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Die britische Ärztezeitschrift The Lancet veröffentlichte einen offenen Brief, in dem Israel der der Besatzung, der Massaker und der Verwendung von Giftgas im Gazastreifen bezichtigt wurde. Ein Mitunterzeichner ist Mads Gilbert. Unerwähnt blieb, dass Israel sich doch 2005 völlig aus dem Gebiet zurückgezogen hat, oder etwa dass die Hamas-Organisation in den Kellern des Schifa-Spitals in Gaza eines ihrer Hauptquartiere eingerichtet hat.

„Bei unserer Ärzteausbildung … ist uns beigebracht worden, dass akademische Forschung immer eine Darstellung der bekannten Fakten erfordert, als Grundlage für die nachfolgende Analyse. Mit dem Leitartikel hat The Lancet gegen jegliche Regel einer legitimen wissenschaftlichen Zeitschrift verstossen.“ Das schrieben David Chinitz und Richard B. Saltman, Professoren an der Hebräischen Universität in Jerusalem und der Emory University in Atlanta, Georgia in den USA.

Ein offener Brief  sogenannter deutscher „Nahostexperten“ an die Bundesregierung ist von ähnlich wissenschaftlichem Niveau.  Unter den 132 Erstunterzeichnern finden sich die Namen einschlägig bekannter Israelkritiker wie Udo Steinbach, Reiner Bernstein, Michael Lüders, Ludwig Watzal und Iris Hefetz, sowie Hamas-Apologeten wie Helga Baumgarten. Dieser Aufruf an die Bundesregierung in Berlin fordert die Aufhebung der seit 2007 bestehenden “völlig kontraproduktiven Blockade”.

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), Reinhold Robbe, veröffentlichte eine scharfe Kritik. Diese Petition stelle bereits durch die Titulierung der Absender –  „Nahostexperten“ – einen wissenschaftlichen Anspruch. „Die mit diesem Brief dokumentierten Widersprüchlichkeiten und die Ausblendung von belegten Tatsachen belegen jedoch genau das Gegenteil. Statt mit fundierten Fakten und unabhängigen Expertisen zu argumentieren, sei dieser Brief ein „Sammelsurium von einseitiger Parteinahme für die Hamas-Terroristen und unverantwortlichen Tatsachenverdrehungen.“

Was nützt ein „Wissenschaftler“ oder “Experte”,  wenn er unter Verdrehung von Tatsachen seine private Meinung vorträgt? Wer würde sich noch von einem Arzt behandeln lassen, der Krebs statt eines Schnupfens diagnostiziert, nur um sich an teuren Medikamenten zu bereichern? Gleiches gilt für Nahostexperten”, die mit unverantwortlichen Behauptungen über den “jüdischen Staat”  Pogrome und Anschläge Juden und Synagogen in Europa schüren. Persönliche Betroffenheit ersetzt und ist kein Faktenwissen.

“Rolf Verleger lebt als gläubiger Jude in Deutschland“, hiess es beim SWR (14.08.2014) zur Einführung eines Interviews mit dem notorischen Israelkritiker, der wegen seiner politischen Ansichten bei jüdischen Organisationen Deutschland alle seine Posten verloren hat und als exzentrischer Aussenseiter gilt. Der SWR würde wohl kaum einen „gläubigen in Deutschland lebenden Protestanten“ einladen, um die Politik der Briten in Nordirland zu kritisieren.

Selbst „Holocaustüberlebender“ zu sein, verleiht niemandem per se  politische Deutungshoheit, besondere Glaubwürdigkeit oder gar das Recht, die Abschaffung des Staates Israel und so den nächsten Völkermord an Juden zu betreiben. In einer Demokratie ist Meinungsfreiheit garantiert, aber die endet bei Hetze und Rassismus.

