Nach Aussage eines israelisch-arabischen Anwalts für Arbeitsrecht und eines palästinensischen Arbeiters in der Fernsehsendung Workers‘ Affairs sind die Arbeitsbedingungen für Palästinenser, die in Israel und den Siedlungen arbeiten, wesentlich besser als die auf dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Der Arbeiter erklärte, dass die Bedingungen sogar soviel besser seien, dass viele palästinensische Arbeiter es vorzögen oder sich „gezwungen“ sähen, für israelische Arbeitgeber zu arbeiten.

von Itamar Marcus and Nan Jacques Zilberdik, Palestinian Media Watch

Der israelisch-arabische Anwalt für Arbeitsrecht, Khaled Dukhi, der mit der israelischen NGO Workers‘ Hotline zusammenarbeitet, stellte in der Sendung des offiziellen Fernsehsenders der PA fest, dass das israelische Arbeitsrecht „sehr gut“ ist, weil es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau oder zwischen Israelis und Palästinensern macht. Allerdings, so erklärte er, leiden Palästinenser, die in Israel oder den Siedlungen arbeiten, nach wie vor darunter, dass ihnen palästinensische Mittelsmänner Teile ihres Gehalts „stehlen“:

„Die palästinensischen Arbeiternehmerinnen geniessen im [israelischen] Landwirtschaftssektor viele Rechte, genau wie jeder andere israelische Arbeiter, der in diesem Sektor beschäftigt ist: Ihre Löhne liegen über dem Mindestlohn, sie haben in den ersten vier Jahren 14 Urlaubstage pro Jahr, sie erhalten 2.000 Schekel Krankengeld [jährlich] … und Urlaubsgeld, egal ob sie Moslems sind oder Juden. Es ist eine Frage der Entscheidung … [Aber] in der Realität erhalten palästinensische Arbeiter – und insbesondere die palästinensischen Arbeitnehmerinnen – diese Dinge nicht. Warum? Sie [die Moderatorin von PA TV] haben gesagt: ‚Der palästinensische Mittelsmann zieht ihr etwas [von ihrem Lohn] ab.‘ Nein, er zieht nichts ab, er teilt ihren Lohn auf. In der Praxis sieht es so aus, dass er sich 50 %, 60 %  und sogar 70 % von ihrem Lohn nimmt. Wenn ihr Tageslohn 180 Schekel beträgt, dann erhält sie am Ende nur noch 60 Schekel. Der Mittelsmann stiehlt zwei Drittel ihres Lohns. Entschuldigen Sie das Wort [„stiehlt“], aber es ist genau das richtige Wort.“ [Offizieller Fernsehsender der PA, Workers‘ Affairs, 16. März 2016]

In einer weiteren Folge von Workers‘ Affairs erklärte Qassem Abu Hadwan, ein Arbeiter aus Hebron, palästinensische Arbeiter seien „gezwungen“ in Israel zu arbeiten, da die palästinensischen Arbeitgeber sie ausbeuten und ihnen nur die Hälfte zahlen würden:

„Die mangelnde Überwachung  [palästinensischer] Firmen- und Fabrikeigentümer sowie deren Ausbeutung von Arbeitnehmern ist der Grund, warum die Menschen gezwungen sind, in Israel zu arbeiten … Wenn [die Löhne in den Palästinensischen Autonomiegebieten] auch nur halb so hoch wären, wie die Löhne [in Israel] … würde niemand in Israel arbeiten. Die Arbeiter müssen jedoch nach Israel gehen, weil niemand [in den Palästinensischen Autonomiegebieten] ihnen das bezahlt, was sie für ihre Arbeit verdienen. [Offizieller Fernsehsender der PA, 4. und 16. Feb. 2016]

Abu Hadwan sagte, obwohl auch die israelischen Arbeitgeber die palästinensischen Arbeiter „ausbeuten“, „geben sie ihnen das, was ihnen zusteht.“ Er erklärte, dass Palästinenser nicht in Israel arbeiten würden, wenn die Bedingungen in den Palästinensischen Autonomiegebieten besser wären, da jedoch „die Arbeit eines Monats hier [in den Palästinensischen Autonomiegebieten] genau so viel bringt, wie eine Woche dort [in Israel]“, sind die Menschen gezwungen, sich Arbeit in Israel oder den Siedlungen zu suchen.

