Missbrauch von Psychopharmaka im Gazastreifen. Foto Screenshot Youtube
Missbrauch von Psychopharmaka im Gazastreifen. Foto Screenshot Youtube

Kürzlich berichtete die englischsprachige Website „Electronic Intifada“  über den Missbrauch von Psychopharmaka im Gazastreifen. „Electronic Intifada“ ist, wie der Name vermuten lässt, keine sehr israelfreundliche Website. Dieser Artikel, verfasst von Hamza Abu Eltarabesh, einem Autor aus dem Gazastreifen, bietet aber einige wichtige und glaubwürdige Informationen, die ein Licht auf eine gesellschaftliche Entwicklung werfen, die nicht nur den Gazastreifen, sondern den gesamten Nahen Osten prägt und oft entweder ignoriert oder getrennt von der politischen und kulturellen Misere dieser Weltregion behandelt wird.

Der Artikel beginnt so:

Fatimas Ehe begann schon nach wenigen Tagen zu zerbrechen. Ihr Ehemann fing an, ihren Schmuck zu verkaufen; er behauptete, er sammle Geld, um einen kleinen Laden zu eröffnen. Bald kam heraus, dass er das Geld benötigte, um eine Droge namens Tramadol zu kaufen. „Anfangs wusste ich nicht, dass mein Ehemann ein Tramadol-Abhängiger war“, sagt Fatima (Name geändert). „Doch dann konnte ich den einzigen goldenen Ring, den ich besass, nicht finden. Ich wusste, dass er verzweifelt Geld brauchte.“ Wie Fatima sagt, wurde ihr Ehemann aggressiv, wenn er nicht seine tägliche Dosis Tramadol bekam. Einmal schlug er seine Frau und seine Kinder und befahl ihnen, aus dem Haus zu gehen und Geld für ihn zu finden. „Er war wie ein Monster“, sagt Fatima. Der Vorfall ereignete sich vor drei Jahren; ihr Ehemann hat seither nicht angerufen, um seine Kinder besuchen zu können.

Tramadol ist ein Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide. Im Gazastreifen gebe es zwei Formen von Tramadol, erklärt der Bericht: eine legale, die in der Medizin eingesetzt werde und eine mit grösserer Wirkung, die man auf dem Schwarzmarkt kaufen könne. Laut einer Studie von 2008 würden bis zu 30 Prozent der männlichen Bevölkerung des Gazastreifens regelmässig Tramadol konsumieren. Sie sind also süchtig und viele von ihnen bleiben es wahrscheinlich auch jenseits der dreissig.

Da ein Beitrag auf „Electronic Intifada“ natürlich nicht völlig auf Beschuldigungen Israels verzichten kann, heisst es in einem Satz: „Umgangssprachlich als das rote Gift bekannt – wegen der Farbe der Tramadol-Pillen – steht die Droge in engem Zusammenhang mit der Belagerung, die Israel vor einem Jahrzehnt begonnen hat …“ Dieselbe These hatte vor einigen Jahren Sebastian Engelbrecht, der Israelkorrespondent des Bayerischen Rundfunks, verbreitet:

„Tramal ist eigentlich ein Mittel zur Betäubung von Schmerzen nach Operationen. Es beruhigt und lässt alles vergessen: die alltäglichen Luftangriffe der israelischen Luftwaffe, die abgeriegelten Grenzen und die Willkür der islamistischen Herrscher. Bei Männern verzögert Tramal die Ejakulation – und wird gerne zusammen mit Viagra eingenommen.“

Wie passen israelische Luftangriffe in ein- und denselben Zusammenhang mit Viagra und Ejakulation? Manche können eben nicht über gesellschaftliche Missstände im Gazastreifen reden, ohne eine Spur zu legen, die nach Israel führt. Noch plumper ist naturgemäss das iranische Radio, das Israel direkt bezichtigt, die Droge in den Gazastreifen zu bringen: „Das zionistische Regime, das mit seiner jahrelangen Blockade gegen die Palästinenser im Gazastreifen sein Ziel nicht erreichen konnte, ist nun bemüht, mit der Einführung von Drogen der jungen Generation zu schaden und die Standhaftigkeit der Palästinenser zu beeinträchtigen.“

Was diejenigen, die Israel für die Drogensucht im Gazastreifen verantwortlich machen, ausblenden: Das Phänomen geht weit über den Gazastreifen hinaus. Es betrifft weite Teile des Nahen Ostens, vor allem aber die ägyptische Gesellschaft – mit der der Gazastreifen kulturell zusammenhängt.

Der britische „Economist“ berichtete 2015:

Die kleinen Tramadol-Pillen sind in Ägypten allgegenwärtig. Taxifahrer nehmen sie, um auf der Strasse wach zu bleiben. Männer benutzen sie, um ihre sexuelle Leistungsfähigkeit zu steigern. Kleine Beamte nehmen sie gern als Bestechung. Und sogar unter Hochzeitsgästen werden sie als symbolische Geschenke verteilt. Tramadol ist zu Ägyptens beliebtester Freizeitdroge geworden und hat Heroin und Cannabis verdrängt.

Tramadol, so der Bericht weiter, steigere die „Aufmerksamkeit“ und das „sexuelle Stehvermögen von Männern“; dies seien „begehrte Eigenschaften in einem Land, wo Leute oft mehrere Jobs haben, um über die Runden zu kommen und wo wegen der weitverbreiteten weiblichen Genitalverstümmelung nur wenige Frauen leicht einen Orgasmus erfahren.“

Der Kassier einer Bank, der die Pillen bei einem korrupten Apotheker kauft, sagt in dem Artikel: „Es lässt dich entspannt fühlen. Selbst wenn sich neben dir zwei Männer zu Tode prügeln, ist es dir egal.“ Darum helfe ihm die Droge bei der Arbeit.

In einem englischsprachigen Internetforum für Drogenabhängige schreibt ein anonymer Nutzer, der von sich sagt, er habe „15 Jahre in Kuwait gelebt“ und nehme um des grösseren sexuellen Lustgewinns regelmässig Tramadol zusammen mit Marihuana:

Die Tramadolabhängigkeit ist im Nahen Osten seit Mitte der 2000er gross. Sie begann mit Kindern im Libanon. Es war damals eine Droge, die superbillig zu kriegen war. Sie hat sich in anderen Ländern der Region verbreitet, ein gutes Beispiel ist Ägypten. Ägypten wurde von Tramadolsucht zerstört, auch im Libanon ist die Zahl der Süchtigen nur wenig zurückgegangen.

„Der Stoff, der die Krieger des Islamischen Staates antreibt.“

Die jordanische Nachrichtenagentur Al Bawaba veröffentlichte vor eineinhalb Jahren eine Übersicht über die „neun beliebtesten und bizarrsten Drogen des Nahen Ostens“. Neben Klassikern wie Haschisch (Libanon) und Opium (Afghanistan, Irak) stehen auch Klebstoffschnüffeln (Ägypten), das Rauchen von Ameisen (Vereinigte Arabische Emirate) und eben Tramadol auf der Liste. Dazu in Syrien Captagon (Fenetyllin), eine aufputschende Droge, die durch den Bürgerkrieg international bekannt wurde: als der Stoff, der die Krieger des Islamischen Staates antreibt.

Es mangelt, wie wir sehen, nicht an Berichten über die vielen Arten von Drogensucht, die es in den Gesellschaften des Nahen Ostens gibt. Was nie unternommen wird, ist, dieses Phänomen gedanklich mit den politischen Entwicklungen in der Region zusammenzubringen. Dabei sind Sucht nach und Konsum von psychoaktiven Substanzen, wenn sie nicht nur von einzelnen gesellschaftlichen Aussenseitern, sondern von einem Grossteil der Bevölkerung Besitz ergreifen, zweifellos etwas, das die Gesellschaft prägen, verändern und eben zerstören kann.

Der Soziologe Gunnar Heinsohn hat Pionierarbeit dabei geleistet, Kriege und kriegerische Stimmung in einer Gesellschaft mit einem herrschenden Überschuss an jungen Männern zu erklären. Er hat sogar einen „Kriegsindex“ entwickelt, den er so beschreibt:

„Er misst die Relation zwischen 55- und 59-jährigen Männern, die sich auf die Rente vorbereiten, und 15- bis 19-jährigen Jünglingen, die den Lebenskampf aufnehmen. Deutschland hat einen Kriegsindex von 0,66. Auf 1000 alte folgen 666 junge Männer. Der Kriegsindex im Gazastreifen ist zehnmal so hoch. Auf 1000 alte folgen über 6000 junge Männer. In Afghanistan ist es genauso. In Nigeria steht der Kriegsindex bei knapp 5. Europa hatte eine ähnliche Situation vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Immer gab es Personal ohne Ende für Krieg, Völkermord, Welteroberung und Auswanderung.“

Das ist eine wichtige und plausible Erklärung. Nun könnte man noch einen Schritt weitergehen und fragen: Was, wenn all diese jungen Männer auf Droge sind? Verhält sich die gesamte Gesellschaft dann nicht noch viel aggressiver? Der Gazastreifen lässt dies vermuten.

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Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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