Kriegsdarstellungen

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Screenshot NZZ
Screenshot NZZ

Israel führt Krieg gegen sogenannte „militante“ Palästinenser in dem „dichtest besiedelten grössten Freiluftgefängnis“ der Welt, wo die Menschen in „bitterer Armut“ leben (Hunderte Millionäre nicht mitgerechnet, die es auch im Gazastreifen gibt, die aber offenbar die Reporter nie zum Tee einladen). Mehrmals gab es weltweiten Protest auf höchster Ebene. Israelische Granaten hätten UNO-Einrichtungen getroffen und jeweils 10 Kinder getötet. Die Bestürzung war gross. US-Präsident Obama äusserte heftige Kritik an Israel. Die UNO berief eine Sondersitzung ein. Spanien und Grossbritannien stoppten Waffenlieferungen an Israel.

In anderen Kriegsgebieten geht es ungleich friedlicher zu.

Der Neue Zürcher Zeitung (Jürg Bischoff, 05.08.2014) kann man entnehmen, dass die Jihadisten des Islamischen Staats (IS) bei ihrer Offensive gegen kurdische Kämpfer einen sauberen Krieg führen. Da werden zwar Kämpfer aus “weiten Gebieten“ nordwestlich von Mosul vertrieben. Die Stadt Sinjar und der Tigris-Staudamm werden “übernommen” und Stellungen “nach kurzem Widerstand” geräumt. Doch Tote kommen in dem Bericht nicht vor. Deshalb  dürfte der “Ansturm der Islamisten” mit friedlichen, vielleicht gar mit pazifistischen Mitteln geschehen sein. “Auch sollen die IS-Kämpfer über hundert Frauen und Mädchen entführt haben”, berichtet Bischoff. Offenbar haben die Islamisten sie zu einem Ausflug „entführt“, denn das Ereignis ist kein Grund für Empörung wie in Nigeria, wo ebenfalls über Hundert Mädchen entführt worden sind.

Positives bietet die NZZ auch aus Zentralafrika: “Seleka-Rebellen willigen in Waffenstillstand ein“. Ausländische Interventionstruppen sollen „Massaker“ verhindern. Es besteht kein Grund zur Sorge, wenn Truppen bereit stehen, Massaker zu verhindern, zumal auch hier bisher kein Mensch umgekommen zu sein scheint. Anders beim Gazakrieg, wo die NZZ mit Chronistenpflicht akribisch jeden Tag die Toten zählt. Von einer angesehenen Zeitung wie der NZZ mit ausgewogener und präziser Berichterstattung kann man schliesslich erwarten, bei Kriegen stets das Leid der Menschen in den Vordergrund zu stellen. Wenn Tote und Verletzte nicht erwähnt werden, kann es sie auch nicht gegeben haben.

Sahm_Kriegsberichterstattung Tagi
screenshot Tagi

Spannend und fast amüsant liest sich im Tages-Anzeiger die Krise im irakischen Kurdengebiet (Sonja Zekri, 04.08.2014). Da „könnte eine riesige Flutwelle Städte, Dörfer und Felder hinwegspülen“. Genauso könnten Äcker ausgetrocknet und der Strom abgeschaltet werden. Offenbar geht es um landwirtschaftliche Bewässerung. Menschen scheinen von der erwähnten „riesigen Flutwelle“ nicht betroffen zu sein. Zumindest ist dies für die Zeitung keine Erwähnung wert.

Und wenn „Städte in die Hände der Gotteskrieger fallen“, dürfte das ein sehr ziviles Vorgehen zu sein, so wie wenn Fanmeilen bei der WM von Fussballfans überschwemmt werden.

Nicht ganz ins Bild dieser friedvollen Ereignisse passt der Satz: „Am Sonntagmorgen stürmten die Jihadi Sinjar, zerstörten einen schiitischen Schrein, töteten alle, die sich ihnen in den Weg stellten“. Doch da keine Zahlen folgen, kann nichts wirklich Dramatisches passiert sein.

Sahm_Kriegsberichterstattung FAZ
screenshot FAZ

Die FAZ hat einen dpa-Bericht (04.08.2014) zu „heftigen Kämpfen verfeindeter Milizen in Libyen“ übernommen. Deswegen wurden sogar Ausländer evakuiert. Wiederum wird kein einziger Toter oder Verletzter erwähnt. Die verfeindeten Milizen in Libyen haben sich wohl im sportlichen Boxkampf geübt.

Diese zufällig entdeckten Berichte legen eindeutig nahe, dass Kriege auch sauber und ohne menschliche Opfer ausgetragen werden können, vergleichbar mit einem sportlichen Wettbewerb, wo halt Städte und Gegenden die Hände wechseln, Menschen fliehen, aber ansonsten nicht zu Schaden kommen.

Niemand käme auf die Idee, Zeitungen wie NZZ, FAZ oder Tages-Anzeiger eine unausgewogene oder gar tendenziöse Berichterstattung vorzuwerfen. So kann man nur zum Schluss kommen, dass allein die Israelis aus dem Rahmen fallen. Bei ihrem Krieg in Gaza gehen sie unsportlich vor, im Gegensatz zu Islamisten im Irak, Milizen in Libyen oder Afrikanern, wo Soldaten nur dazu dienen, Massaker zu verhindern, nicht aber selber anrichten.

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Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Sahm Nahost-Korrespondent für deutsche Medien mit Sitz in Jerusalem. Er berichtet u.a. für n-tv, die Stuttgarter Zeitung, Hannoversche Allgemeine, NRZ, Berliner Morgenpost und die Katholische Nachrichten-Agentur KNA.

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  • Thomas

    “Seleka-Rebellen willigen in Waffenstillstand ein"…hat sich schon erledigt,nachdem die Regierung abgetreten ist um in Friedensprozess nicht zu stören haben die Seleka wieder angegriffen,soviel auch zu den Minderwertigkeistskomplexen der Armen Moslems,die machen dort ca. 10% aus…die kennen nur eins Sieg oder Tod!Frieden ist mit denen nicht zu machen.