Krieg wie im „Krieg“

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Paris nach dem Attentat. Foto Maya-Anaïs Yataghène. Lizenziert unter CC BY 2.0 via Wikimedia Commons.

In Europa gehen die Begriffe zunehmend durcheinander. Augenzeugen im Theater Bataclan berichteten, dass „jugendliche Zivilisten auf Zivilisten geschossen“ hätten. Frankreichs Präsident Francois Hollande hat von einem „Krieg mitten in Paris gesprochen“. Wer Krieg sagt, denkt immer noch an den 2. Weltkrieg und Flächenbombardements von Städten wie Hamburg, Warschau und Dresden.

Hollande plant gewiss nicht, Frankreichs Armee zu rekrutieren, um in Paris gegen den Feind anzukämpfen. Vielmehr glaubt er, gegen Islamisten, Schläfer und, als Flüchtlinge getarnt, eingeschleuste Terroristen etwas unternehmen zu können, wenn er IS Stellungen in Rakka im fernen Syrien aus der Luft bombardieren lässt. Doch so kann er den nächsten Terroranschlag in Europa gewiss nicht verhindern.

Die Dinge beim Namen nennen
Erschwerend kommt der politisch korrekte Sprachgebrauch hinzu. „Islamisten haben nichts mit dem Islam zu tun.“ Die religiös motivierte Ideologie der Täter wird wegdiskutiert oder ignoriert. Wie soll man aber einen Feind bekämpfen, wenn man ihn nicht einmal beim Namen nennen darf?

Es gibt kein zweites westliches Land, wo man sich so sicher und geschützt vor Terror fühlen kann, wie ausgerechnet in Israel. Doch täglich wird es von allen Seiten bedroht, von „Innen“ wie von äußeren Feinden. Worin liegt das Geheimnis der Israelis?

Es beginnt wohl mit der Sprache. Da werden Terroristen beim Namen genannt und nicht als „mutmaßliche Täter“ beschönigt. Während in Frankreich oder Deutschland Bedenken aufkommen, jemanden nach seiner Herkunft zu befragen, weil das politisch inkorrekt sein könnte, werden in Israel sehr schnell die Namen identifizierter Täter und sogar deren Adresse veröffentlicht.

Auch mit dem Schutz der „Privatsphäre“ geht man in Israel locker um. Seit Jahrzehnten werden Passagierlisten von Flugzeugen vom Geheimdienst überprüft. Warum eigentlich nicht? Denn jeder Flugpassagier muss bei der Ein- und Ausreise ohnehin seinen Pass vorlegen. Spätestens dann weiß der Staat, wer mitgeflogen ist.

In Israel kann man jedes „Privatgespräch“ im Bus oder auf der Straße mithören, wenn da laut und rücksichtslos mit dem Handy geschnattert wird. Warum sollte ein Geheimdienst da nicht auch mithören? Wer gezielt Terroristen sucht, dürfte sich ohnehin kaum dafür interessieren, wann Mami ihre Kinderchen aus dem Kindergarten abholt oder Papa fragt, ob im Kühlschrank noch Milch und Butter fehlen.

Immerhin wurde bekannt, dass die Israelis offenbar intensive Funksprüche von IS auf dem Sinai vor und nach dem Absturz der russischen Maschine mitgehört hatten und ebenso vermehrten Funkverkehr vor den Anschlägen in Paris. Die ägyptischen Kontrolleure auf dem Flughafen von Scharm A Scheich haben aber weiterhin geschlafen, während die Franzosen dank des israelischen Tipps angeblich nur die Sicherheit ihrer diplomatischen Vertretungen in Nordafrika erhöht haben. Die Anschläge in Paris kamen so überraschend wie 9/11, Madrid und London, als hätte es in Europa noch nie einen Terroranschlag gegeben.

Der heutige Weltkrieg, also der asymmetrische Krieg der Staaten gegen irgendwelche Terrorgruppen, begann Anfang der Siebziger Jahre mit Flugzeugentführungen der palästinensischen Befreiungsorganisation. Zunächst war die EL AL das Hauptziel. Seitdem wurden in aller Welt Sicherheitskontrollen eingeführt, und bei der EL Al ganz besonders effektiv. Die israelische Fluggesellschaft gilt heute als eine der Sichersten. Man profitiert gerne davon, wenn es um die eigene Sicherheit geht, bezeichnet aber Kontrollen als „Schikane“, vor allem wenn „Friedensaktivisten“ auf dem Weg zu ihren Protestaktionen rechtzeitig abgefangen werden.

Auch sonst war der Staat Israel recht erfolgreich, seine Bürger vor Terror zu beschützen, etwa als palästinensische Selbstmordattentäter losschlugen. Da wurde gegen den ausdrücklichen Willen der Jerusalemer Regierung die „Mauer“ errichtet, ähnlich wie man es heute wieder in Europa fordert. Sie sollte Gastarbeiter, Terroristen, Übeltäter und unschuldige Bürger zu den Checkpoints schleusen, damit sie „ordentlich“ und kontrolliert einreisen.

Konsequent handeln
Wenn Krieg ist, mit Raketen, Sprenggürteln oder Messern, dann handelt Israel eben wie im Krieg. Wer bei einer Polizeikontrolle anstelle des Ausweises ein Messer zückt, muss damit rechnen, erschossen zu werden, auch wenn die Palästinenser über „außergerichtliche Hinrichtung“ lamentieren oder sich darüber beklagen, dass Israel einem Jugendlichen das legitime Recht nehme, im Rahmen des „gewaltlosen Widerstands gegen die Besatzung“ einen Juden niederzustechen.

Umstritten ist auch die Methode, die Wohnungen der Attentäter zu zerstören oder wenigstens zu versiegeln. Man vergleicht das gerne mit der Nazizeit. Doch wenn Israel wirklich wie die Nazis handeln würde, müsste es eigentlich das ganze Dorf oder die Stadt dem Erdboden gleichmachen, wie Oradour, Warschau oder Guernica.

Um wessen Freiheit geht es
Wie Hollande seinen „Krieg“ mitten in Paris führen will oder sollte, müssen die Franzosen selber entscheiden. Gewiss ist nur, dass die über ganz Paris verhängte „Ausgangssperre“ – anders als in Israel – nicht als Kollektivbestrafung der Täter anzusehen ist, sondern die potentiellen Opfer gleichermaßen trifft. Und indem man das „normale Leben“ stoppt, liefert man den Terroristen – gleichgültig welcher Gruppe sie angehören – nicht nur einen unverdienten Sieg. Damit erreichen sie auch genau das, was sie beabsichtigen: die „dekadenten Westler“ einzuschüchtern und handlungsunfähig zu machen.

Besser wäre es, den Geheimdiensten freie Hand zu lassen und bayrische Polizisten zu belehren, den Franzosen einen Hinweis zu geben, etwa wenn sie auf der Autobahn ein mit Waffen gefülltes Auto mit Paris als Zielort schnappen.

Antisemitismus wird verschwiegen
Manche Kommentatoren monierten, dass die Franzosen nichts vom Überfall auf Charlie Hebdo gelernt und „geschlafen“ hätten. Doch wenn die Medien und Politiker über Charlie Hebdo reden und dabei geflissentlich den Überfall auf einen jüdischen Supermarkt verschweigen, geben sie darüber hinaus indirekt grünes Licht auf jüdische Ziele. Auch das Bataclan-Theater hatte bis vor kurzem jüdische Besitzer. Sie haben sich inzwischen ins sichere Israel abgesetzt. Zudem gab es schon mehrere propalästinensische Demos bei dem Theater. Doch immer noch weigern sich viele, die Dinge beim Namen zu nennen. Deutsche Medien berichten, dass an dem Abend des Überfalls die „konservative“ amerikanische Band Eagles of Death Metal dort gespielt hätte. Was bedeutet hier „konservativ“ und inwiefern rechtfertigt das ein Massaker an den Zuschauern? Zu erfahren war nur, dass die Band auch schon einmal in Tel Aviv aufgetreten sei. Der notorisch antisemitische Roger Waters, Mitbegründer von Pink Floyd, soll den Frontmann der Eagles, Jesse Hughes, wegen dessen Absicht kritisiert haben, in Israel zu spielen. Hughes habe ihm mit dem Zwei-Worte-Fluch geantwortet: „F* you“. Oder wie die NZZ vornehm formulierte: „Mit jenen bekannten zwei kurzen Worten, die angelsächsische Prüderie in Film und Funk so gerne ausblendet.“

Mit „konservativ“ scheint also eine Vorliebe für Israel gemeint zu sein. Wenn dem so ist, darf man wohl demnächst mit ähnlichen Massakern bei Konzerten von Madonna und anderen Bands rechnen, die ebenso in Tel Aviv aufgetreten sind. Die sind doch alle „konservativ“…

Übrigens wäre in Israel ein solches Massaker bei einem Konzert kaum denkbar. Denn seit Jahren wird in Israel jeder Supermarkt, jedes Theater und jede Konzerthalle von Sicherheitsleuten mit Metalldetektoren kontrolliert. Warum nicht auch in Paris, Berlin oder Zürich, wenn man sich dort in einem „Kriegszustand“ wähnt? Oder wäre es zu „konservativ“, von den Israelis zu lernen?

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Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Sahm Nahost-Korrespondent für deutsche Medien mit Sitz in Jerusalem. Er berichtet u.a. für n-tv, die Stuttgarter Zeitung, Hannoversche Allgemeine, NRZ, Berliner Morgenpost und die Katholische Nachrichten-Agentur KNA.

Alle Artikel
  • Marc Daniels

    Konservativ im Sinne von amerikanischer politischen Partei?

  • Rolf Tschan

    Konservativer Heavy-Metal. Tönt interessant: Wie klingt das?

    Vermutlich anders als der progressive Sound von Pink Floyd…

  • nussknacker56

    Ein ausgezeichneter Kommentar von Ulrich Sahm, der die Probleme genau auf den Punkt bringt. Gegen Terroristen hilft kein Gebet, keine Toleranz und kein Kotau, wie es schon wieder von einer allmählich stärker werdenden Zahl von Leuten vertreten wird. Freiheit bleibt nicht da, wo sie gering geschätzt oder nicht verteidigt wird.

    Hollande gibt jetzt den harten Staatsmann. Doch darf nicht vergessen werden, was er nach den letzten Attentaten auf einer Kundgebung demonstrierte: Sozusagen Arm in Arm mit Abbas, der extra dazu eingeladen wurde. Ausgerechnet Abbas, der gewohnheitsmäßig und aus Überzeugung Terroristen applaudiert und nichts unversucht lässt, Öl ins Feuer zu gießen, wenn er glaubt, damit seine brüchig gewordene Machtbasis stabilisieren zu können. Dass Hollande in der Zwischenzeit etwas dazu gelernt hat, ist höchst unwahrscheinlich.

    • Jonas Strant

      In der Tat. Den „Auftritt“ hatte ich schon vergessen.

  • unermuedlich

    Dinge beim Namen nennen, daran fehlt es. Stattdessen beschließt die EU -Kommission, den arabischen Terror zu unterstützen, indem sie Waren aus umstrittenen Gebieten stigmatisiert.
    Ich wünsche mir Ulrich Sahm zurück in den deutschen Medien als Gegengewicht gegen die unerträgliche anti-israelische Propaganda.