Diese Artikelreihe beruht auf einem überarbeiteten Referat, welches der Autor im Oktober 2016 an Veranstaltungen an der Universität Innsbruck sowie des Jungen Forums DIG Frankfurt an der Goethe Universität in Frankfurt a. M. präsentierte. Im zweiten Teil dieser Artikelserie wird in aller Kürze die Entstehung der Muslimbruderschaft sowie des Salafi-Jihadismus (Globaler Jihad) skizziert. Der erste Teil erschien am 27. Dezember 2016.

Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert stand die islamische Welt –  insbesondere in seinem Kerngebiet, dem Nahen Osten – vor einem Trümmerhaufen. Militärisch, technologisch und kulturell dem Westen unterlegen, stellten sich muslimische Gelehrte die Frage nach der Ursache für diese Misere. Reformer wie Jamal Al-Din Al-Afghani, sein Schüler Muhammad Abdu, sowie Rashid Rida propagierten eine Modernisierung des Islam anstelle blinder Imitation religiöser Praktiken wie in den Jahrhunderten zuvor. Ihnen zufolge war dies der einzige Weg, um gegenüber dem Westen zu bestehen.

Rida, der jüngste der dreien, war zudem einer der ersten muslimischen Intellektuellen, die sich mit der zionistischen Frage beschäftigten. Seine anfängliche Bewunderung für Juden (er verurteilte den Antisemitismus der Dreyfuss-Affäre) und den Zionismus als Vorbild für die muslimische Gemeinschaft schlug aber innert kurzer Zeit in Feindschaft um. Rida war zunehmend davon überzeugt, dass es sich beim Kampf zwischen Zionisten und Arabern um einen religiösen Krieg handelte, den die Muslime gegen die „verräterischen Juden“ letzten Endes gewinnen würde. Zugleich wandte sich Rida über die Jahre auch von der Idee einer Modernisierung des Islams ab, die ihm mittlerweile zu weit ging. Stattdessen vertrat er nun eine puritanische Auffassung des Islam, im Sinne des saudischen Wahhabismus.

„Der Islam ist die Lösung.“

Ridas Ausführungen zum Zionismus prägten den in seiner Entstehung begriffenen politischen Islam entscheidet mit. Rida selbst übte auch einen starken Einfluss auf Hassan Al-Banna aus; den Vater des politisschen Islam, der 1928 die Muslimbruderschaft in Ismailiyya, Ägypten gründete. Al-Bannas Programm war simpel und effektiv: „Der Islam ist die Lösung.“ Die islamische Welt könne den einstigen Glanz und Stärke erst dann zurückerhalten, wenn sich die Muslime auf die Lehren des Islam besinnen würden. Al-Banna verstand es, seine Überzeugungen in einer modernen und verständlichen Sprache zu formulieren, die keines religiösen Studiums bedurfte und damit für jedermann zugänglich war. Dies war so beabsichtigt, denn seine Lehre richtete sich explizit nicht an das religiöse Establishment, sondern vielmehr an die armen und ungebildeten Bevölkerungsschichten Ägypten.

Al-Banna war sich aber bewusst, dass Worte alleine zur Mobilisierung der Massen nicht ausreichen würden. Aus diesem Grunde kombinierte die Muslimbruderschaft ihre religiöse Lehre mit Wohltätigkeit in der Form zahlreicher sozialen Institutionen wie etwa Suppenküchen, Spitäler, Schulen oder auch Sportvereine. Diese Strategie ist auch bekannt als Da’wa, dem Ruf zum Islam. Damit ist nicht nur die Bekehrung von Ungläubigen gemeint, sondern auch die Missionierung jener Muslime, die der Lehre des Islam (bzw. deren jeweiligen Interpretation) nicht oder nicht konsequent genug folgen und deshalb auf den „rechten Weg“ zurückgeführt werden sollen. Das Programm der Muslimbruderschaft fokussierte also folglich auf eine Islamisierung „von unten.“

Doch während Da’wa das wohl wichtigste Mittel der Muslimbrüder war, beschränkten sie sich nicht darauf. Al-Banna selbst schrieb, dass die Muslime ihre politische Würde seit der Entstehung des Islam nur dann gewahrt hätten, wenn sie die Pflicht zum Jihad ernst nahmen. Religion, und damit das Gewissen des Gläubigen, könne Gewalt und Jihad unter gewissen Umständen legitimieren. Al-Bann erlaubte denn auch den radikaleren Mitgliedern der Muslimbruderschaft, eine geheime paramilitärische Organisation (al-nizam al-khass, „die Geheimorganisation“) aufzubauen, die für zahlreiche Gewaltakte wie etwa Bombenattentate oder die Ermordung von politischen Rivalen verantwortlich war. Die Muslimbruderschaft war auch mitverantwortlich für antijüdische Pogrome, pflegte freundliche Beziehungen zu Nazi-Deutschland und beteiligte sich am Krieg gegen Israel im Mai 1948.