Das gilt auch für dpa, die Deutsche Presse Agentur. Die berichtet nicht über jede beliebige Petition. Doch jetzt veröffentlichte dpa einen Bericht unter dem Titel: „Massaker an Palästinensern – Holocaust-Überlebende geißeln Gaza-Krieg“. Die 327 Unterzeichner aus den USA und vor allem Europa bezeichnen sich selbst als Überlebende oder Nachkommen von Opfern des Nazi-Völkermords, die den Einsatz der israelischen Armee „unmissverständlich verurteilen“. Diese Autoren einer Anzeige in der New York Times, auf die dpa Bezug nimmt, gehören dem “International Jewish Anti-Zionist Network” an. Das ist eine “kleine radikale Randgruppe”, die den Zionismus, die jüdische Nationalbewegung, als Rassismus betrachtet, Israel für einen Apartheid-Staat hält und ein Ende der “israelischen Kolonialisierung des historischen Palästina” fordert, also eine Abschaffung Israels. Diesen Kontext verschweigt dpa, denn andernfalls hätte die pompöse Meinungsäusserung ausgerechnet von „Holocaustüberlebenden und deren Nachfahren“ ihre Wirkung verfehlt, wonach Israel angeblich „Massaker“ und Massenmorde verübe. „Völkermord beginnt mit dem Schweigen der Welt“ heisst es noch in dem fragwürdigen Pamphlet, als wären diese Holocaustüberlebenden die ersten, die das behaupten.

Hätten Neo-Nazis oder Anhänger der Hamas eine gleichlautende Petition veröffentlicht, wäre das für dpa kein Thema gewesen.

Sehr deutlich hat das ein Leserbriefschreiber bei „Israelnetz“ dargestellt, wo über diese Petition berichtet worden ist: „In deutschen Medien wurde unterschlagen, dass der Initiator der Aktion das „Internationale Jüdische Antizionistische Netzwerk“ IJAN ist, welches die Israelfeindschaft bereits in seinem Namen trägt. Dass man dem Ganzen dann den Namen „Aufruf der Holocaustüberlebenden“ gibt, obwohl das verbindende Merkmal dieser Gruppierung ihr Antizionismus ist, kann man nur als eine üble Täuschung der Öffentlichkeit bezeichnen, bei der Holocaustüberlebende missbraucht werden. Dass von über 300 Unterstützern nur 40 tatsächlich Holocaustüberlebende (wohl im Alter von 80 bis 90 Jahren) sind, die anderen als Nachkommen bezeichnet werden, sollte von deutschen Medien eigentlich bemerkt worden sein. Aber das Bedürfnis, „Vorzeigejuden“ zu finden, die man gegen Israel in Stellung bringen kann, ist bezeichnend. Den „Holocaustüberlebenden und ihren Nachkommen“ in den USA müsste man sagen, dass sie froh und dankbar sein sollten, wenn sie in den USA in Sicherheit leben können. Sie sollten sich vielleicht bei den „Holocaustüberlebenden und deren Nachkommen“ in Israel informieren, wie die Realität aussieht und wer die „Hamas“ ist, die sie mit ihrem Aufruf unterstützen.“

Bei den deutschsprachigen Medien hat sich bei der Auswahl von Interviewpartnern ein eigentümlicher Rassismus eingebürgert, vor allem bei jüdischen Themen oder bei Berichten zu Israel. Das ist als eine Form des Antisemitismus zu bezeichnen, auch wenn der nur implizit zum Ausdruck kommt. Natürlich ist es sinnvoll, die Expertise eines Wissenschaftlers zu erwähnen, wenn er sich zu seinem Fachgebiet äussert. Genauso richtig ist es, einen Rabbiner, Priester oder Imam mitsamt Titel  zu kennzeichnen, wenn sie sich zu ihren Religionsangelegenheiten äussern.

Bei den meisten Schweizer oder deutschen Politikern wird zu Recht deren Parteizugehörigkeit erwähnt, nicht aber deren religiöser Glaube oder Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Doch bei Juden fehlt diese Angabe fast nie, als gäbe es unter Juden in Europa oder auch in Israel keine Demokratie und höchst unterschiedliche politische Ansichten. Besonders zynisch ist diese Methode, wenn es darum geht, die „Politik Israels“ zu kritisieren. Denn jene, die kritisiert werden, sind genauso Juden wie die Kritiker selber. Und genau deshalb sollte man sich fragen, wieso der eine Jude glaubwürdiger oder überzeugender ist, als der andere.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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1 KOMMENTAR

  1. Herr Sahm – dies ist eine fantastische Formulierung einer weit verbreiteten Unart der Medien, die zu demaskieren äusserst schwierig ist. Es ist nicht nur ein Bedürfnis, anti-zionistische Vorzeigejuden zur "Erklärung der Situation" auszuwählen, sondern diese Haltung ist Bedingung, um überhaupt dazu ausgewählt zu werden. Das "Echo der Zeit" des Radio SRF ist da ein Meister, man höre z.B. die Sendungen vom 23.7.14 mit Tom Segev, oder jene vom 30.7.14 mit Gideon Levy.

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