Foto Twitter

Wie Ronald Reagan in seinem berühmten Ausspruch sagte, mag Information ja vielleicht „der Sauerstoff des modernen Zeitalters“ sein – Informationstechnologie allerdings ist ein bunt gemischtes Allerlei. Unter anderem hat sie den Aufstieg des globalen Dschihadismus in der Form, wie wir ihn heute kennen, angetrieben.

von Nir Boms und Asaf Romirowsky

Sie ermöglichte einem Nest von in Tunneln hausenden Terroristen in Afghanistan vor 15 Jahren die Koordination des tödlichsten nichtstaatlichen Terroranschlags in der Geschichte. In jüngerer Zeit bevölkerte sie ein neues islamisches „Kalifat“ in Syrien und dem Irak mit Freiwilligen aus der ganzen Welt.

Es gibt jedoch ein Licht am Horizont, was die ausgedehnte Nutzung und den Missbrauch der sozialen Medien im Nahen Osten anbetrifft: Wir erfahren eine Menge über die Individuen, die hinter den elektronischen Bildschirmen sitzen.

So z. B. Hashtag Palestine, der Titel eines aufschlussreichen Berichts von der Organisation Hamleh, dem „Arabischen Zentrum für Social Media-Förderung“ (Arab Center for Social Media Advancement). Die NGO mit Sitz in Ramallah widmet sich der Schulung von Einzelpersonen und Gemeinschaftsgruppen, damit sich diese in Basisbewegungen in den sozialen Medien engagieren und dort Aktionen starten. Der jüngste Bericht der Organisation über palästinensische Aktivitäten in den sozialen Netzwerken aus dem Jahre 2015, ein Jahr in dem das startete was heute als die Messer-Intifada bekannt ist, ist sehr aufschlussreich.

„Nahezu zwei Drittel aller Palästinenser haben Zugang zu einem Computer und die Hälfte von ihnen nutzt ein Smartphone.“

Palästinenser sind ebenso wie die Menschen in anderen Teilen der Welt zu aktiven Internetusern geworden. Fast zwei Drittel besitzen einen Computer und die Hälfte nutzt ein Smartphone. Die Grosszahl der Nutzer ist jung. Bei dem derzeitigen Verbreitungsgrad spielt das Internet bereits jetzt eine wesentliche soziale Rolle im Leben dieser jungen Menschen.

Was sind die Trends in Palästina? Der Bericht analysiert 18 Kampagnen, die uns einiges über die aktuelle Stimmung der Palästinenser verraten.

Die beliebteste in dem Bericht erfasste Kampagne war „#it_will_not_be_divided“. In deren Zentrum standen angebliche geheime Pläne der Israelis, die Al-Aqsa Moschee in Jerusalem zu teilen oder gar zu zerstören – ein beliebtes Thema unter islamistischen Führern, um Gewalt anzufeuern. Dass Israel und Jordanien, die Verwalter des Tempelbergs, beschuldigt werden, ist geradezu ironisch, haben sie doch gerade erst ein neues Verständnis darüber erlangt, wie sie besser mit der Verwaltung der heiligen Stätte umgehen können.

Andere Hashtags setzen sich weitaus deutlicher für Gewalt ein, wie etwa #the_intifada_continues, #Palestine_resists und #the_intifada_of_knives. Die Kampagne #returning_the_martyrs_bodies wurde von Mohammad Alian gelauncht, dem Vater von Baha’a Alian, der für den Anschlag auf einen israelischen Bus im Oktober letzten Jahres verantwortlich ist, bei dem drei Menschen ums Leben kamen.

Die Aktion #we_are_not_afraid wurde gestartet, nachdem der 18-jährige Muhannad al-Halabi in der Nähe des Damaskustors in der Altstadt von Jerusalem zwei israelische Juden erstochen und eine Frau und ein Baby schwer verletzt hatte. Als eine Welle palästinensischer Messerstechereien darauf folgte, rief die Aktion die Palästinenser dazu auf, das Tor zurückzuerobern und den „Märtyrern des Volksaufstands zu gedenken“.

„Zentrale Themen in den palästinensischen Social-Media-Netzwerken sind immer noch ‚Widerstand‘ und ‚Märtyrer‘.“

Nur wenige der in dem Bericht genannten Kampagnen zeigten ermutigende Zeichen für einen neuen, selbstkritischeren Diskurs. So zum Beispiel wurde die Kampagne „Enough with Women‘s Killings„ (Stoppt das Töten von Frauen) mit dem Ziel gestartet, das besorgniserregende Phänomen der Ehrenmorde in der palästinensischen Gesellschaft zu bekämpfen. „The Check Initiative“ ist eine Facebook-Seite, die einen kritischen Blick auf Nachrichten und Social Media wirft, die allzu häufig übertreiben und manipulieren.

Dennoch kommt der Bericht zu dem Schluss, dass die vorherrschenden Stimmen nach wie vor um das Thema „Widerstand“ kreisen, was bedeutet, dass sie weiterhin die „Märtyrer“ der Messer-Intifada feiern. Der Mangel an Kampagnen, die sich mit Personenrechten, Freiheit, dem Aufbau einer besseren Zukunft und anderen gewaltfreien Zielen befassen, spricht für sich. Dieser Geist fehlt leider im palästinensischen Internet ebenso wie in der Realität vor Ort.

Informationen mögen tatsächlich der Sauerstoff des modernen Zeitalters sein, aber die Atemluft in Palästina ist extrem verschmutzt. Eine junge Gesellschaft mit einem Durchschnittsalter von 19 Jahren wird von der gleichen Technologie, die andernorts Gemeinschaften von reaktionären Fesseln befreite, dazu erzogen, den Kampf über das Leben und die Freiheit zu setzen. Bevor sich das nicht ändert, wird ihre Zukunft düster aussehen.

Auf Englisch erschienen beim Middle East ForumNir Boms ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Moshe Dayan Center for Middle East and African Studies. Asaf Romirowsky ist Geschäftsführer von Scholars for Peace in the Middle East und Mitarbeiter des Middle East Forum.

Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •