Lord Balfour spricht im April 1925 bei der Gründung der Hebräischen Universität in Jerusalem. Hinter ihm sitzen der erste israelische Staatspräsident Chaim Weizmann und Oberrabbiner Avraham Kook. Foto PD
Lord Balfour spricht im April 1925 bei der Gründung der Hebräischen Universität in Jerusalem. Hinter ihm sitzen der erste israelische Staatspräsident Chaim Weizmann und Oberrabbiner Avraham Kook. Foto PD

Anlässlich des 100. Jubiläums der Balfour-Deklaration haben die Palästinenser eine Kampagne ins Leben gerufen, die eine offizielle Entschuldigung und Wiedergutmachung durch die Briten fordert. Diese Bemühung zeigt, wie Stolz, Internationalisierung, Symbolismus und das Spiel mit der westlichen Schuld die palästinensische Verweigerungskultur formen, welche den Fortschritt in Richtung eines stabilen palästinensischen Staates oder des Friedens mit Israel erschwert.

von Dr. Alex Joffe

Ein auffälliger Aspekt der palästinensischen Kultur ist die Ablehnung der Vergangenheit. Am 22. September 2016 wandte sich Mahmoud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), an die UN und sagte: „100 Jahre sind seit der berüchtigten Balfour-Deklaration vergangen, durch die die Briten ohne irgendwelches Recht, Autorität oder Zustimmung von irgendjemandem das Land Palästina an Fremde übergaben.“ Er forderte im Anschluss eine Entschuldigung von Grossbritannien. Abbas hatte zuvor angedroht, London für die Schäden zu belangen, die aus der Deklaration und dem Aufbau Israels resultieren.

Dieser Sturm gegen die Vergangenheit war auch Thema einer kürzlichen Konferenz am University College London, die britische Islamisten und revisionistische Israelis zusammenbrachte, um eine Entschuldigung der britischen Regierung für die Balfour-Deklaration zu fordern, mit dem Ziel, „die Illegalität des Staates Israels zu enthüllen und gleichzeitig praktische Schritte in Richtung eines Endes der israelischen Besetzung Palästinas zu bieten“.

Was sagen uns solche Bemühungen über die palästinensische Kultur und die Aussichten auf Frieden?

Die Balfour-Deklaration ist für Israelis und Palästinenser gleichermassen ein bedeutsamer Festpunkt. Nach langwierigen Verhandlungen zwischen der britischen Regierung und der zionistischen Bewegung gab der britische Aussenminister Arthur Balfour am 2. November 1917 seine berühmte Stellungnahme heraus. Balfours Schreiben an den zionistischen Führer Lord Rothschild war nur ein Teil einer Serie britischer kriegszeitlicher Kommunikation hinsichtlich des Schicksals der Levante, in dem er schrieb, dass das Kabinett „die Etablierung einer nationalen Heimat für die Juden im Land Palästina mit Freuden betrachtet“. Die Korrespondenz zwischen dem britischen Hochkommissar für Ägypten, Sir Henry McMahon, und Hussein Ibn Ali, dem Sharif von Mekka, sowie die geheime anglo-französische Vereinbarung zwischen Sir Mark Sykes und Charles Georges-Picot waren für die Bildung des heutigen Nahen Ostens nicht weniger folgenreich.

Die Araber brauchten eine Weile, um Widerspruch gegen die Deklaration zu erheben. Der britische Bericht über die palästinensischen Unruhen von 1921 merkte an, dass „der Bürgermeister von Tulkarem über die Balfour-Deklaration spricht und seine Meinung darüber sehr eindeutig äussert – ungeachtet der Tatsache, ob er eine deutlichere Vorstellung über dessen Einführung habe als andere Menschen oder auch nicht“. Die palästinensischen Einwände gegen Balfour werden feinsäuberlich vom Historiker Bayan al-Hut aufgezeichnet: „Hierbei handelt es sich um ein Versprechen, das von jemandem gegeben wurde, der kein Recht dazu hatte, es gegenüber denen auszusprechen, die wiederum nicht das Recht hatten, dieses Versprechen zu empfangen.“