Die Moderatorin der Sendung kam zu dem Schluss, dass Ausbeutung und niedrige Löhne der Grund dafür sind, dass palästinensische Arbeiter lieber in Israel und den Siedlungen arbeiten und sie schlug vor, wie die PA dies verändern könnte:

PA TV-Moderatorin: „Wir brauchen Investitionen und die Rechte der Arbeiter müssen respektiert werden. Wir wir bereits sagten, ist das, was die Arbeiter motiviert, ins Binnenland [d. h. nach Israel] oder die Siedlungen zu gehen [um dort zu arbeiten], die [in den PA] herrschende Ausbeutung und das niedrige Einkommen.“ [Offizieller Fernsehsender der PA, 4. u. 16. Feb. 2016]

Die Tatsache, das Palästinenser in Israel sowie bei israelischen Arbeitgebern im Westjordanland doppelt so viel verdienen, wird vom Zentralen Statistikamt der PA bestätigt. Palestinian Media Watch (PMW) berichtete über die Untersuchungsergebnisse des Amts für 2014, die gezeigt hatten, dass Palästinenser, die für israelische Arbeitgeber arbeiten, doppelt so viel verdienten wie bei palästinensischen Arbeitgebern im Westjordanland und sogar das Dreifache von dem, was sie im Gazastreifen erhielten. Im Februar 2016 gab das Amt ähnliche Ergebnisse für das Jahr 2015 bekannt:

„Der [tägliche] Durchschnittslohn für Beschäftigte im Westjordanland betrug 94,1 Schekel und im Gazastreifen 61,9 Schekel, während Beschäftigte in Israel und den Siedlungen 198,9 Schekel verdienten.“ [Offizielle Tageszeitung der PA, Al-Hayat al-Jadida, 26. Feb. 2016]

PMW hat ähnliche Stellungnahmen von Palästinensern dokumentiert, die ebenfalls bezeugen, dass die Bedingungen für palästinensische Arbeiter in Israel weitaus besser sind als die in den Palästinensischen Autonomiegebieten.

Der Leiter des Zentrums für Demokratie und Arbeitnehmerrechte, Hassan al-Barghuti, stellte im Mai 2016 im PA TV fest, dass „120.000 [Palästinenser] in Israel und den Siedlungen arbeiten.“ [Offizieller Fernsehsender der PA, 11. Mai, 2016]

Das Zentrale Statistikamt der PA gab an, dass „die Zahl der Arbeiter aus dem Westjordanland [die] in Israel und den Siedlungen [arbeiten] im Jahr 2015 112.300 betrug … und die Zahl der Arbeiter in israelischen Siedlungen bei 22.400 lag.“ [Offizielle Tageszeitung der PA, Al-Hayat al-Jadida, 26. Feb. 2016]

Nachfolgend einige längere Textauszüge der obengenannten Berichte:

Palästinensischer Anwalt: Das israelische Arbeitsrecht ist sehr gut, palästinensische Mittelsmänner stehlen Frauen jedoch zwei Drittel ihrer Löhne 

Anwalt Khaled Dukhi von der Worker‘s Hotline: „Das israelische Arbeitsrecht ist in Hinblick auf die Arbeitnehmerrechte sehr gut, sowohl für Männer als auch für Frauen. Das israelische Recht macht keinen Unterschied zwischen Arbeitern, ob sie nun illegal oder legal nach Israel gekommen sind … Auch wenn es sehr gut ist, sieht es in der Praxis jedoch leider so aus, dass sich das Gesetz für palästinensische Arbeitnehmerinnen als sehr schlecht erwiesen hat. Beispielsweise geniessen die palästinensischen Arbeiterinnen im Landwirtschaftssektor viele Rechte, so wie auch alle anderen israelischen Arbeiter, die in diesem Sektor beschäftigt sind: Die Löhne liegen über dem Mindestlohn, in den ersten vier Jahren gibt es 14 Urlaubstage pro Jahr, im ersten Jahr gibt es 2.000 Schekel Krankengeld [jährlich] und im zweiten und dritten Jahr sind es für jeden Arbeiter in Israel 2.200 Schekel, darüber hinaus wird Urlaubsgeld gezahlt, für Juden und Moslems gleichermassen. Es ist eine Frage der Entscheidung.“

TV-Moderatorin: „Und wie sieht es in der Praxis aus, kommen die Menschen in den Genuss dieser gesetzlich verbrieften Rechte?“

Anwalt Khaled Dukhi von der Worker‘s Hotline: „In der Praxis ist es so, dass palästinensische Arbeitnehmer – und insbesondere die palästinensischen Arbeitnehmerinnen – diese Dinge nicht erhalten. Warum? Sie sagten: „Der palästinensische Mittelsmann zieht ihr etwas [von ihrem Lohn] ab.“ Nein, er zieht nichts ab, er teilt ihren Lohn auf. In der Praxis sieht es so aus, dass er sich 50 %, 60 %  und sogar 70 % von ihrem Lohn nimmt. Wenn ihr Tageslohn 180 Schekel beträgt, dann erhält sie am Ende nur noch 60 Schekel. Der Mittelsmann stiehlt zwei Drittel ihres Lohns. Entschuldigen Sie das Wort [„stiehlt“], aber das ist genau das richtige Wort.“

TV-Moderatorin: „Ja, das spiegelt die Realität wider.“
[Offizieller Fernsehsender der PA, Workers‘ Affairs, 16. März 2016]

Arbeiter in den Palästinensischen Autonomiegebieten: Höhere Löhne zwingen palästinensische Arbeiter nach Israel; in den Palästinensischen Autonomiegebieten werden sie ausgebeutet

Arbeiter aus Hebron, Qassem Abu Hadwan „Die mangelnde Überwachung  [palästinensischer] Firmen- und Fabrikeigentümer sowie deren Ausbeutung der Arbeitnehmer ist der Grund, warum die Menschen gezwungen sind, in Israel zu arbeiten und zu bauen. Wenn [die Löhne in den PA] auch nur halb so hoch wären, wie die Löhne [in Israel] … würde niemand in Israel arbeiten. Die Arbeiter müssen jedoch nach Israel gehen, weil niemand [in den Palästinensischen Autonomiegebieten] ihnen das zahlt, was sie für ihre Arbeit verdienen, weder in Fabriken oder Unternehmen und noch nicht einmal in den Kommunen …“

Die Moderatorin des offiziellen Fernsehsenders der PA: „Denken Sie, dass es die niedrigen Einkommen und die Ausbeutung durch [palästinensische] Fabrik- und Firmeneigentümer sind, die die Menschen dazu zwingen, sich in die Grüne Linie [nach Israel] oder die Siedlungen zu begeben [um dort zu arbeiten]?“

Arbeiter aus Hebron, Qassem Abu Hadwan: „Das ist es, was die Arbeiter nach Israel zwingt. Auch wenn die israelischen Arbeitgeber sie ausbeuten, geben sie ihnen das, was ihnen zusteht. Letztlich sagt sich ein Arbeiter, wenn er in Israel zwischen 200 und 180 Schekel [täglich] verdient, während er im Gegensatz dazu hier [in den Palästinensischen Autonomiegebieten] 50, 70 oder 100 Schekel erhält: Ein ganzer Monat Arbeit hier bringt genauso viel wie eine einzige Woche dort [in Israel].  Wie kann man das miteinander vergleichen?“

Die Moderatorin des offiziellen Fernsehsenders der PA: „Wir brauchen Investitionen und die Rechte der Arbeiter müssen respektiert werden. Wie wir bereits sagten, ist das, was die Arbeiter motiviert, ins Binnenland [d. h. nach Israel] oder die Siedlungen zu gehen [um dort zu arbeiten], die [in den Palästinensischen Autonomiegebieten] herrschende Ausbeutung und das niedrige Einkommen …  Sie [die Arbeiter] haben über 12-Stunden-Tage im palästinensischen Baugewerbe berichtet, während im Binnenland von Israel eine Arbeitszeit von 8 Stunden gilt.“
[Offizieller Fernsehsender der PA, Workers‘ Affairs, 4. u. 16. Februar 2016]

Palästinensische Arbeitnehmer verdienen in Israel doppelt so viel wie in den Palästinensischen Autonomiegebieten im Westjordanland

Überschrift: „Die Arbeitslosenquote in Palästina beträgt 25,9 Prozent“

„Das [palästinensische] Zentrale Statistikamt gab gestern (25.Februar 2016) bekannt, dass … die Anzahl der Arbeitnehmer auf dem lokalen Markt im Jahr 2015 846.000 betrug, während es im Westjordanland 570.000 und im Gazastreifen 276.000 Beschäftigte waren …

11,7 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Israel und den Siedlungen. Die Zahl der Arbeiter aus dem Westjordanland [die] in Israel und den Siedlungen [arbeiten] betrug im Jahr 2015 112.300 … und die Anzahl der Arbeiter in israelischen Siedlungen lag 2015 bei 22.400.

Der Durchschnittslohn der Beschäftigten betrug 2015 103,9 Schekel … der [tägliche] Durchschnittslohn für Arbeitnehmer im Westjordanland lag bei 94,1 Schekel und im Gazastreifen bei 61,9 Schekel, während Beschäftigte in Israel und den Siedlungen durchschnittlich 198,9 Schekel verdienten.“
[Al-Hayat al-Jadida, 26. Februar 2016]

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1 KOMMENTAR

  1. Man muss sich dies mal zu Gemüte führen. Der palästinensische „Mittelsmann“ zieht den arbeitenden Frauen 50 %, 60 % und sogar 70 % von ihrem Lohn ab. Wenn ihr Tageslohn 180 Schekel beträgt, dann erhält sie am Ende nur noch 60 Schekel. Der Mittelsmann stiehlt zwei Drittel ihres Lohns! Wo bleiben da die BDS Aktivisten, Apartheid, Rassismus uns sonstigen Schreihälse?

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