Bedrohungen verschwinden nicht, nur weil man sie nicht wahrhaben will. Wer ihnen entgegentreten möchte, kann sich Israel zum Vorbild nehmen.

von Richard Volkmann

Nur wenige Sekunden brauchte der Terrorist, um mit seinem Auto über den Bordstein zu rasen, und als der Spuk vorbei war, lagen Tote und Verwundete auf dem Pflaster. Der Fahrer hatte sein Ziel erreicht: Tod und Chaos überall, und das in kürzester Zeit.

Was wie ein Bericht aus Berlin klingt, hat sich in Wirklichkeit in Jerusalem an der Stadtbahnhaltestelle Ammunition Hill abgespielt. Dort fuhr im November 2014 ein vorbestrafter 21-jähriger Palästinenser mit dem Auto seines Vaters am Bahnsteig eine 22-jährige Touristin und einen drei Monate alten Säugling um und versuchte dann zu entkommen. Gelang ihm das? Nein, denn er war in Jerusalem und nicht in Berlin, und die Sicherheitskräfte schossen ihn auf der Flucht nieder. Er starb kurz darauf.

In der Folge entbrannte eine lange und schwierige Diskussion über die Rolle der Sicherheit im öffentlichen Raum. Einige Kommentatoren forderten Massnahmen für den besseren Schutz von Gefahrenschwerpunkten. Andere warnten jedoch davor, man dürfe sich dem Terror nicht beugen und die eigene Lebensart nicht dem Diktat der Sicherheit opfern; wenn Auto-Attacken verunmöglicht würden, dann kämen die Terroristen eben mit Messern und Pistolen. Ausserdem hätte der Terror sein Ziel erreicht, wenn Bushaltestellen in Hochsicherheitstrakte verwandelt würden. Anderntags nahmen in Jerusalem zahlreiche Menschen demonstrativ die Stadtbahn zur Arbeit, um ihren Willen zu bekunden, sich ihre Lebensart nicht von Amokfahrern kaputtmachen zu lassen.

Ist all das wirklich passiert? Nein, denn man ist immer noch in Jerusalem und nicht in Berlin. Die Jerusalemer Stadtverwaltung liess als Reaktion auf die Attacke (und mehrere ähnliche) vielmehr die Bushaltestellen und Bahnstationen im Stadtgebiet mit schweren Pollern sichern, um derartige Angriffe künftig zu verhindern. Niemanden regte das auf, und keiner erhob anklagend seine Stimme, um zu erklären, dass der Terror jetzt gewonnen habe. Auch die unverändert ubiquitäre Präsenz von Sicherheitskräften an den Haltestellen der Stadtbahn zog keine Verstimmung nach sich. Der Gedanke, dass es sinnvoll war, potentiellen Attentätern möglichst viele Angriffsmöglichkeiten von vornherein zu verwehren, war schlicht zu einfach, zu naheliegend und zu überzeugend, als dass man daraus ein grosses Thema gemacht hätte.

Anders in Deutschland. Darin, dass Diskussionen wie die soeben beschriebene in Folge des Anschlags vom Montag bei uns tatsächlich geführt werden, mögen manche durchaus ein gutes Zeichen erkennen, einen Beweis mithin, dass die Dinge bei uns noch nicht so schlimm stehen wie in Israel. Doch darin liegt bereits die ganze Tragik der deutschen Debatte, deren Devise lautet: Hauptsache, es ist nicht so schlimm, und, noch wichtiger: es sieht nicht schlimm aus. Wenn in Berlin ein Terrorist zwölf Menschen umnietet, dann ist das zwar eine Tragödie, aber eine sichtbare Reaktion darauf, nein, die lehnen wir ab.
Das klingt zunächst mutig und auf sympathische Weise aufsässig, ist aber oft kaum mehr als eine elegant bemäntelte Form von Realitätsverweigerung. Vor diesem Hintergrund sind auch die allerlei absurd relativistischen Hinweise darauf zu verstehen, wie viele Menschen seit Montagabend allein bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen seien oder jährlich an Fischgräten erstickten. Derlei rabulistische Einlassungen sollen wohl beweisen, dass das Leben so oder so lebensgefährlich ist, dass es, wie es so schlimm heisst, „absolute Sicherheit nicht gibt“ und dass wir schliesslich und endlich vor dem Terror kapitulierten, wenn wir anfingen, gefährdete Orte besonders zu sichern. Konsequent zu Ende gedachter Wohlfühlfatalismus gewissermassen.

