Eine Handvoll unterklassiger Fussballvereine aus israelischen Siedlungen im Westjordanland bringt EU-Politiker, eine grosse NGO und einen Uno-Berater in Wallung. Wenn ein palästinensischer Erstligist dagegen bei einem Spiel einem Terroristen huldigt oder palästinensische Fussballer gar selbst zu Terroristen werden, herrscht Schweigen. Und das spricht Bände.

Am Ende lautete der Beschluss, dass nichts beschlossen wird, zumindest vorerst nicht. Eigentlich war erwartet worden, dass der FIFA-Rat, das strategische Organ des Weltfussballverbands, auf seinem zweitägigen Treffen in Zürich zu einer Entscheidung kommt, wie es mit den sechs Klubs aus israelischen Siedlungen im Westjordanland weitergehen wird. Zwar handelt es sich durchweg um Vereine aus den untersten Ligen des Amateurfussballs, aber nach Ansicht des palästinensischen Fussballverbands sollen sie dennoch nicht länger am Spielbetrieb teilnehmen, sondern ausgeschlossen werden. Der Verband beruft sich dabei auf die FIFA-Statuten, nach denen ein Klub nicht auf dem Territorium eines anderen Verbandes spielen darf, wenn dieser das ablehnt. Und da die Palästinenser die Gebiete von Orten wie Ma’ale Adumim, Ariel und Givat Ze’ev für sich reklamieren, sind sie der Ansicht, dass die dort ansässigen Klubs ihre Partien nicht in den Siedlungen austragen, ja, gar nicht zum israelischen Fussballverband gehören dürfen.

Der israelische Verband hingegen argumentiert, die Gebiete im Westjordanland, auf denen die Vereine spielen, seien umstritten, nicht besetzt, und die genaue Aufteilung sei eine Angelegenheit, die nicht der FIFA obliege, sondern von Israelis und Palästinensern auf politischer Ebene geklärt werden müsse. Auf Drängen des Präsidenten des palästinensischen Fussballverbands, Jibril Rajoub, hatte die FIFA auf ihrem Kongress im Mai des vergangenen Jahres die Einsetzung einer Task-Force beschlossen, die sich nicht zuletzt mit dem Thema Siedlungsklubs beschäftigen sollte. Doch eine Einigung konnte diese Kommission, der auch israelische und palästinensische Fussballfunktionäre angehören, bislang nicht erzielen. Deshalb gab es auf dem Treffen des FIFA-Rates keine Entscheidung. Der Task-Force-Vorsitzende Tokyo Sexwale, ein Südafrikaner, sagte lediglich, man bemühe sich weiterhin um eine baldige Lösung, mit der alle Seiten leben können.

Mit Verve und viel Getöse

Im Vorfeld der FIFA-Tagung hatten sich auch verschiedene Politiker und politische Organisationen mit einiger Verve auf diese Angelegenheit gestürzt. So verlangten beispielsweise mehr als 60 Abgeordnete des Europaparlaments in einem Brief an den Weltfussballverband, aus israelischen Siedlungen stammende Fussballvereine aus der FIFA und dem israelischen Verband auszuschliessen. «Human Rights Watch» fand, durch das Fussballspielen in israelischen Siedlungen würden «Menschenrechte verletzt, und daran sollte sich die FIFA nicht beteiligen». Von dieser und vom israelischen Fussballverband fordere man, «diese Spiele in den gesetzeswidrigen Siedlungen zu stoppen und sie stattdessen auf Fussballplätze innerhalb Israels zu verlegen, wo Israelis spielen können». Wilfried Lemke, der den Posten des «Sonderberaters des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Frieden und Entwicklung» bekleidet, meldete sich ebenfalls zu Wort und tat kund, die israelischen Siedlungen seien «illegal», weshalb dort auch keine regulären Fussballspiele ausgetragen werden dürften.

Wenn man bedenkt, dass es um eine Handvoll unterklassiger Klubs geht, deren Spieler weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit um Tore und Punkte kämpfen, ist es bemerkenswert, welche Bedeutung ihrem Tun beigemessen wird und mit welchem Getöse sich sogar europäische Berufspolitiker, eine grosse NGO und ein Uno-Beauftragter auf die Freizeitkicker werfen – ganz so, als hinge davon die Zukunft des Nahen Ostens ab. Aber vermutlich glauben sie genau das tatsächlich, darin der irrigen Annahme folgend, dass israelische Siedlungen das grösste Hindernis auf dem Weg zum Frieden sind – und nicht etwa der palästinensische Terrorismus und die fortgesetzte Weigerung fast aller arabischen Staaten, den jüdischen Staat anzuerkennen. Folgerichtig schweigen dieselben Experten für Menschenrechte und Fussball auch, wenn im palästinensischen Sport etwas vonstattengeht, das Kritik und Konsequenzen tatsächlich verdiente.

