Symbolbild. Foto Wissam Nassar / Flash90
Symbolbild. Foto Wissam Nassar / Flash90

Seit 1960 hat sich eine neue koloniale Elite im Stil des Feudalismus gebildet. Ursprünglich entstand sie aus einer Notwendigkeit heraus, da es in den neu entstandenen Staaten in Asien und Afrika an Bildung fehlte.

von Seth J. Frantzman

Vor kurzem betrat ein Mann namens Sherzad Mosa eine Bar in Erbil, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Irak, und hörte zu seiner Überraschung, dass eine Frau das Lokal als eine „NGO-Bar“ bezeichnete. Auf Facebook wunderte sich Mosa später, warum einerseits Hunderttausende von Flüchtlingen in der kurdischen Region leben und „Kinder und Frauen“ leiden, während gleichzeitig „mehr als 1.600 Ausländer für 200 NGOs tätig sind, die jeden Monat mehr als 10.000 USD verdienen und in den besten Hotels wohnen?“ Andere Facebook-User kommentierten seinen Thread und berichteten von NGO-Mitarbeitern, die in brandneuen Autos durch die Gegend fahren, nur wenige Stunden mit den Flüchtlingen verbringen, und sich dann wieder zurück in ihre Hotels begeben.

Das, was diese Männer gesehen haben, war nur ein Bruchteil einer neuen Art des Feudalismus an dem Regierungen, NGOs, internationale Organisationen und – wenn auch in geringerem Masse – Medien und Akademiker beteiligt sind.

Der Versuch, das Ausmass des Ganzen zu quantifizieren, ist ähnlich wie beim Gleichnis vom Elefanten im Wohnzimmer, den trotz seiner Unübersehbarkeit dennoch niemand gesehen haben will.

Jeder hat eine bestimmte Nische des Feudalreiches besetzt, ist jedoch nicht in der Lage, es in seiner Gesamtheit zu erkennen.

„Das Zehnfache von den Löhnen der Einheimischen“

Bei meiner Arbeit in den palästinensischen Gebieten bin ich im Laufe der Jahre vielen dieser NGO-Mitarbeiter und Mitglieder von UN- und EU-Regierungsabteilungen begegnet. Ihre SUV-Flotten fuhren die Strassen auf und ab, und ihre Mitarbeiter verdienten das Zehnfache von den Löhnen der Einheimischen. Wenn sie unter sich waren, machten sie Witze über ihre Jobs. Ein Deutscher, der sich mit dem Thema palästinensischer Wahlen beschäftigte, gab zu, dass das Ganze ein wahrer Geldsegen sei. Es würde nie zu Wahlen kommen, so sagte er, „aber ich verdiene hier einen Haufen Geld und es macht sich gut in meinem Lebenslauf.“ Ein anderer, der einen Abschluss in Politikwissenschaften hatte, war irgendwie „Sicherheitsexperte“ bei einer internationalen Organisation geworden und gab seine „Einschätzungen“ über Bedrohungen in Gaza ab. Organisationen wie die „Temporary International Presence in Hebron“ sind alles andere als temporär. Vielmehr existieren sie jahrzehntelang und zahlen Gehälter an Europäer, damit diese ihre Wochenenden in Bars in Jerusalem oder Tel Aviv geniessen – wie man an ihren vor diesen Lokalen parkenden Fahrzeugen sehen kann. Die neuen Kolonialisten bezeichnen sich selbst als „Internationale“.

Der alte Kolonialismus, der grösstenteils in den 1960er Jahren sein Ende fand, war von seinem Wesen her ausbeuterisch und diktatorisch. Er ersetzte mittels Eroberung lokale Eliten durch Kolonialoffiziere und parasitäre Europäer, die in Villen lebten und einem Lebensstandard frönten, der für die kolonisierten Menschen unerreichbar war. Dies ist in jeder Beschreibung des Lebens in Britisch-Indien (dem britischen Kolonialreich auf dem indischen Subkontinent) oder dem französischen Indochina sofort zu erkennen.

Seit 1960 hat sich jedoch eine neue Kolonialelite im Stil des Feudalismus gebildet. Ursprünglich entstand sie aus einer Notwendigkeit heraus, da es in den neu entstandenen Staaten in Asien und Afrika an Bildung fehlte. Ironischerweise wurde eben jene Bildung, die das Kolonialreich den Einheimischen versagt hatte, zur Daseinsberechtigung für die meisten Westler, die wieder nach Afrika oder Asien zurückkehrten, um diese Lücke zu füllen, Infrastrukturprojekte zu leiten oder Schulen zu bauen und dort zu unterrichten. Eine Art des Kolonialismus wurde durch eine neue, scheinbar freundlichere Art, ersetzt. Nach beinahe 55 Jahren ist es wichtig, die Frage zu stellen, was es bedeutet, wenn die lokalen Eliten – bestehend aus UN-Organisationen, NGOs u. a. – mit Mitgliedern westlicher, hauptsächlich weisser Eliten aus Europa oder Nordamerika besetzt sind.

Wenn tatsächlich Bildung das wäre, wofür sie sich interessieren, dann würde man doch erwarten, an Orten wie Afrika einen Prozess der Indigenisierung zu sehen, bei dem hochrangiges Personal und gutbezahlte Positionen nicht von Aussenstehenden, sondern zunehmend von gebildeten Einheimischen besetzt würden. Doch genau das sehen wir eben nicht. In Ländern wie Haiti sehen wir seit Jahren, wie NGOs Nicht-Haitianern exorbitante Gehälter zahlen, damit diese der einheimischen Bevölkerung helfen. Was faktisch geschehen ist, ist die Bildung eines neuen Kolonialreiches, in dem die gleichen Oberschicht-Westler beschäftigt sind, die zuvor die hohen Ränge der Kolonialverwaltungen besetzt hatten.

„Working for the Empire (Für das Empire arbeiten)“ wurde einfach ersetzt durch „Einen Job bei einem NGO erhalten.“

Diese Organisationen mögen vielleicht als „Non-Profit-Organisationen“ bezeichnet werden – es werden jedoch sehr grosse Profite gemacht. Die Hilfe für die „Dritte Welt“ ist nicht so selbstlos, wie sie auf den ersten Blick aussehen mag. Vielmehr ist sie ein zentraler Bestandteil eines Systems, das entwickelt wurde, um Gehälter von Gebern an Ebenbürtige ihrer eigenen Klasse zu verschieben. Im Grunde bleibt nahezu das gesamte Geld, das für Projekte in der Dritten Welt ausgegeben wird, in den Händen der ersten Welt. Es findet kein Transfer von Vermögen in den Süden der Welt statt, vielmehr gibt es Gehälter, die von Europa ausgehen und auch in Europa bleiben.

Eine Studie von Bill Morton über die Entwicklungszusammenarbeit internationaler NGOs, bei der er internationale Nichtregierungsorganisationen (INGOs) untersuchte, kam zu dem Ergebnis: „Sie stellen umfangreichere Hilfen für Entwicklungsländer zur Verfügung als je zuvor.“ Sie „erwirtschafteten 2011 Umsätze in Höhe von über 11,7 Mrd. USD – eine Steigerung von 40 Prozent gegenüber 2005. INGOs stellen eine bedeutende Präsenz in vielen Entwicklungsländern dar.“

Sie sind ein „zunehmend einflussreicher Akteur in politischen Prozessen und in der globalen Kontrolle von Hilfsleistungen.“ 2011 hatten Organisationen wie ‚Save the Children‘ enorme Einnahmen in Höhe von 1,4 Mrd. USD, während ‚World Vision International‘ 2,79 Mrd. USD und ‚Ärzte ohne Grenzen‘ (Medecins Sans Frontieres, MSF) laut der Studie 1,24 Mrd. USD erhielten.

MSF veröffentlicht für einzelne Länder Informationen zu seinen lokalen Budgets.

