Schändung des jüdischen Friedhofs in Februar 2015 in Sarrre-Union, Frankreich. Foto Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.
Schändung des jüdischen Friedhofs in Februar 2015 in Sarrre-Union, Frankreich. Foto Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Weltweit nimmt Antisemitismus in dramatischem Ausmass wieder zu: von Verbalattacken in Zeitungen und auf der Strasse, über körperliche Angriffe und die Verwüstung und Schändung jüdischer Einrichtungen bis hin zu Morden und Terrorattacken, wie sie sich vor allem gegen Israel richten. Neben Fragen der Prävention und Repression stellt sich immer wieder auch die nach der Erklärung: man muss verstehen, was Antisemitismus ist, warum er die Antisemitinnen und Antisemiten zum Handeln motiviert, um aus diesem Wissen Gegenstrategien entwickeln zu können.

von Samuel Salzborn

Die theoretische Forschung in den Sozialwissenschaften hat hierzu hilfreiche Antworten formuliert, von diesen wird im Folgenden die Theorie von Sigmund Freud vorgestellt, die kenntlich macht, warum Neid und Angst als antijüdische Projektionen bis heute der Kern des Antisemitismus bilden.

Sigmund Freud ist vor allem als Begründer der Psychoanalyse bekannt, derjenigen psychologischen Forschungsrichtung, die unbewussten Prozesses als Dynamiken des Psychischen ihre Aufmerksamkeit widmet und zugleich die Beziehungen zwischen individueller Psyche und überindividueller Kultur in den Blick nimmt. Freud ist aber auch der erste Sozialwissenschaftler, der einen umfangreichen Blick auf den Antisemitismus geworfen hat – einen religionspsychoanalytischen Blick, bei dem Religionsgeschichte einer psychoanalytischen Interpretation unterzogen wird, die Kultur und Gesellschaft ausdrücklich einbezieht. Freuds für die Antisemitismusforschung zentrales Werk Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939) zählt dabei eher zu seinen weniger bekannten Arbeiten, ist dennoch die erste theoretische Reflexion über die Entstehungs- und Wandlungsbedingungen des modernen Antisemitismus – und das obgleich das Hauptthema von Freuds Mann Moses eigentlich nicht der Antisemitismus ist, sondern eine kulturtheoretische, in weiten Teilen spekulative Untersuchung über die Entstehung und Entwicklung des Monotheismus und der jüdischen Religion. Die psychische Bedeutung des Antisemitismus wird dabei im Verhältnis zur christlichen Religion diskutiert, wobei Freud Grundmuster herausarbeitet, die auch für die Analyse des heutigen Antisemitismus weiterhin zentral sind, gerade, wenn er aus einem religiös motivierten (christlichen, aber durchaus auch islamischen) Kontext formuliert wird.

Freuds zentrale These im Mann Moses ist, dass Moses kein Jude gewesen sei, sondern ein dem Pharao Ikhnaton nahestehender hoher ägyptischer Beamter oder Priester. Moses habe die Jüdinnen und Juden aus ihrer ägyptischen Gefangenschaft geführt und sie zu den religiösen Erben der von Ikhnaton in Ägypten eingeführten, später von dessen Nachfolgern aber massiv bekämpften Aton-Religion gemacht habe, da Moses ein neues religiöses Reich auf Grundlage dieser Religion stiften wollte. Charakteristisch für die – was für den ägyptischen Glauben ausgesprochen untypisch war: streng monotheistische – Aton-Religion war laut Freud der Ausschluss alles Mythischen, Magischen und Zauberischen, die Vermeidung von bildhaften Darstellungen des Sonnengottes Aton sowie die Distanzierung zu volksreligiösen Dimensionen.

Dem Alttestamentler Ernst Sellin folgend argumentiert Freud, dass Moses aufgrund seiner Strenge, Unerbittlichkeit und seines Eifers nach der Emigration von dem von ihm auserwählten Volk ermordet worden sei. Denn dieses habe sich der strengen Vater-Religion nicht unterwerfen wollen. Zur Interpretation wendet Freud dabei sein psychoanalytisches Modell auf die Religionsgeschichte an. In seinem psychoanalytischen Konzept folgt auf eine frühe Traumatisierung die Abwehr und die latente Fortexistenz, in deren Folge das Verdrängte durch den Ausbruch der neurotischen Erkrankung teilweise wiederkehrt. Auf die Religionsgeschichte angewandt heisst das für Freud, dass Moses als Vater-Imago nicht nur gehasst und gefürchtet, sondern auch als Vorbild verehrt worden war und dass sich seine Anhänger in Wirklichkeit an seine Stelle setzen wollten.