Sport in palästinensischen Gebieten: Werbung für Terror

So wie beispielsweise die Aktion des Ostjerusalemer Fussballklubs Hilal al-Quds, dessen Mannschaft kürzlich im Zuge eines Spiels in al-Ram im Westjordanland ein Banner präsentierte, auf dem der palästinensische Terrorist Mesmah Abu Sabih als «Märtyrer» und «Held» gefeiert wurde. Abu Sabih hatte wenige Tage zuvor in Jerusalem im Rahmen eines Terrorangriffs zwei Israelis erschossen, bevor er selbst getötet wurde. Ein Foto, das die Hilal-Spieler mit dem Transparent zeigt, wurde auf der Facebook-Seite des Vereins veröffentlicht. Während der Partie gab es ausserdem eine Schweigeminute für den Mörder. Hilal al-Quds gehört der West Bank Premier League an, das ist neben der Gaza Strip League die höchste palästinensische Spielklasse im Fussball. Schon deshalb hat der Vorfall eine ganz erhebliche Relevanz. Doch kein EU-Parlamentarier, keine grosse Menschenrechtsorganisation und kein Sonderberater der Uno erhob die Stimme.

Der Fussballklub "Hilal al-Quds" präsentierte kürzlich ein Banner, auf dem der palästinensische Terrorist Mesmah Abu Sabih als «Märtyrer» und «Held» gefeiert wurde. Foto Facebook
Der Fussballklub „Hilal al-Quds“ präsentierte kürzlich ein Banner, auf dem der palästinensische Terrorist Mesmah Abu Sabih als «Märtyrer» und «Held» gefeiert wurde. Foto Facebook

Nichts als Schweigen hört man von ihnen in aller Regel auch, wenn in den palästinensischen Gebieten Sportwettbewerbe oder Sporteinrichtungen nach Terroristen benannt werden – was regelmässig der Fall ist. Ein Schulfussballturnier in El-Bireh im Westjordanland beispielsweise, das im November 2015 ausgetragen wurde, trug den Namen eines 13-jährigen palästinensischen Messerstechers, der in Jerusalem zwei Israelis angegriffen und schwer verletzt hatte. Der Fussballklub Shabab Al-Khalil benannte seine Torwartschule nach einem anderen mit einem Messer bewaffneten Angreifer. Ein Tennisturnier an der Birzeit-Universität wurde zu Ehren eines Terroristen ausgerichtet, der versucht hatte, einen israelischen Grenzpolizisten zu erstechen. Kritisch über solche Ereignisse wird in aller Regel lediglich in Israel berichtet, in Europa sind sie normalerweise gar nicht der Rede wert.

Und während sich der palästinensische Fussballverband bei der FIFA darüber beklagt, dass der jüdische Staat es palästinensischen Fussballern bisweilen erschwert oder verunmöglicht, zu ihren Spielen zu gelangen, unterschlägt er geflissentlich, dass palästinensische Kicker bereits mehrfach an Grenzübergängen gestoppt wurden, weil sie zuvor in terroristische Aktivitäten verwickelt waren. Zu nennen wäre diesbezüglich etwa Sameh Fares Mohammad, der als Bote zwischen der Hamas und einem Hamas-Terroristen in Katar fungierte und deshalb im Sommer 2014 vom israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet festgenommen wurde. Oder Omar Abu Rwayyis – damals Torhüter der palästinensischen Olympiamannschaft – der im Januar 2012 gemeinsam mit einem weiteren Fussballer einen Anschlag auf israelische Soldaten verübte und dafür von der israelischen Armee inhaftiert wurde.

Solche Geschehnisse sind jenseits der israelischen Grenzen jedoch nur selten ein Thema. Ein paar tiefklassige Fussballvereine aus israelischen Siedlungen dagegen beschäftigen den FIFA-Rat, die internationale Politik und die Presse. Und das lässt tief blicken.

Alex Feuerherdt

Über Alex Feuerherdt

Alex Feuerherdt ist freier Autor und lebt in Köln. Er hält Vorträge zu den Themen Antisemitismus, Israel und Nahost und schreibt regelmässig für verschiedene Medien, unter anderem für die «Jüdische Allgemeine», «n-tv.de», «Konkret» und die «Jungle World». Zudem ist er der Betreiber des Blogs «Lizas Welt».

Website
Alle Artikel
Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •