Raphael Israeli ist emeritierter Professor für islamische, chinesische und die Geschichte des Nahen Ostens an der Hebräischen Universität. Er hat mehr als 25 Bücher verfasst, darunter Blood Libel and Its Derivatives: The Scourge of Antisemitism [Ritualmord und seine Ableger: Die Geissel des Antisemitismus] und Poison: Modern Manifestations of a Blood Libel [Gift: Moderne Erscheinungsformen des Ritualmords].

Manfred Gerstenfeld ist Publizist und ehemaliger Vorsitzender des Präsidiums des Jerusalem Center for Publich Affairs. Er war Redakteur der Jewish Political Studies Review und Mitherausgeber der Schriftenreihe Post-Holocaust and Anti-Semitism. Er wurde mit dem Lifetime Achievement Award des Journal for the Study of Antisemitism ausgezeichnet. Dr.Gerstenfeld hat sich zusehends zu einem Antisemitismus-Experten profiliert, der die versteckten und offenen Ausdrucksweisen des modernen Antisemitismus aufspürt und aufdeckt.

(for english version click here.)

Aus seinem Gespräch mit Raphael Israeli über klassische antisemitische Motive, in der heutigen islamischen Welt, gibt Manfred Gerstenfeld hier einige signifikante Ausschnitte wieder:

„In der Welt der arabischen Politik werden klassische, extreme antisemitische Motive als politisches Instrument eingesetzt. Diese Verleumdungen stammen aus vielen Ländern, kommen sogar von Wissenschaftlern und erscheinen in den Leitmedien. Eine dieser Verunglimpfungen ist die auch unter der Bezeichnung ‚Blutbeschuldigung‘ bekannte Ritualmordlegende. Diese Lügengeschichte behauptete ursprünglich, Juden entführten und ermordeten christliche Kinder, um Matzen (ungesäuertes Brot) für das Passahfest herzustellen. Zum ersten Mal trat die Geschichte vom Ritualmord 1144 in der britischen Stadt Norwich in Erscheinung. Seither ist sie an verschiedenen Orten in Europa immer wiederaufgetaucht.

Ausserdem haben Christen den Ritualmord in der islamischen Welt bekannt gemacht. 1840 behaupteten der französische Konsul in Damaskus und einige Mönche zu Unrecht, ein christlicher Priester der Stadt, Pater Tomaso, sei von Juden ermordet worden, die sein Blut verwenden wollten. Auch die Nazis sprachen von angeblichen Ritualmorden. Deren antisemitische Schrift Der Stürmer brachte 1934 eine Sonderausgabe heraus. Auf der Titelseite erschien das Bild eines deutschen Jungen auf einem Tisch, umringt von Juden mit langen Bärten und Schläfenlocken. Mit langen Röhrchen saugen sie ihm das Blut aus dem Körper.“

„Dass die Araber die Geschichte vom Ritualmord nutzen, zeigt sich zumindest teilweise am Wiederaufwärmen des Falls von Damaskus. So verlieh zum Beispiel Mustafa Tlas, der von 1972 bis 2004 syrischer Verteidigungsminister war, dem Ritualmord Glaubwürdigkeit, indem er seine Doktorarbeit darüber schrieb, als handele es sich dabei um eine historische Tatsache und nicht um eine antisemitische Lügengeschichte.

Auch einige Karikaturen verwenden das Motiv des Ritualmords. In der bahrainischen Zeitung Al-Bayan wurden 1990 zwei hässliche zionistische Soldaten darstellt, die ein (mutmasslich arabisches) Kind in Stücke hauen. In der Karikatur ruft Frau Shamir, die Gattin des damaligen israelischen Premierministers Yitzhak Shamir, aus: ‚Wie schade, dass ihr das Blut des Kindes verschwendet. Ich bräuchte es, um Matzen zu backen.‘