Ungeachtet dessen, ob und wie weitreichend Freud mit seiner Annahme über die religiös-historische Figur Moses und die Genese des Monotheismus tatsächlich Recht hat, sind Freuds Überlegungen zum Charakter und Gehalt der jüdischen Religion bemerkenswert. Denn Freud hat an sie anknüpfend seine psychoanalytische Theorie über den Antisemitismus entwickelt: „Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln in längst vergangenen Zeiten, sie wirken aus dem Unbewussten der Völker, […]. Ich wage die Behauptung, dass die Eifersucht auf das Volk, welches sich für das erstgeborene, bevorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei den anderen heute noch nicht überwunden ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben geschenkt hätten. Ferner hat unter den Sitten, durch die sich die Juden absonderten, die der Beschneidung einen unliebsamen, unheimlichen Eindruck gemacht, der sich wohl durch die Mahnung an die gefürchtete Kastration erklärt und damit an ein gern vergessenes Stück der urzeitlichen Vergangenheit rührt.“

Neben der damit verorteten christlichen Grundierung des Judenhasses sind vor allem zwei Aspekte auch aus heutiger Sicht noch zentral an dieser Analyse, da sie zeigen, welche Bedeutung Neid und Angst für die antisemitischen Projektionen haben. Der antisemitische Neid bezieht sich auf das beschriebene Moment der Auserwähltheit, das theoretisch verknüpft ist mit dem im rabbinischen Judentum (im Unterschied zum Christentum oder zum Islam) nicht bestehenden Willen zur Missionierung. Freud charakterisiert dieses Moment als Eifersucht, es liesse sich aber auch im psychologischen Begriff der narzisstischen Kränkung fassen, die auf projektive Weise wiederkehrt: „Es ist die Religion des Urvaters, an die sich die Hoffnung auf Belohnung, Auszeichnung, endlich auf Weltherrschaft knüpft. Diese letzte Wunschphantasie, vom jüdischen Volk längst aufgegeben, lebt noch heute bei den Feinden des Volkes im Glauben an die Verschwörung der ‚Weisen von Zion’ fort.“

Mit Blick auf die Dimension der antisemitischen Angst ist der Begriff der Kastration und die Angst vor dieser zentral – der ausserhalb der psychoanalytischen Diskussion zunächst irritieren mag, wenn man ihn nicht sozialwissenschaftlich übersetzt. Denn man muss den Begriff der Kastration nicht im engeren Sinne anatomisch, sondern sozial begreifen: als Angst vor Verlust von Stärke, Anerkennung, Liebe oder Status bzw. als Reaktion auf genau diesen Verlust, wobei erst genannte Angst eher zu aggressivem, letzt genannte Depression eher zu defensivem Ausagieren der unbewältigten Konflikte führt. Die im Judentum tatsächlich praktizierte Beschneidung wird damit in den antisemitischen Phantasien zum unheilvollen, unheimlichen und verängstigenden Mythos.

Insofern kann Freud zwei – den antisemitischen Angriffen eben gerade unbewusst zugrunde liegende – Schlüsselmotive verständlich machen, die für den Antisemitismus bis heute zentral sind: zum einen das Motiv der narzisstischen Kränkung der Antisemiten durch das Judentum, also die Annahme, dass sowohl in religiösen wie auch in nicht-religiös argumentierenden Positionen von Antisemitinnen und Antisemiten stets die Phantasie einer Kränkung durch Jüdinnen und Juden, die Empfindung einer Zurücksetzung und Benachteiligung bedeutsam ist; zum anderen aber auch die antisemitische Angst vor Jüdinnen und Juden, eine Angst, die sich vor der „unbewussterweise der Kastration gleichgesetzten“ (Freud) Beschneidung ausdrückt, was sich im Antisemitismus in offenen oder verdeckten Ängsten vor dem Judentum und seiner unterstellten unheimlichen und damit letztlich von Antisemiten als potenziell vernichtend angenommenen Macht niederschlägt.

Prof. Dr. Samuel Salzborn ist Politikwissenschaftler und Autor zahlreicher Veröffentlichungen im Bereich Antisemitismus-, Rechtsextremismus- und Demokratieforschung. Sein Buch „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich“ führt in die sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung ein und stellt neben der Theorie von Freud noch zahlreiche weitere Theorien vor. Mehr zum Buch unter http://www.salzborn.de/habil_de.html

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  • Freuds Halbsatz über die beschneidungsbedingte Kastrationsangst der Antisemiten stehen zum einen psychoanalytische Kaliber wie Theodor Reik gegenüber, die wesentlich differenzierter die Kastrationsdrohung IN der Beschneidung aufarbeiten und damit diese selbst problematisieren. Zum Anderen lässt sich damit einfach nicht arbeiten. Weder spielt die Beschneidung eine relevante Rolle in der antisemitischen Propaganda (da geht es um Blut, Geld, Vampirismus und heute jüdische Emanzipation in Israel), noch lässt sich ableiten, dass ein Ablassen von der Beschneidung zu einem Abflauen des Antisemitismus führen würde. Noch weniger erklärt sich der muslimische Antisemitismus irgend aus Freuds Halbsatz über die Beschneidung und den Antisemitismus. Der US-Antisemitismus florierte gerade in der Zeit, in der die Antimasturbationskampagnen die Beschneidung verbreiteten.
    Das ist eine Sackgasse, die zu Recht in keiner relevanten Antisemitismusforschung eine Rolle spielt. In Simmels „Antisemitismus“ kommt Beschneidung ebensowenig vor wie in den „Elementen des Antisemitismus“ oder anderen sozialpsychologischen Ansätzen (etwa Brainin/Teicher/Ligeti).