Laut ihrer Website hatte die Organisation 2012 in Guatemala 23 Mitarbeiter, von denen 20 Einheimische und drei internationale Mitarbeiter waren. Auf der gleichen Internetseite findet sich die Angabe, dass 437.000 Euro für die 20 einheimischen Mitarbeiter und 159.000 Euro für die 3 Internationalen ausgegeben wurden.

Laut einem Bericht in The Telegraph erhielten die leitenden Angestellten einer der grössten Wohltätigkeitsorganisationen Grossbritanniens höhere Gehälter als der Premierminister.

Dem Bericht zufolge sind die „Gehälter in sechsstelliger Höhe bei den 14 grössten Auslands-Hilfsorganisationen in den vergangenen drei Jahren um nahezu 60 Prozent gestiegen.“ Man fand heraus, dass diese Chefs der „Non-Profit-Organisationen“, darunter ‚Save the Children‘, mehr als 200.000 USD im Jahr verdienten.

„Die Bildung einer neuen Feudalklasse“

Wenn die Reallöhne der Durchschnittsverdiener in weiten Teilen der Welt stagnieren (die Löhne in Grossbritannien sanken laut Business Insider von 2009 – 2014 um 2 %), wie kann es da sein, dass NGOs mehr erhalten als je zuvor und ihre internationalen Mitarbeiter – sprich hauptsächlich Weisse aus dem Westen – höhere Gehälter bekommen als je zuvor? Die heimliche Antwort war die Bildung einer neuen Feudalklasse. Die Welt der NGOs ist ein trübes Wasser, in dem die herkömmlichen Regeln für Einstellungspraktiken und Vetternwirtschaft häufig nicht gültig sind. Diese Organisationen haben nur eine geringe treuhänderische Verantwortung und Antidiskriminierungsregeln gelten für sie oft nicht in der gleichen Weise wie für Unternehmen.

Die ausländischen Geldgeber haben einen grossen Einfluss auf kleine, arme Länder. Es liegt in ihrem Interesse, dass diese  Länder immer abhängiger von ihrer Hilfe werden, nicht ohne ihre Unterstützung können und schliesslich grundlegende Dienstleistungen an sie auslagern. Ein Artikel über Kambodscha in TheDiplomat.com kam zu dem Schluss: „Die Bereitschaft der NGOs, in Regionen mit schwacher Politik Regierungsaufgaben zu übernehmen, diese Erstauswahl der besten und klügsten Köpfe Kambodschas, bringt das Risiko mit sich, dass die eigenen Fähigkeiten der Regierung beeinträchtigt werden.“ Je mehr lokale „Kunden“ eine Wohltätigkeitsorganisation hat, desto mehr Geld kann sie in ihrem Heimatland verlangen, desto mehr Internationale kann sie einstellen.

Wenn wir untersuchen würden, woher die Internationalen stammen, die hohe Gehälter von den NGOs beziehen, würden wir herausfinden, dass die meisten von ihnen aus den wohlhabendsten Klassen im Westen stammen. Sie stehen in engen Beziehungen zu eben jenen Regierungsministerien, die sie auch finanzieren. Sie verwenden das Geld der Steuerzahler als Vermögenstransfer an die Wohlhabendsten.

Die Arbeit in der „internationalen Entwicklung“ macht sich gut im Lebenslauf, wenn man einen anderen Job im Staats-„dienst“ sucht und umgekehrt. Es liegt im Interesse dieser Feudalklasse, dass die Höhe dieser Budgets immer weiter anwächst, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Regierung.

Ein globaler Süden, der nicht auf Hilfe und Wohltätigkeit angewiesen ist, wäre ein enormer finanzieller Verlust für eine grosse Anzahl betuchter Bürokraten und ihre Kinder, deren Abschluss an prestigeträchtigen Privatschulen ihnen den Weg ins Berufsleben garantiert.

Auf der Ebene der Elite herrscht ein erschreckender Mangel an Diversität. Die Netzwerke, die die Kolonialzeit beherrschten, stehen auch heute noch an der Spitze – dieselben Namen, dieselben Familien. Die in einigen Berufen durchgesickerte soziale Mobilität, hat in den „öffentlichen“ und „Non-Profit“-Sektoren nicht zugenommen. Wir können sehen, wie sehr sich diese Feudalklasse isoliert hat, wenn wir uns im Ausland ihre Selbstdefinition über exklusive „Nur für NGOs“-Bars, -Hotels und -Clubs ansehen.

