überhaupt durchführbar – ohne in den Geruch des Antisemitismus zu kommen? Die Gründe liegen angesichts der jüngsten Vergangenheit und des von Deutschland verursachten beispiellosen Leides im Umgang mit dem jüdischen Volk unmittelbar auf der Hand.“ so Kühntopf.

Könnte man doch eine Ansammlung von Juden (über Personenartikel und andere Artikel) und eine Zusammenfassung in „Listen“ (welch eine Vergangenheit hat dieses Wort in diesem Zusammenhang!) für eine Stigmatisierung, den Versuch der Begründung der ersten, noch zarten Anfänge einer neuen Ausgrenzung halten.

Kühntopf’s Grundannahmen und Überlegungen waren aber ganz andere: „Es gibt ein jüdisches Volk, eine jüdische Identität, ein jüdisches Kontinuum, was immer man darunter versteht und darüber darf man berichten, in aller Ausführlichkeit – ebenso wie man über Franzosen, Deutsche, Polen, Argentinier oder sonst ein Volk berichten darf.“

Laut Michael Kühntopf, werden die Seitenaufrufe insgesamt bald die 30 Millionen Marke überschreiten. Foto studio Chollet, Affoltern am Albis - www.kuehntopf.ch, CC BY 3.0, Wikimedia Commons.
Laut Michael Kühntopf, werden die Seitenaufrufe insgesamt bald die 30 Millionen Marke überschreiten. Foto studio Chollet, Affoltern am Albis – www.kuehntopf.ch, CC BY 3.0, Wikimedia Commons.

Zielsetzung von Jewiki

Jewiki hat sich zum Ziel gesetzt, ein Maximum an Faktenwissen zum Judentum, zu seiner Kultur, Geschichte, Religion usw., zusammenzutragen und einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Für Michael Kühntopf wäre es auch wünschenswert, wenn zumindest erst einmal die Informationen, die in wichtigen Nachschlagewerken abgelegt, aber nur noch über antiquarisch erhältliche Printprodukte immer weniger der Öffentlichkeit zugänglich sind, in Jewiki übertragen werden könnten. Als Beispiel nennt er die Inhalte des Jüdischen Lexikons (1927 ff.) oder der Grossen Jüdischen Nationalbiographie, des „Wininger“ (1925 ff).

Ausbaustand, Rezeption

„Jewiki hat in den wenigen Jahren seiner Existenz schon viel erreicht. Alles, was man in der deutschsprachigen Wikipedia zu jüdischen Themen findet, sollte man auch in Jewiki finden können.“ so Kühntopf. Eine sehr ordentliche Grundabdeckung sei also bereits erzielt, nicht zuletzt deshalb, weil auch ein grosser Artikelbestand in Wikipedia von jetzigen Jewiki-Autoren erst dort hineingestellt wurde.

Darüber hinaus verfügt Jewiki über tausende von Artikeln und Stubs (Artikelanfänge), insbesondere zu Persönlichkeiten der jüdischen Religion und zu Themen der jüdischen Religion selbst, über die man in Wikipedia (auch in der englischsprachigen Wikipedia, die in dieser Hinsicht viel besser ausgebaut ist) wenig oder nichts findet.

Laut Michael Kühntopf, werden die Seitenaufrufe insgesamt bald die 30 Millionen Marke überschreiten.

Probleme, Zukunftsfähigkeit

Allerdings: Wikis und Online-Enzyklopädien, erst recht zu exotischen Themen, sind schwer zu finanzieren. „Das letzte grosse jüdische Lexikon in deutscher Sprache ist ein fulminantes Vor-Holocaust-Werk, danach hat es nichts Vergleichbares mehr gegeben, weil sich das einfach nicht wirtschaftlich darstellen lässt.“ sagt Michael Kühntopf.

Jewiki finanziert sich über privates Engagement, über Spenden und Legate sowie zu geringen Teilen über Werbung, ist aber laut Kühntopf dramatisch unterfinanziert wie viele vergleichbare Projekte, insbesondere zu jüdischen oder Israel-Themen. Deutlich weniger als zehn Prozent der jährlichen Kosten von Jewiki können über Spenden oder Werbeeinnahmen gedeckt werden.

Wikis haben darüber hinaus einen zweifelhaften Ruf, weil „jeder“ (und jede) mitarbeiten kann. Wissenschaftliche Reputation lässt sich, zumal wegen der nicht vorhandenen „Zitierfähigkeit“, nicht erlangen. Es gibt kaum Mitarbeiter, die ihre Zeit opfern. Es fehlt auch an Sachkompetenz und Beurteilungsfähigkeit. Von vielen potentiell geeigneten Mitarbeitern hört man: „Wieso braucht ihr Mitarbeiter? Es steht doch schon alles drin.“ – Ein grosser Irrtum, so Kühntopf .

Für die Zukunftsfähigkeit von Jewiki sieht Michael Kühntopf angesichts der gewaltigen, essentiell unendlichen Aufgabe und Herausforderung vier denkbare Szenarien:

  • Es findet sich ein Nachfolger oder Nachfolgeteam, das mit ebensolcher Begeisterung und ebensolchem Elan an die Aufgabe geht und den Fortbestand Jewikis sichert.
  • Es ergibt sich eine Kooperation und mittelfristige Übernahme durch eine private Stiftung, durch eine wissenschaftliche Organisation, z. B. ein judaistisches Institut einer Hochschule o. Ä., um Jewiki auf eine breitere Basis zu stellen. Dann wäre die Zukunft gesichert und eine Professionalisierung gewährleistet.
  • Es findet sich ein Gross-Sponsor, der ein wissenschaftlich qualifiziertes, ausreichend dimensioniertes Redaktionsteam zu marktüblichen Konditionen bezahlt. Dann wäre die Zukunft ebenfalls gesichert.
  • Szenario vier: Keine der genannten Möglichkeiten trifft ein. Dann wird Jewiki in einigen Jahren konserviert und eingefroren und als Ruine im Netz stehen bleiben. Die geringen Hostingkosten dürften kein Problem darstellen. Jedes Lexikon ist ein Kind seiner Zeit und auch wenn es einen Redaktionsschluss hat, dennoch enorm wertvoll für Historiker, Volksbildung und für die wissenschaftliche Forschung, siehe z. B. die oben genannten Lexika, von denen man immer noch sehr profitiert und die in Teilbereichen schlicht unersetzlich sind. Es sollte nicht allzu vermessen erscheinen, diesen Anspruch auch für Jewiki zu erheben.
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