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Mit der wissenschaftlichen Disziplin „Diskursanalyse“ lassen sich rhetorische Strategien in jeder beliebigen Rede ermitteln. Nadia Ellis, Doktorandin an der Tel Aviv Universität, hat für den Fernsehsender I24news die Rede von Martin Schulz, deutscher EU-Parlamentspräsident, geprüft und an Audiatur ihre Unterlagen dazu übergeben. Nicht die politischen Inhalte oder deren Wahrheitsgehalt hat sie dabei unter die Lupe genommen, sondern die innere Struktur und die Leitmotive der Rede: Verantwortung und Traum.

Anlass für die Untersuchung war die von Schulz ungeprüft übernommene Behauptung eines jungen Palästinensers, wonach Israelis 70 Liter Wasser und Palästinenser nur 17 Liter zur Verfügung hätten. Inzwischen wurde diese Behauptung als blanke Propagandalüge widerlegt. Eine Tatsache, die Schulz problemfrei im Vorfeld hätte abklären können. Doch Ellis kommt zum Schluss, dass diese Lüge ein integraler Bestandteil der gedanklichen Struktur dieser Rede und deshalb geplant und vorbereitet war. Ellis fragt: „Warum hat er sie (die Lüge)  dennoch an einem delikaten Ort wie der Knesset, und noch dazu als Deutscher ausgesprochen?“

In ihrer Analyse weist Ellis nach, wie Schulz in seiner Rede konsequent die Verantwortung Deutschlands für das Schicksal der Juden und des Holocaust gleichstellt mit der Verantwortung Israels für die Leiden der Palästinenser. Wegen der Judenverfolgungen in Europa sei bei den Juden der Traum nach einem eigenen Staat entstanden, sagt Schulz und behauptet entsprechend, dass die Palästinenser wegen ihres (vermeintlich allein von Israel verursachten) Leidens zum Traum eines eigenen Staates gelangt seien. Schulz meinte sogar, dass sich die Juden wegen ihres Leidens das Recht auf einen eigenen Staat  erworben hätten, und nicht etwa, weil sie wegen ihres Status als Volk ein Recht auf Selbstbestimmung hätten. Ellis zeigt weiter auf, wie Schulz subtil den Holocaust an den Juden mit israelischer Unterdrückung der Palästinenser auf eine Stufe erhebt.

Schulz erwähnte weiter die „Herausforderungen“ des „Arabischen Frühlings“, und den „positiven Einfluss“ Israels und der EU auf die „Entwicklungen in unserer Nachbarschaft“. Beiläufig kommt er auf die Aussöhnung Deutschlands mit dem „Erzfeind“ Frankreich, ohne zu erwähnen, dass dieser ein Weltkrieg, eine Zerstörung Deutschlands, die Kapitulation und erheblicher Verzicht auf deutsches Territorium, im Elsass und im Osten, vorausgegangen ist. In Nahost hat bekanntlich mehrfach Israel militärisch gesiegt, was kein Araber je anerkannt hat. Zudem wird Israel zu Territorialverzicht aufgefordert, nicht etwa die Kriegsverlierer.

Nachdem Schulz also erst von der deutschen und europäischen Verantwortung für den Frieden in Europa und das Schicksal der Juden während der Nazizeit geredet hat, überträgt er ebenso subtil auf Israel eine Verantwortung für die aktuellen Vorgänge in der arabischen Welt. Er sagte jedoch nicht, welchen positiven Einfluss Israel auf Selbstmordattentate im Irak, Stammeskämpfe in Jemen oder Libyen, in Syrien oder Libanon nehmen könnte. Ellis macht in ihrer Analyse deutlich, dass Schulz keine palästinensische Eigenverantwortung für die Missstände erwähnt, etwa bei der Wasserversorgung. Vielmehr bekräftigt er die These, es läge allein in der Verantwortung Israels, heute den Traum der Palästinenser zu erfüllen, indem er neben der Verweigerung des Grundrechts auf Wasser weitere „Ungerechtigkeiten“ Israels aufzählt, wie das vermeintliche Abschneiden Ost-Jerusalems vom Westjordanland oder die ebenso vermeintliche Blockade des Gazastreifens: Die „lässt auch keine wirtschaftliche Entwicklung zu und treibt Menschen in die Verzweiflung, die wiederum von Extremisten benutzt wird. Möglicherweise schafft die Blockade so nicht mehr, sondern weniger Sicherheit. Wie kann man die Spirale der Gewalt erzeugenden Gewalt brechen?“

Hier vertauscht Schulz Ursache und Wirkung. Die Blockade, wie auch die Errichtung der Mauer (Einschränkung der Bewegungsfreiheit), waren israelische Reaktionen auf Extremismus und Terror. Sie verursachten keinen Terror, sondern minderten die Zahl der Selbstmordattentate. Abgesehen davon wird der Gazastreifen heute allein über Israel versorgt. Ägypten hat als Antwort auf Terror seine Grenze “dicht” gemacht – eine Tatsache, die Schulz genau so wenig erwähnt, wie die Verantwortung der Palästinenser für die Folgen ihrer Taten.

Schulz sagte weiter: „Das Projekt der Zwei-Staaten-Lösung war von Anfang an darauf angelegt, dem palästinensischen Volk zu ermöglichen, ein Leben in Würde und Selbstbestimmung zu leben und Israel die Existenz in Frieden und Sicherheit zu garantieren.” Er sagt nicht, wer denn dieses „Projekt” angelegt habe und wann. Sollte er den UNO- Beschluss von 1947 zur Errichtung eines „jüdischen und arabischen Staates in Palästina” gemeint haben, wäre auch dies Aussage eine Geschichtsklitterung. Denn damals hatte noch niemand von einem separaten palästinensischen Volk mitsamt Selbstbestimmungsrecht gesprochen.

Es gibt noch viele andere Punkte, die in der Rede von Martin Schulz analysiert und kommentiert werden könnten. Schulz hat durch den von ihm provozierten Eklat die Israelis als „Hardliner“ blossgestellt, während er selber als „mutiger“ Deutscher dasteht, der ausspricht, was andere nur denken. Schulz hat gross auf Kosten der Juden und Israelis gepunktet, um nächster EU-Ratsvorsitzender zu werden. Die Frage von Ellis, warum Schulz ausgerechnet als Deutscher in der Knesset in dieser Weise gesprochen hat, beantwortet sich von selbst.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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13 KOMMENTARE

  1. Die ehemalige israelische Abgeordnete Einat Wilf hat in der SZ letztlich bestätigt, was Ellis durch ihre Strukturanalyse und ich selber erspürt habe: Schulz hatte den Eklat geplant und bewusst diese falschen Zahlen verwendet. Aus Wilf geht hervor, dass er derartige Gedanken schon 2011 geäußert habe. Übrigens hat sich Bennet mit Schulz inzwischen eine Stunde lang zu einem versöhnlichen Gespräch von einer Stunde dauer in "angenehmer Atmosphäre" getroffen. http://www.sueddeutsche.de/politik/umstrittene-re

  2. Ein sehr guter Kommentar von Stefan Frank zu Schulz:
    „Auf dem Rücken toter Juden. Schulz stürmt durch die Geschichte“.
    Welches sind die peinlichsten und/oder dreistesten Passagen in der Rede von EU-Aufseher Martin Schulz vor der Knesset? Jeder Satz kommt in Frage – außer einem, in dem er die Wahrheit sagt.
    So fängt Martin Schulz an:
    Ich stehe heute als deutscher Präsident eines multinationalen Europäischen Parlaments vor Ihnen.
    Hat das Europäische Parlament noch andere Präsidenten, jeweils einen für jede Nation? Von ihnen allen hat die Knesset ausgerechnet den »deutschen Präsidenten« eingeladen. Schulz hatte sagen wollen: »Ich bin Deutscher und stehe heute als Präsident des Europäischen Parlaments vor Ihnen.« Dass er den Knesset-Abgeordneten erklärt, dass im Europäischen Parlament nicht nur Deutsche sitzen, sondern mehrere Nationen, ist gut. Da haben sie schon was gelernt – und es wird nicht die letzte Lektion an diesem Tag sein.
    Es ist eine große Ehre für mich, in Jerusalem zu sein – als Gast der Knesset, dem Herzen der israelischen Demokratie, dem Symbol der Realität gewordenen Hoffnung des jüdischen Volkes auf ein Heimatland.
    Ein Heimatland. Schulz sagt absichtlich nicht: sein Heimatland. Wenn es nach ihm ginge, hätten die Juden auch nach Uganda gehen können, Hauptsache, irgendein Heimatland.
    Ich bin 1955 geboren, ein Deutscher, der die Gräueltaten des Nationalsozialismus nicht erleben musste.
    In ihrem Buch »Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert« weisen Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz darauf hin, dass Antisemiten gern das Jahr ihrer Geburt nennen: »Biographische Auskünfte wie die explizite Altersangabe des Textproduzenten (als ›Gnade der späten Geburt‹) dienen […] einer impliziten bzw. expliziten Antisemitismusabwehr.«
    Usw.
    Quelle: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/arti

  3. Hier noch der Kommentar von Hansjörg Müller:
    „Der Mann, der sich selbst nicht spürt“
    „Martin Schulz möchte Präsident der Europäischen Kommission werden. Aus Sicht eines Euroskeptikers ist der Deutsche der ideale Kandidat“.
    „Ich bin Euroskeptiker und als solcher ein grosser Fan von Martin Schulz, dem amtierenden Präsidenten des EU-Parlaments. Der deutsche Sozialdemokrat ist nämlich so etwas wie ein lebender Werbespot für die EU-skeptische Bewegung. Derartig tapsig bewegt er sich über die diversen Bühnen der Weltpolitik, dass man sich gelegentlich fragt: Hat dieser Mann denn gar keinen Ratgeber?
    Das jüngste Beispiel seiner Neigung, das falsche Wort am falschen Ort zu wählen, gab Schulz in Israel, wo er meinte, seinen Gastgebern ins Gewissen reden zu müssen. Doch, doch, man darf Israel durchaus kritisieren, auch als Deutscher. Dass die Siedlungs­politik, die der jüdische Staat im Westjordanland verfolgt, nicht unbedingt zu einer Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts beiträgt, wird kaum jemand abstreiten wollen“.
    Usw.
    (Quelle: http://bazonline.ch/ausland/europa/Der-Mann-der-s

  4. Jeder blamiert sich so gut er kann. Ich dachte immer, das sein dummer Spruch.
    Jetzt weiss ich dass er stimmt. Schade, dass Martin Schulz nicht sich allein lächerlich machte, sondern ganz Europa und besonders Deutschland hat er in ein uebles Licht gebracht. Oder sollte es gar der Durchschnitt sein, der so gestrickt ist? Das wäre tragisch für den Westen, denn nicht vom Westen wird einst Frieden ausgehen. Der kommt aus dem Nahen Osten, aus Israel, dem Land in welchem am intensivsten darum gerungen wurde. Israel, dein Gott segne dich!

  5. Ich weiß nicht, ob kein Hahn nach Schultz kräht. wdr5 (Radio), bekannt dafür, Israel immer möglichst unvorteilhaft darzustellen, hat seine Zahlen sofort aufgegriffen und einen langen Beitrag gebastelt, der auf diesen Zahlen basiert. Und das wird natürlich gern geglaubt. Ich wurde bereits daruf angesprochen: Wie käme denn Schultz zu solchen Zahlen, wenn sie nicht stimmen sollten?
    Man fragt sich allerdings, warum die Knesset einem EU-Fuzzi erlaubt, dort zu sprechen. Wissen sie dort nicht, was für ein inkompetenter Haufen das ist?

  6. vollkommend mit Nadia Ellis einverstanden.

    Israel ist der einzige Vertreter der Europeischen Kultur im Nahen Osten.
    Israel selbst ist Sohn des Deutschen Idealismus oder haben die Deutschen vergessen das Deutsch T.Herzls Muttersprache war?

  7. Nur zur Klarheit: das "like" gilt der Analyse von Nadja Ellis und nicht dem – in meinen Augen – perfiden Einwurf von H. Schulz. Ohne den wissenschaftlichen Hintergrund der Analystin kam/komme ich zu ebendem Resultat – leider.

  8. Gratulation an AUDIATUR!
    Nach langer Durststrecke endlich wieder einmal eine Antwort auf einen Artikel.
    Analysieren Sie, was die Durststrecke bedeutet?
    Gedenken Sie etwas zu ändern, dass Sie in Zukunft wieder eine Diskussion demonstrieren können?

    Grüsse aus Bern

    Werner T. Meyer

  9. Gibt es überhaupt in Europa einen Politiker, der eine Ahnung davon hat was im Nahen Osten vor sich geht? Ich habe da grosse Zweifel. Entweder wollen sie keine Ahnung haben oder sie können es nicht. (Oder vielleicht beides zugleich). Was gleichermassen schlimm wäre.
    lg
    caruso

  10. Ich bin gechockt über die Rede von Martin Schulz. Wie kann ein Politiker so undifferenziert, falsch- und fehlinformiert reden. Das ist eine Schande für die SPD. Wem gefällt das, wem will er damit gefallen?
    Ich erwarte in der SPD eine Diskussion datüber und hoffe, dass der Außenminister seinem Parteigenossen die Leviten liest und unmissverständlich sagt, was er er für eine gefährliche und gefährdende Rede gehalten hat.

  11. Schultz ist eine Lachnummer, ein typischer Vertreter der EU-Elite, die sich selbst am wichtigsten nimmt und keine Ahnung hat, was in Europa, geschweige denn was im Nahen Osten Welt abgeht. Er hatte seine 15 Minuten Ruhm in der Knesset. Im übrigen kräht kein Hahn nach ihm.

    • In der Knesset hatte er seine 15 Minuten der Unehre.

      Im übrigen kann ich Deine/Ihre Einschätzung nicht teilen. Es krähen viele Hähne nach ihm. Um so perfider ist seine Rede einzuschätzen – aber da sich die Sozialisten mit den PAs "verbrüdern" ohne darüber nachzudenken steht uns allen noch einiges bevor – insbesondere leider Israel und den Juden, aber auch allen, die sich an deren Seite stellen wollen und werden. Aber: ohne Schwierigkeiten kein Wachstum, gelle?

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