Was ist der Unterschied zu den alten Clubs und Vereinen des 19. Jahrhunderts, zu denen „Nur Europäer“ oder „Nur Weisse“ Zutritt hatten? Wenn Geld aus der permanenten Verarmung von Menschen gemacht werden kann, dann besteht kein Anreiz, deren Zustand zu bekämpfen. Die überschwänglichen Lobeshymnen für Fidel Castro am vergangenen Wochenende, die Bewunderung für seine Verelendung Kubas, wo die Einheimischen gerade einmal 20 USD im Monat verdienen, kommen von der gleichen Clique aus dem Westen, die von der Armut und dem Elend der Dritten Welt zehrt. Nach Aussage der Weltbank wurden 2014 160 Mrd. USD für Auslandshilfen ausgegeben (im Vergleich zu 50 Mrd. im Jahr 2000) und dieser Betrag nimmt Jahr für Jahr zu, ohne dass es einen Beweis dafür gäbe, dass dadurch Nachhaltigkeit oder Wachstum in den Empfängerländern geschaffen würden. „Auslandshilfe hat in den Entwicklungsländern offenbar eine nachteilige Wirkung auf den Wirtschaftswachstum“, war eine der Schlussfolgerungen einer Untersuchung aus dem Jahr 2009, die sich mit den Ökonomien von Entwicklungsländern im Zeitraum von 1986 bis 2007 beschäftigt hatte („The effect of foreign aid on economic growth in developing countries“, von E. M. Elanayake und Dasha Chatrna).

Haiti ist ein Paradebeispiel dafür. Dort gibt es 10.000 NGOs, die 80 % der staatlichen Dienstleistungen erbringen. NPR und ProPublica deckten auf, dass das Rote Kreuz eine mit 200.000 USD dotierte Stellung für aus dem Ausland stammende Mitarbeiter reserviert hatte, während der hochrangigste haitianische Ingenieur nur 42.000 USD in seinem Projekt verdiente. Nathalie Baptiste vertrat in einem Artikel zu diesem Thema die Ansicht, dass „Nichtregierungsorganisationen sich mit lokalen haitianischen Gruppen zusammentun sollten, um wahrhaft nachhaltige Entwicklung zu erreichen.“

Um diesen Prozess der Abhängigkeit von einem neuen Feudalismus zu bremsen, hätten die betroffenen Länder versuchen können, zu verlangen, dass einheimische Arbeitskräfte nicht nur die Mehrheit der Mitarbeiter stellen, sondern auch die gleichen Löhne erhalten müssten wie die Ausländer. Geberländer könnten den Prozess der weiteren Etablierung dieser Elite  eindämmen, indem sie die gleiche Diversität und positive Diskriminierung innerhalb der NGOs verlangen würden, die auch in anderen Bereichen der Gesellschaft gewünscht ist.

„Es geht um Kolonialismus“

Das Problem ist: Wenn man diese Welt der wohlhabenden ausländischen Arbeitnehmer und die NGOs und Regierungen, mit denen sie in Verbindung stehen, ihre perverse Werbemaschinerie, steigenden Budgets, astronomischen Gehälter und konformen Medien und Akademiker als eine Form des Neofeudalismus betrachtet, dann erkennt man sehr schnell, dass es bei all dem nicht um „Partnerschaft“ geht. Es geht um Kolonialismus.

Nahezu 60 Jahre nach seinem Ende ist er wieder da.

Ironischerweise sind die angeblichen Gegner des Imperialismus und Bewunderer Castros die wichtigsten Erben seines Vermächtnisses.

Seth J. Frantzman ist in Maine geboren. Er promovierte 2010 an der Hebräischen Universität in Jerusalem und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Jerusalem Institute for Market Studies. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Jerusalem Post.

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