Doch trotz Al-Bannas Jihad-Rhetorik und seinem Bestreben, in Ägypten eine islamische Ordnung basierend auf der Scharia zu etablieren, bzw. „im islamischen Vaterland frei von ausländischem Einfluss einen islamischen Staat zu schaffen“, lehnte die Muslimbruderschaft Konzepte wie der modernen Nationalstaat oder Demokratie nicht ab, sondern argumentierte, dass diese mit der islamischen Lehre vereinbar seien (allerdings interpretiert Al-Banna Konzepte wie „Demokratie“ und „Patriotismus“ gemäss seinem Islamverständnis um). Al-Banna selbst nahm an den ägyptischen Präsidentschaftswahlen teil (die er verlor) und die Ableger der Muslimbruderschaft in verschiedenen islamischen Ländern formten Parteien und nahmen an Wahlen teil (allerdings gab es durchaus Unterschiede; die Muslimbruderschaft in Syrien war etwa wesentlich radikaler als die Ennahda in Tunesien). Die Muslimbruderschaft und ihr Ableger erkannten damit nicht nur die Legitimität von Nationalstaaten an, sie sprachen sich auch meist für einen „Dialog mit dem Westen“ (ohne dies genauer zu konkretisieren). Explizit davon ausgenommen war Israel, gegen das auch vermeintlich „moderate“ Islamisten wie Rachid Ghannouchi, der Vorsitzende der Ennahda-Partei in Tunesien, wiederholt zum Jihad aufrief.

Die – zumindest einstweilige – Akzeptanz der auf nationalstaatlicher Souveränität beruhenden Weltordnung und Dialogbereitschaft mit dem Westen ist der entscheidende Unterschied zwischen der Muslimbruderschaft und Globaler Jihad-Bewegung. Letztere lehnt beide Ideen, wie überhaupt jegliche Art von Politik, die nicht allein auf der Scharia basiert, konsequent ab. Einzig und alleine der bewaffnete Kampf sowie Da’wa zur Etablierung eines globalen Kalifates ist für sie akzeptabel.

Von der Muslimbruderschaft zum Globalen Jihad

Ironischerweise war es ein Muslimbruder, dessen Ideen die Entstehung des Salafi-Jihadismus massgeblich mitbeeinflussten. Sayyid Qutb, ein ägyptischer Literaturkritiker und Lehrer trat in den frühen 1950er Jahren in der Muslimbruderschaft ein, nachdem er zwei Jahre in den USA verbracht hatte, um das das dortige Erziehungssystem zu studieren und sich von den amerikanischen Umgangsformen angewidert und schockiert fühlte. Zurück in Ägypten gab er seinen Beruf als Beamter beim Erziehungsministerium auf und wurde, neben Abul A’la Maududi, zu einem der einflussreichsten Theoretiker des politischen Islam. Qutb argumentierte, dass sich die islamische Gemeinschaft in einer neuen Jahiliyya (Ignoranz, der Begriff bezeichnete die vor-islamische Periode) befinde, da sie in Ländern lebte, die nicht der Scharia folgten. Gemäss Qutb haben einzig die Gesetze Allahs Legitimität, alle anderen widersprechen hingegen dessen Souveränität. Qutb bestand darauf, dass der Koran ewige Gültigkeit habe und nicht in einem bestimmten historischen Kontext verstanden werden müsse. Aus diesem Gründe würden auch die Beschreibungen von Juden als feige und verräterisch heute noch genauso zutreffen wie zu Zeiten von Muhammad.

Schliesslich argumentierte Qutb, dass Jihad der allumfassende (physisch wie mental) Kampf gegen alles, was der Anbetung Allahs widerspreche. Dieser Kampf ist gemäss Qutb nicht nur gegen Ungläubige zu führen, sondern auch gegen jene Muslime, die vom „rechten Glauben“ abgefallen sind. Qutb ging noch einen Schritt weiter und erklärte die Tötung von muslimischen Staatsoberhäuptern für rechtens, wenn diese nicht gemäss der Scharia regierten. Die Exkommunikation (takfir) von Muslimen als Rechtfertigung für ihre Tötung wurde von einigen späteren Theoretikern der Jihad-Bewegung von Staatsoberhäuptern auf alle Muslime ausgeweitet, ist aber umstritten.

Es verwundert nicht, dass Qutbs Ideen in Ägypten unter Ministerpräsident Gamel Abdel Nasser auf wenig Gegenliebe stiessen. Qutb wurde nach einem fehlgeschlagenen Anschlag gegen Nasser 1954 verhaftet und schliesslich, nach zehnjähriger Haft, Freilassung und der erneuten Festnahme, am 29. August 1966 hingerichtet. Seine Ideen, die er während seiner Haft in Büchern wie „Zeichen auf dem Weg“ und „Im Schatten des Koran“ niederschrieb, beeinflussen den politischen Islam aber bis heute weiter.