Dem zugrunde liegt die verquere Annahme, dass es ein „westlicher“ und quasi „Freiheitswert“ sei, in der Öffentlichkeit keine Sicherheitsmassnahmen zu benötigen oder diese, so sie denn unbedingt erforderlich sind, zumindest nicht wahrnehmen zu müssen. Im Kern fordert man somit ein Recht auf Erhaltung des Status quo, indem angenommen wird, dass öffentliche Sicherheit selbstverständlich sein sollte – was so natürlich stimmt. Schwierig wird es nur, wenn zur Wahrung dieses Sentiments Sicherheit auch dann noch vorausgesetzt wird, wenn sie in Wirklichkeit nachweislich abgenommen hat. Weil wir uns daran gewöhnt haben, dass die Öffentlichkeit sicher ist und öffentliche Sicherheit nun einmal selbstverständlich zu sein hat, ist der Einzelne verpflichtet vorzuleben, wie selbstverständlich sie ist. Sehr frei nach Marx gilt hier: Wenn das Bewusstsein erst stimmt, dann wird das Sein schon folgen. Sich hingegen auf eine Gefährdung einzustellen, ist in dieser Logik bereits ein Eingeständnis der Niederlage, und jeder Polizist am Glühweinstand ein Sieg für den IS. Wer aber glaubt, die westlichen Werte würden mit bewaffneten Polizisten und Zufahrtssperren auf Weihnachtsmärkten aufgegeben, der hat diese Werte vielleicht nicht richtig verstanden. Die eigentliche Kapitulation vor dem Terror bestünde nämlich darin, sich nicht gegen ihn zu wehren und ihn zugunsten des schönen Scheins geschehen zu lassen.

Mancherorts hat man dies durchaus begriffen. Auf den Weihnachtsmärkten in Dresden und Magdeburg zum Beispiel wurden seit Montag bereits die Zufahrten mit Betonblöcken versperrt, in Städten wie München und Nürnberg, wo keine Verkehrsadern am zentralen Platz vorbeiführen, verstärkte die Polizei ihre Präsenz. An diesem Vorgehen liessen besonders viele Liberale kein gutes Haar, die aufgrund der Parteiaffiliation die Filterblase dieses Autors besonders zahlreich bevölkern. Einer von ihnen, sonst ein sehr geschätzter, teilte am gestrigen Mittwochmorgen auf Instagram ein Bild des Charlottenburger Rathauses mit dem Kommentar „Morgenröte über Charlottenburg. Männer mit Maschinenpistolen am Bahnhof Zoo. Der grösste Triumph des Terrors wäre es, wenn wir ihm unsere Vernunft und Freiheit opfern würden.“ Ein Satz, der in all seiner gutgemeinten Pathetik im Morgenrot zu verschwimmen scheint, doch auch er transportiert erneut das Bild einer Gesellschaft, die ihrem Drang nach Sicherheit alle Leichtigkeit opfert. Nur: Welche Leichtigkeit gibt es schon, wenn man sich seines Lebens nicht sicher sein kann? Wenn wir uns die Maschinenpistolen am Bahnhof Zoo wegwünschen, woher soll die Sicherheit kommen? Gerade Liberale suchen doch eigentlich die Aufgaben des Staates auf das Elementarste zu beschränken – und welche Aufgabe könnte für den Staat elementarer sein als der Schutz des Lebens seiner Bürger?

Die Überzeugung, dass es eine Gesellschaft geben kann, die so frei, so individuell, so voller Möglichkeiten und daher so lebenswert ist, dass die Feinde der Freiheit sie mit physischer Gewalt attackieren wollen, sollte in ihrer Selbstverständlichkeit eigentlich in die DNA jedes freiheitlichen Gemeinwesens eingemeisselt sein. Demokraten fangen bekanntermassen keine Kriege miteinander an, da Terror aber dennoch dauernd vorkommt, muss es wohl irgendjemanden geben, der dies übernimmt. Es ist für eine freie Gesellschaft daher auch überhaupt kein bisschen ehrenrührig, die erreichte Freiheit durch alle notwendigen Massnahmen zu sichern, und wer mutwillig Menschenleben gefährdet, nur um weiterhin so tun zu können, als wäre nichts, der erweist der Freiheit einen Bärendienst.

In Israel hat man das verstanden. Dort weiss man, dass Terroristen, die die Gelegenheit bekommen, mit Lastern über Weihnachtsmärkte zu brettern, das irgendwann auch tun. Dass Freiheit in Sicherheit nicht umsonst zu haben ist, ist den Entscheidern dort natürlich bewusst. Die Terroristen verlegen sich, einer Angriffsmöglichkeit beraubt, eben auf die nächste, und dies solange erfolgreich, bis die staatlichen Sicherheitsorgane nachziehen. So geht das hin und her, aber die alten Methoden sind, einmal erkannt, auf Dauer passé. In Israel überfährt heute niemand mehr Passanten an Bushaltestellen, genauso wie international niemand mehr Bomben in Flugzeugen zündet, seit an Flughäfen vom Kleinkind bis zum Greis jeder kontrolliert wird. Uns in Deutschland steht es gut an, gleichfalls zur Kenntnis zu nehmen, dass der fromme Wunsch, die Stürme der Welt mögen an uns vorüberziehen, allein nicht reichen wird. Öffentliche Sicherheit, auch sichtbare, ist keine Einschränkung unserer Freiheit, sie bedingt diese vielmehr. Wer mehr Angst vor Polizisten hat als vor Terroristen, der sollte seine Prioritäten überdenken.

Zuerst veröffentlicht auf Salonkolumnisten.com. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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