Die angenehmen Stimmen der Frauen im Rana Choir von Jaffa vermitteln den Eindruck perfekter Harmonie. Die zehn arabischen und zehn jüdischen Sängerinnen haben eine enge Verbindung, ihre Einstellungen sind jedoch bei weitem nicht aus einem Guss.

von Abigail Klein Leichman

„Es ist nicht einfach; wir sind uns nicht immer über alles einig“, sagt Lubna Rifi, 40, eine arabisch-muslimische Einwohnerin von Jaffa, die im letzten Jahr zur Gruppe gestossen ist.

„Es ist eine Herausforderung, andere Meinungen zu hören und zu versuchen, den Standpunkt der anderen Person zu verstehen. Immerhin hat man aber dann das Bild aus ihrer Sicht, während die anderen wiederum das Bild aus meiner Sicht bekommen“, erzählt sie. „In diesem erstaunlichen Chor tun wir etwas, um unsere schwierige Realität zu verändern.“

Rana (was sowohl im Hebräischen als auch Arabischen „singen“ heisst) wurde 2008 als „Shirana“ im Arabisch-Jüdischen Gemeinschaftszentrum in Jaffa gegründet. Anfang 2016 nahmen die Gründerin und Dirigentin Mika Danny und der künstlerische Leiter Idan Toledano die Gruppe unter das Dach der Inspiration Global School for Art, Leadership and Social Change und kürzten den Namen.

„Ich war immer an politischen Aktivitäten und Demonstrationen beteiligt. Dann zog ich vor 13 Jahren nach Jaffa und hatte dort das Gefühl, mit meinem Beruf als Musikerin etwas wirklich Bedeutsames anfangen zu können“, sagt Danny, 60, Gesangslehrerin und Komponistin.

Sie hatte das Gefühl, ein Chor könne einen Angelpunkt der Interaktion zwischen muslimischen, christlichen und jüdischen Einwohnern Jaffas, offiziell Teil der Gemeinde Tel Aviv, darstellen

„Die Macht der Musik ist enorm“, so Mika Danny. „Zusammen Musik zu machen, insbesondere zu singen, erzeugt sofort Intimität und nonverbale Kommunikation. Man muss denjenigen, die links und rechts von einem stehen, genau zuhören, um sich mit ihnen zu synchronisieren. Wenn man zusammen auftritt und erfolgreich sein will, entwickelt man Teamgeist.“

Die Teilnehmer sind zwischen 35 und etwas über 70 Jahre alt, darunter auch Mutter-Tochter- und Schwestern-Paare.

Der Rana Chor. Foto Noa Ben Shalom
Der Rana Chor. Foto Noa Ben Shalom

„Über eine nur höfliche Phase sind wir zu einer Phase gelangt, in der wir alle eine grosse Familie sind”, sagt Danny. „Das bedeutet, dass wir offen reden können, auch wenn wir nicht alle die gleiche politische Meinung teilen. Man kann nur danach streben, zusammen zu leben und einander zu respektieren.“

Sie war nicht sicher, ob die junge Gruppe den Gazakrieg vom Sommer 2008 überstehen würde. „Mir wurde klar, dass wir nicht weitermachen konnten, ohne über Politik zu sprechen“, sagt sie. „Statt in einem Riesenkrach darüber, wer schuld sei, zu enden, wurde es zu einem Gespräch über den Schmerz, die Trauer und die Wut, die wir alle über die Verschwendung von Leben empfinden.“

Die tödliche Messerattacke in Jaffa am 8. März 2016 geschah kurz vor der wöchentlichen Probe des Chors. Weil sie am nächsten Tag auftreten sollten, erschienen die Sängerinnen vollzählig.

„Alle waren in schrecklicher Stimmung, aber wenn man erst einmal zu singen anfängt, fühlt man sich gleich besser“, sagt Danny. Einige der Frauen sangen unter Tränen, aber wir haben es sozusagen herausgesungen.“

Die Mitglieder haben interkulturelle Freundschaften geschlossen und die Gruppe verbringt jedes Jahr ein oder zwei Wochenenden miteinander.

„Ich bin froh, arabische Frauen zu kennen und mit ihnen befreundet zu sein und ihre Situation besser zu verstehen“, sagt Irit Aharoni, jüdische Einwohnerin Jaffas. „Wenn ich etwas brauche, habe ich eine warmherzige Unterstützergruppe, die sich um mich sorgt und ich kann mich jederzeit an sie wenden.“

Für Aharoni ist die Musik der Leim, der sie zusammenhält. „Ich bin Shirana ungefähr ein halbes Jahr nach der Gründung beigetreten, weil ich damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte: Singen und politisch aktiv für Koexistenz eintreten. Ich mag die Werke, die wir singen, wirklich und mir gefällt es, dass wir meistens in beiden Sprachen singen, Arabisch und Hebräisch“, sagt sie.

Bei der Arbeit mit der arabischen Sängerin Lubna Salame wählt Danny unpolitische Folk- und Ethnosongs, die zu den Empfindungen und Stimmen der Frauen passen.

Sie hat verschiedene hebräische und arabische Lieder mit ähnlichen Motiven gemischt. „Zum Beispiel gibt es ein hebräisches Schlaflied namens ‚Numi Numi‘ und ich fand ein arabisches Schlaflied namens ‚Nami Nami‘. Die Worte sind sehr ähnlich und harmonisieren gut miteinander.“ Der entstandene Song heisst „Nami Numi“.

Der Chor präsentiert ausserdem Lieder in Ladino, Griechisch, Persisch, Jemenitisch und Jiddisch.

„Die Botschaften hinter den Songs sind sehr mächtig”, sagt Rifi. „Manchmal sehe ich, dass die Leute Tränen in den Augen haben, wenn wir singen. Ich denke, das ist der richtige Weg, die Menschen zu berühren und ihre Einstellung ein wenig zu verändern.“

Aharoni sagt, einige ihrer Kinder würfen ihr vor, naiv zu sein, wenn sie glaube, der Chor könne etwas ändern. „Ich glaube wirklich daran“, sagt die 54-jährige Psychologin. „Ich habe meinen Vater im Jom-Kippur-Krieg verloren, als ich elf Jahre alt war…wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum mir der Chor so wichtig ist.“

Die traditionelleren arabisch-muslimischen Frauen stehen vor einem anderen Problem: Ihre Ehemänner schätzen es nicht, wenn sie Haus und Kinder einmal in der Woche verlassen und öffentlich auftreten.

Und für alle Mitglieder von Rana stellt ein immer vollerer Auftrittsplan eine Herausforderung in ihrem geschäftigen Alltag dar.

Rifi muss sich anstrengen, Proben und Auftritte neben der Erziehung ihrer drei Kinder und der Vollzeitarbeit für die US Agency for International Development (AID) unterzubringen.

„Es ist viel Arbeit, aber es ist mir auch sehr wichtig”, sagt sie. „Es ist eins meiner Ziele im Leben, zu zeigen, dass Araber und Juden durch die Kunst vereint werden können. Ich glaube, nichts könnte uns mehr verbinden als das Singen.“

„Nicht nur Zeit ist knapp“, sagt Danny. „Bisher waren die einzigen Mittel, die uns zur Verfügung standen, Erlöse aus unseren Auftritten. Wir verlassen uns auf Freiwillige und träumen davon, eines Tages einen professionellen Verwalter einstellen zu können. Wir versuchen, eine internationale Freundesorganisation auf die Beine zu stellen, die den Chor unterstützt.“

Auf Englisch zuerst erschienen bei Israel21c.

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