Das britische Establishment selbst war gespalten und begann in den frühen 1920er-Jahren negativ auf den Zionismus und Balfour zu reagieren. Dies spiegelte die Verschmelzung des traditionellen Antisemitismus des Establishments mit der wachsenden Realisierung wider, dass das Völkerbund-Mandat für die Implementierung der Balfour-Deklaration eine unmögliche Belastung für ein ausgenommenes und durch den Krieg finanziell ausgeschöpftes Reich war. Dieses Verhalten war eine ausgeprägte Unterströmung während der Jahre des Mandats. Laut dem palästinensischen Historiker Walid Khalidi verbreitete ein britischer Offizieller – amtierender Bezirkskommissar Blenkinsopp für Galiläa – am 2. November eines jeden Jahres unter seinen Kollegen eine „Anfechtung“ der Balfour-Deklaration.

„Anbeginn des Siedler-Kolonialismus“

In der Vergangenheit haben die Palästinenser das Mandat als nicht legitime Ausübung des britischen Imperialismus verurteilt, bei der in al-Huts Worten „einer einem Zweiten gewährt[e], was einem Dritten gehört[e]“. Heutzutage beschreibt die Opposition die Balfour-Deklaration als den Anbeginn des „Siedler-Kolonialismus“.

Diese Innovation passt zu Grossbritanniens sorgfältig kultiviertem Gefühl post-imperialistischer Schuld mit Verantwortlichkeit für „israelische Verbrechen“, einschliesslich der „Mittäterschaft“ bei der vermeintlichen „kulturellen Unterwerfung“ der Palästinenser. Gleichzeitig verspricht der Ansatz, die langjährig besudelte palästinensische Ehre wiederherzustellen, wenn man doch schon dabei versagte, dem Zionismus zu „widerstehen“.

Jedoch zeigen die aktuellen Bemühungen gegen Balfour einen weiteren Standard palästinensischer Reaktionen. Einerseits bekräftigt man völlig ohne Ironie die palästinensische Ohnmacht und die arabische Schwäche in der Vergangenheit und Gegenwart. Der „Widerstand“ gegen das britische Empire und die Zionisten, sowohl friedlich als auch gewaltsam, scheiterte – und daher muss dieses Anliegen in Übereinstimmung mit der palästinensischen Praxis der Vergangenheit international behandelt werden.

Die Ironie ist jedoch, dass Balfours absolut legaler Einsatz, der vom Völkerbund 1920 ratifiziert wurde, genauso angegriffen wird wie die Empfehlung zur Teilung Palästinas im Jahr 1947 durch die UN verurteilt wurde: als nicht legitim und unfair. Für die Palästinenser muss die Internationalisierung zu dem von ihnen gewünschten Ergebnis führen, auch wenn dies bei historischen Aufzeichnungen selten der Fall war.

Es gibt andere traditionelle Elemente in der Kampagne gegen die Balfour-Deklaration, nicht zuletzt das Verkennen der Symbolik für praktische Massnahmen. Vermutlich würde eine Entschuldigung eine teilweise Wiederherstellung der palästinensischen nationalen Ehre erzielen und einen weiteren Schritt in Richtung der vollständigen Vernichtung Israels umfassen.

Dennoch, trotz dem vagen Gerede palästinensischer Aktivisten, die eine „Wiedergutmachung für Balfour“ fordern, die gegen konkurrierende Schadensersatzansprüche durch jüdische Flüchtlinge aus arabischen Ländern gestellt werden würde, ist es schwierig zu sehen, welchen direkten Wert eine Entschuldigung hinsichtlich der Etablierung eines palästinensischen Staates hätte.

Forderungen nach Entschuldigungen und Wiedergutmachung haben sich seit der Konjunkturumfragen-Mission der UN im Jahre 1949 kaum geändert. Damals wurde bei einem Besuch nach Gaza folgendes berichtet: „In einem der Camps haben die Flüchtlinge eine stille Demonstration veranstaltet. Es wurde ein grosses Schild in englischer Sprache gedruckt, auf dem Folgendes, wie dargestellt nummeriert, zu lesen war: 1. Schickt uns nach Hause zurück. 2. Leistet Wiedergutmachung. 3. Pflegt uns, bis wir uns erholt haben. Was sie mit ‚erholt‘ meinten, das überlasse ich Ihrer Fantasie.“

Das Gefühl der aktuellen palästinensischen Führung für Timing und Verpflichtung gegenüber dem Symbolismus verdient Erwähnung. Während Yasser Arafat ab den 1960er-Jahren die palästinensische Bewegung durch die wechselhafte Strömung der Dritte-Welt-Duselei und des Kalten Krieges navigierte, ist von diesen Fertigkeiten heute nichts mehr zu sehen. Die Proteste anlässlich des Jubiläums der Balfour-Deklaration nehmen zu, während sich das arabische Staatensystem auf seinem Tiefpunkt befindet. Syrien, Jemen und Libyen sind nicht mehr, der Irak ist zwischen einem iranischen Rumpf, einer schrumpfenden ISIS-Einheit und einem unabhängigen Kurdistan (in jeder Hinsicht mit Ausnahme des Namens) aufgespalten und der Libanon ist eine von Schiiten dominierte Hülle. Die Palästinensische Autonomiebehörde ist ein Pseudo-Staat, der nur dank fremder Hilfe und israelischer Sicherheitsunterstützung funktioniert.

Der Ton, den die Proteste gegen die Balfour-Deklaration anschlagen – wie ein Konferenzorganisator so schön sagte: „Was in Palästina passiert, ist die grösste soziale Ungerechtigkeit unserer Zeit“ – ist daher nicht nur ein schlichtes Klagelied auf eine Ära, in der die Palästinenser vordergründig im Zentrum arabischer und muslimischer Politik standen, sondern vielmehr ein Widerstand gegen die empirische Realität.

Die Balfour-Entschuldigungskampagne ist somit ein weiteres Element im Krieg der Palästinenser gegen die unbequemen historischen Tatsachen, die geleugnet, angegriffen, umgeschrieben oder anderweitig angegangen werden müssen, anstatt sie zu diskutieren, zuzugestehen oder zu teilen. Dieser Ansatz erklärt solche aussergewöhnlichen palästinensischen Behauptungen wie die fehlende Anerkennung Arafats, es hätte jemals einen jüdischen Tempel in Jerusalem gegeben; Saeb Erekats Aussage, die Palästinsenser seien Nachkommen epipaläolithischer Einwohner und somit die „wahre“ ursprüngliche Bevölkerung des Landes; und das noch konsequentere Beharren darauf, die Juden seien nur Anhänger einer Religion und keine Mitglieder einer Nation.

Hier rutscht „Widerstand“ in dummen Fabulismus ab. Es muss Realität auf Grundlage religiöser Ideologie und fantasievoll erfundener Elemente geschaffen werden. Die palästinensischen Beispiele müssen in einen breiteren Kontext gestellt werden, von den religiösen Behauptungen hinsichtlich perfider und verdammter Juden hin zu den wehleidigen Behauptungen über die Entdeckung Amerikas durch Muslime, die Erfindung des Fliegens und – noch düsterer – zionistischen Haiangriffen oder dem „Komplott, den Islam zu zerstören“.

Diese Konzepte – die Rettung gefallener Ehre, immerwährendes Opfertum, internationale Verantwortung und durch Schuld erreichen, was nicht durch Politik und Militär zu schaffen ist – sind kulturelle Ideen, die von palästinensischen Führern in ihrem Bildungssystem und durch die Medien unendlich verbreitet werden. Sie spiegeln sich jedoch auch in der palästinensischen Politik wider. Jedes Mal erreichen die Verhandlungen eine bestimmte Stufe und werden dann abgebrochen, weil ein Kompromiss die vollständige „Wiedergutmachung“ von etwas, das es niemals gab, ausschliessen würde. Die Hoffnung, ein weiteres Ergebnis zu erzeugen, indem man jahrhundertealte Ereignisse kämpferisch austrägt, passt zu diesem Muster. Eine stabile palästinensische Gesellschaft oder Frieden mit Israel aufzubauen, ist unwahrscheinlich.

Alex Joffe ist Archäologe und Historiker. Er ist Stipendiat des Shillman-Ginsburg-Programms am Middle East Forum. Auf englisch zuerst erschienen beim Begin-Sadat-Zentrum für Strategische Studien (BESA)

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