Und diese Ideen fanden bereits in den 1960er Jahren ihren Weg nach Saudi-Arabien. Aufgrund der Verfolgung durch Nasser flohen viele ägyptische Muslimbrüder dorthin. Saudi-Arabien empfing die Muslimbrüder mit offenen Armen, in der Hoffnung, dadurch den saudischen Pan-Islamismus, ein Gegenkonzept zum säkular-nationalistischen Pan-Arabismus, zu stärken. Die Muslimbrüder spielt denn auch eine wichtige Rolle bei der 1962 gegründeten Muslimischen Weltliga, sowie der Weltversammlung der islamischen Jugend, die zehn Jahre später etabliert wurde. Beide verfügen sie bis heute über enge Beziehungen zum weltweiten Muslimbruderschafts-Netzwerk. Unter den Muslimbrüdern, die nach Saudi-Arabien flohen befand sich auch Muhammad Qutb, Sayyid’s Bruder, der seine Position als Islamgelehrter nutzte, um die Ideen seines Bruders weiterzuverbreiten. Ayman Al-Zawahiri, der heutige Anführer Al-Qaidas, war ein Schützling von Muhammad Qutb und Osama Bin Laden soll angeblich regelmässig seine öffentlichen Vorlesungen besucht haben.

„GLOBALES ISLAMISCHES KALIFAT“

In Saudi-Arabien vermischte sich der Polit-Aktivismus der Muslimbruderschaft mit der saudischen Staatsdoktrin des Wahhabismus, einer puritanischen und extrem konservativen Auslegung der Islam, welche die Feindschaft gegenüber allen Nichtmuslimen (sowie islamischen Minderheiten wie Sufis oder Ahmadiyyas) propagierte. Zugleich aber predigte die Ulema (das religiöse Establishment) den unbedingten Gehorsam gegenüber der saudischen Königsfamilie. Die von Qutb beeinflussten Aktivisten der Muslimbruderschaft waren eine Herausforderung und die islamische Revolution im Iran zu Beginn des Jahres 1979, sowie die Besetzung der Grossen Moschee von Mekka durch Extremisten, welche den Sturz des Königshauses forderten, trugen nicht zur Beruhigung von Königsfamilie und Ulema bei.

Saudi-Arabien zögerte deshalb nicht lange, und nutzte den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan als Chance, um sich als den primären Verteidiger des Islam zu präsentieren. Gemeinsam mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI organisierte Saudi-Arabien finanzielle und logistisch Unterstützung für arabische Freiwillige, die aus zahlreichen Ländern in den Jihad gegen die „gottlose Sowjetunion“ zogen. Unter ihnen befanden sich auch Osama Bin Laden und Abdallah Azzam, die beiden Gründer von Al-Qaida.

Mit tatkräftiger saudischer Unterstützung wurde der antisowjetische Jihad zur Geburtsstunde der Globalen Jihad-Bewegung, die sich nach wenigen Jahren auch gegen das saudische Königshaus wandte. Ihr Ziel ist die Befreiung aller muslimischer Länder aus der Hand der Ungläubigen und der „Apostaten“-Regimes und die Etablierung eines globalen islamischen Kalifats. Auf die Geschichte und Ideologie ihrer Vertreter wird später diese Reihe genauer eingegangen werden. Zunächst widmet sich aber ein weiterer Teil dieser Serie der Bedeutung von Antisemitismus und Israelfeindschaft für die Hamas.

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

Alle Artikel
Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  • Das Verhältnis der Golfstaaten und vor allem Saudi Arabiens zu den Muslimbrüdern ist sehr ambivalent. Man kann davon ausgehen, dass der Sturz Morsis in Ägypten mit der Billigung Saudi Arabiens geschah. Katar, das bis vor kurzem mit Al-Jazeera dem Muslimbruder Al-Quardawi eine sichere Heimstatt bot wies wie Dubai alle politischen Führer der Organisation aus.
    Der Aufstieg des Iran zur regionalen Macht im Nahen Osten, den Obama mit seinem Atomdeal wesentlich mit zu verantworten hat, könnte jedoch wieder dazu führen, dass Muslimbrüder, Wahabiten und Al-Quaeda zu einem Bündnis gegen die schiitische Bedrohung zusammen finden.

    Man sollte bei aller Kritik an Obama auch sehen, dass seine Politik den Iran zu stärken, den sunnitischen Extremismus in seine schlimmste Krise geführt hat. Und wenn es für den Iran schlecht laufen sollte, wird er in Syrien sein eigenes Vietnam erleben können.