Bundesaussenminister Frank Walter Steinmeier hatte in Jerusalem eindringlich vor einem „Religionskonflikt“ in Nahost gewarnt. Das war seine wichtigste Botschaft, zumal er weder Israels Siedlungspolitik stoppen noch den Friedensprozess wieder ankurbeln konnte.

Manche Analysten behaupten, dass es bei dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern um Territorium gehe. Hier ein Quadratkilometer, dort ein wenig Land und schon herrscht Frieden in den biblischen Gefilden. Diese Idee liegt auch der Zwei-Staaten-Lösung zugrunde, von den Europäern als alternativloser Vorschlag verkauft. Deshalb wird allein Israel mit Sanktionen gedroht, weil die Siedlungspolitik diese simple Lösung unterlaufe.

Die Israelis fahren dagegen schwere Geschütze auf. Die „Grenzen von 1967“ seien Waffenstillstandslinien zwischen Israel und Jordanien „ohne Vorgriff auf künftige diplomatische Verhandlungen“. Der ehemalige israelische Aussenminister Abba Eban sprach von „Auschwitzgrenzen“. Die wirren Aussagen radikaler Siedler zur „biblischen Heimat“ werden trotz der vermeintlich übermächtigen Siedlerlobby in Israel nicht ernst genommen. „Siedlervater“ Ariel Scharon hatte in einem Haaretz-Interview klar gemacht, dass Israel für Frieden bereit sei, Siedlungen wie Eli, Schiloh und Tekoah aufzugeben. Die Namen hatte er nicht zufällig gewählt. Es handelt sich um klassische biblische Stätten. Scharons Botschaft war, dass biblische oder jüdische Geschichte kein Argument bei einer Aufteilung des Landes seien. Ohnehin hatte Israel König Davids Heimatstadt Bethlehem im Rahmen der Osloer Verträge unter palästinensische Verwaltung gestellt. Gleiches gilt für das biblische Sichem (heute Nablus) und Jericho, wohin Touristen wegen der Bibel pilgern.

Ministerpräsident Ehud Barak hatte im Jahr 2001 behauptet, dass die arabischen Kriegsverlierer für ihre Attacke auf Israel mit Land zu zahlen hätten, ähnlich wie Deutschland Schlesien, Elsass und andere Territorien zugunsten der Sieger verloren habe. Vor allem die Siedlungsblöcke sollten bei Israel bleiben. Das haben auch die Amerikaner akzeptiert.

Dann argumentiert Israel mit „Sicherheitsbedenken“. Die ändern sich immer wieder. So befürchtet Israel eine Übernahme des Westjordanlandes durch die Hamas und will weder den Ben Gurion Flughafen noch Tel Aviv und die dicht besiedelte Küstenebene buchstäblich in Sichtweite palästinensischer Extremisten wissen. Die geografischen Verhältnisse sind so beengt, dass kein Flugzeug mehr sicher landen könnte, falls „Feinde“ die Hügel nahe dem internationalen Flughafen kontrollieren.

Jordanien hat ein existenzielles Interesse, keine direkte Grenze zum künftigen Staat Palästina zu haben. Deshalb erwarten die Jordanier von Israel, mit Truppen einen Keil im Jordantal zu bilden.

Neben diesen praktischen Überlegungen gibt es auch ideologische Differenzen. Sie zeigen, dass der Konflikt seit jeher ein religiöser ist.

Integraler Teil der palästinensischen Propaganda ist der Versuch, den Juden abzusprechen, ein „Volk“ zu sein. Solange sie nur eine „Religion“ seien, hätten sie keinen Anspruch auf Selbstbestimmung und kein Anrecht auf einen eigenen Staat. Das ist mit ein Grund für die Ablehnung der Palästinenser, Israel als „Staat des jüdischen Volkes“ anzuerkennen, wie es schon Ministerpräsident Ehud Olmert gefordert hatte.

Zu den klassischen Motiven antijüdischer, antizionistischer und antiisraelischer Propaganda der Araber wie der Palästinenser zählt die Verschwörungstheorie, wonach „die Juden“ den Tempelberg oder „Haram A-Scherif“ – wie die Araber ihn nennen – einnehmen und anstelle der El Aksa Moschee den salomonischen Tempel wiedererrichten wollten. Schon Hadsch Amin el Husseini, der Mufti von Jerusalem, provozierte 1929 Pogrome mit dieser Behauptung. Die haben hunderten Juden das Leben gekostet und führten zum Ende der 3.000 jährigen Präsenz von Juden in Hebron. Yassir Arafat tat es ihm nach, indem er die Zweite Intifada ab Herbst 2000 „El Aksa Intifada“ nannte. Genauso wird jetzt der Tempelberg ins Zentrum des Konflikts gerückt, ohne dass Israels Regierung auch nur die geringste Änderung am status quo zugelassen hätte. Altersbeschränkungen beim Freitagsgebet gibt es seit Jahren, wenn Informationen über geplante Unruhen vorlagen. Besuche von Nicht-Muslimen sind seit 1967 die Regel.

Versuche, den „Feind“ an seinen wunden Punkten zu treffen und dabei auch religiöse Gefühle zu treffen, hat es immer wieder gegeben, auf beiden Seiten. Im Zusammenhang mit dem Angriff auf die Synagoge in Har-Nof wird der Überfall von Baruch Goldstein 1996 in Hebron auf betende Muslime erwähnt. Doch genauso infam war der Selbstmordanschlag im Park Hotel in Netanjah auf Holocaustüberlebende am Pessach Abend 2002. Regelmässig kommt es zu palästinensischen Attacken auf das Josephsgrab in Nablus oder das Rachelsgrab bei Bethlehem, obgleich die Osloer Verträge dort Besuche von Juden garantieren.

Weitere eindeutig religiöse Elemente bei palästinensischen Attentätern sind der Schlachtruf „Allah Uakbar“ und die Bezeichnung „Schahid“ (Märtyrer) für alle von Israel getöteten Palästinenser, darunter die schlimmsten Massenmörder. Damit erhalten sie den Status von „Heiligen“, die sich auf dem Altar ihres Gottes geopfert haben.

Auf der Homepage der Hamas hat der palästinensische Autor Dr. Issam Shawer das Wesen des Konflikts in aller Kürze ausformuliert: „Wir sind überzeugt, dass unser Kampf gegen die Besatzer grundsätzlich religiös ist, weder geografisch, historisch noch ökonomisch.“

Mahmoud Al-Habbash, Berater des Präsidenten Mahmoud Abbas für religiöse und islamische Angelegenheiten, hat immer wieder den Kern des Konflikts dargestellt. Der Islam könne die Existenz Israels nicht akzeptieren, weil das ganz Palästina Bestandteil des „islamischen Wakf“ sei. Alles Land, das jemals vom Islam „befreit“ worden ist, „gehört uns und bleibt unseres“. Das gelte besonders für „Al Burak“, die von den Juden verehrte Klagemauer in Jerusalem. Frieden mit Israel sei verboten, die Ermordung von Israelis wird gefördert und das Ziel eines Friedensabkommens sei die schrittweise Zerstörung Israels gemäss dem Modell des Hudaybiyyah-Betrugs von Prophet Muhammad. Diese Vorstellungen sollten auch die Spanier und Serben hellhörig machen.

Auch bei den Juden gibt es religiöse Aspekte. So wird der ganze Staat Israel als das „Dritte Haus“ bezeichnet, also als der dritte Tempel Jerusalems. Die Eroberung von Ost-Jerusalem 1967 mitsamt Tempelberg und Klagemauer löste ein „messianisches Erwachen“ in rechten Kreisen aus. Doch der Zionismus, die nationale Ideologie des jüdischen Volkes, war weltlich orientiert. Den Vätern des Zionismus ging es allein darum, den Juden einen Staat zu geben, mit jüdischer Mehrheit. Deshalb wurde die Gründung eines jüdischen Staates in Uganda oder Argentinien diskutiert. Erst später besann man sich auf die „historische Heimat“ der Juden, das „Land Israel“. Auch das Festhalten an Jerusalem als „ewige vereinte Hauptstadt Israels“ hat religiöse Motive. Doch bei den überwiegend weltlich ausgerichteten israelischen Juden sind das eher kulturelle oder geschichtliche Emotionen, so wie die Deutschen nach 1990 erneut Berlin statt Bonn zur Hauptstadt gemacht haben.

Ausgerechnet die Mehrheit der orthodoxen Juden und ihre Parteien stehen dem Staat Israel skeptisch gegenüber. Die Neturei Karta Sekte bekämpft ihn sogar und will ihn abschaffen. Im Widerspruch zu den in Europa verbreiteten Klischees, sind die Orthodoxen entschiedene Gegner eines „Gross-Israel“ und der Siedlungspolitik. Im Gegensatz zum Islam, der die Botschaften des Propheten schon jetzt erfüllen will, wartet das Judentum auf die Ankunft des Messias, damit dann der Tempel vom Himmel herabfällt und die Juden von ihren Feinden erlösen möge. Und bis dahin gibt es im Judentum eingebaute „Gesetze“, die einen Neubau des Tempels verbieten.

Der Versuch der Palästinenser, den Tempelberg jetzt erneut in einen umstrittenen Stein des Anstosses zu verwandeln, wie schon mehrfach in der Geschichte, ist ein unglückseliger Versuch, dem Konflikt einen unnötigen religiösen Anstrich zu verpassen, um ihn „unlösbar“ zu machen.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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