Darüber hinaus werden auch neue Varianten verbreitet. 1992 stellte die ägyptische Zeitung Al-Ittihad einen Juden dar, der dem amerikanischen Volk das Blut mit einem Strohhalm abzapft. 1994 zeigte die jordanische Tageszeitung Al-Dustur einen hässlichen Juden, der einer Dame (die den zionistischen Fanatismus personifiziert) eine Flasche mit dem Blut palästinensischer Kinder schenkt und erklärt, es sei ein Muttertagsgeschenk für die ‚geliebteste Mutter der Welt‘. Im gleichen Jahr zeigte die kuwaitische Zeitung Sawt al Quweit einen jüdischen Kannibalen, nachdem er Araber verschlungen hat, deren übriggebliebene Knochen auf dem Tisch liegen. Dabei muss man beachten, dass solche arabischen Zeitungen, auch wenn sie in Privatbesitz sind, der Kontrolle durch die Regierungen unterliegen, die ihre Inhalte zensieren.

Im Jahr 2010 strahlte Hamas TV einen Zeichentrickfilm mit dem Titel ‘Siedler trinken palästinensisches Blut’ aus. Darin wurden palästinensische Kinder in einer Blutlache und ein klischeehafter europäischer Jude dargestellt, der sich die roten Lippen leckt, nachdem er sie ermordet hat. Hamas TV führte auch ein Interview mit Dr. Salah Sultan, dem Gründer des American Center for Islamic Research. Er liess den Ritualmord von Damaskus wiederaufleben, indem er sagte, Pater Tomaso sei gemeinsam mit seinem Diener abgeschlachtet worden. Danach sei ihr Blut in den Matzenteig eingearbeitet worden.

Ein saudiarabischer Wissenschaftler, Dr. Umayma al-Jalahma von der King Faisal University in Dammam, erfand eine neue Variante der klassischen christlichen Ritualmordlegende, indem er sich auf das Purimfest anstelle des Passahfestes bezog. Er behauptete, während dieses Festes hätten die Juden besondere Backwaren herzustellen. Die Juden müssten dafür zum Backen menschliches Blut für ihre Geistlichen besorgen. Al-Jalahma erklärte, dabei müsse es sich um einen vollentwickelten Jugendlichen, entweder einen Muslim oder einen Christen, handeln. Ausserdem liess er sich im Detail über die Tötungsmethode und die Vorbereitung des Blutes aus. Ein Bericht über diese ‚Forschung‘ wurde in der Tageszeitung der saudischen Regierung, Al-Riyadh, veröffentlicht.

Eine der renommiertesten arabischen Zeitungen, die ägyptische Al-Ahram al-Iqtisadi, veröffentlichte einen Artikel des ‚Wissenschaftlers‘, Dr. Lutfi abd-al-Adhim, mit dem Titel: ‚Araber und Juden: Wer wird wen auslöschen? ‘ Darin fand sich folgende Passage: ‚Der einzige Unterschied zwischen verschiedenen jüdischen Kreisen ist, ob sie ihr arabisches Opfer unter Betäubung töten oder es grausam angreifen und sein Blut gleich trinken … In diesem Punkt sind sich alle Juden einig. ‘

Nicht nur muslimische Araber verbreiten die Legende vom Ritualmord. Der bekannte christlich-libanesische Schriftsteller Marwan Chamoun beschreibt die Verwendung des Blutes des christlichen Priesters für die Herstellung von Matzen 1840 in Damaskus so anschaulich, als sei er dabei gewesen. Chamoun sagt, anstelle von Schokolade schenke er Jungvermählten Bücher über dieses Thema.

All die genannten Beispiele sind als Teil der Bemühungen der arabischen und islamischen Welt zu sehen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Juden nicht als vollwertige Menschen gelten. Vor diesem Vorhaben die Augen zu verschliessen, ermuntert nur die extremsten Elemente dieser Gesellschaften, ungehindert zu gedeihen und verstärkt ihren politischen Einfluss. Es gibt nur wenige Stimmen des gesunden Menschenverstandes in der arabischen Welt. Ab und zu wurde auch von Amerika Druck ausgeübt. Beides hat jedoch keine dauerhafte Wirkung entfaltet.“

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