Selbst bei Reportagen, deren Schwerpunkt Journalisten frei wählen können, sollten wenigstens die Fakten nachgeprüft und korrekt sein. Monika Bolliger, NZZ-Korrespondentin, setzt in ihrem Beitrag „Archäologie im Dienst der Politik in Jerusalem“ (NZZ, 5. März 2013) haarsträubende Falschinformationen in die Welt.

Sie behauptet zum Beispiel, dass Archäologen, „die Existenz des biblischen Königs David bisher nicht nachweisen konnten.“ Archäologen haben zwar noch keine Visitenkarte von David gefunden, dafür aber einen zeitgenössischen Stein, der das „Haus David“ dokumentiert. Dass der älteste Teil Jerusalems in der heutigen „City of David“ zu orten ist, steht außer Frage. Viele biblische Geschichten, darunter die Eroberung der Jebusiterstadt durch David, konnte dank Ausgrabungen voll bestätigt werden. Das bezweifelt heute kein ernsthafter Archäologe mehr.

Doch Bolliger scheint nicht zugehört oder die Führung nicht vollständig mitgemacht zu haben, auf die sie sich bezieht. Denn schon unter der Empfangsebene in der „Stadt Davids“ stehen mächtige Mauern eines Palastes oder eines öffentlichen Gebäudes aus dem 9. vorchristlichen Jahrhundert. Ob das der „Palast des David“ war, wie die Ausgräberin Eilat Mazar behauptet, mag umstritten sein. Dass es sich hier und ein paar Stufen tiefer um Gebäude aus biblischer Zeit handelt, wurde durch Siegel von Königsberatern in althebräischer Schrift erwiesen, zumal sie in der Bibel namentlich erwähnt werden.

Die Originalinschrift des biblischen Königs Hiskias wird heute in Istanbul aufbewahrt.

Biblische Könige, darunter Salomos Sohn Rehabeam, Zidkijahu, Hiskias und andere haben durchaus archäologische Spuren hinterlassen. „Wenn Rehabeam archäologisch dokumentiert ist, haben wir keinen Grund, seinen in der  Bibel erwähnten Vater, König Salomon, als historische Figur in Frage zu stellen“, sagte der Archäologe Gabi Barkai. Einige dieser archäologischen Beweise können in der „City of David“ besichtigt werden. Hat Bolliger weggeschaut oder wollte sie wegen der von ihr dargestellten palästinensischen Propaganda den eigenen Augen nicht trauen? Sie behauptet nämlich, dass „die Kanaanäer in einem Nebensatz abgehandelt werden.“ Das kann nicht sein, es sei denn, sie hat die „City of David“ nicht wirklich besucht. 3.000 Jahre alte unterirdischen Gänge, Säle und Tunnels sind sogar als „kanaanäisch“ ausgeschildert.

Das von jemenitischen Juden gegründete Dorf Silwan. Foto: Sahm

Weiter schreibt sie: „Auch ist vielen nicht klar, dass die Anlage sich inmitten eines palästinensischen Dorfes in Ostjerusalem befindet.“ Das von ihr erwähnte Dorf Silwan liegt auf dem gegenüberliegenden Hügel. Es wurde im 19. Jahrhundert von jemenitischen Juden gegründet. Bei arabischen Pogromen wurden sie ab 1923 aus ihren Häusern vertrieben, die noch typisch jüdische Spuren tragen. Der Hügel, unter dem der älteste Teil Jerusalems gefunden wurde, war 1920 noch fast unbewohnt. Das Land wurde 1909 von Juden aufgekauft, während Palästinenser später ihre Häuser darauf ohne Baugenehmigungen gebaut haben.

Bolliger hat mit keinem Verantwortlichen in der City of David gesprochen. Schnell hätte sie feststellen können, dass Archäologen der Antikenbehörde dort graben. Beim letzten archäologischen Kongress auf dem Gelände wurden Funde aus der muslimischen Periode genauso ausführlich präsentiert wie ein christlich byzantinischer Palast und darunter entdeckte Funde aus der Zeit des Herodes und früherer biblischer Zeit. Dass der historische Park von einer privaten rechtsgerichteten Organisation verwaltet wird, darf kritisiert werden. Doch das hat mit den archäologischen Funden selbst nichts zu tun.

Der gewählte Titel ihrer Reportage „Archäologie im Dienst der Politik in Jerusalem“ ist eine Verdrehung der Tatsachen. Vielmehr sind es linke israelische Organisationen, Meretz-Abgeordnete im Stadtrat und Palästinenser, die aus politischen Motiven selbst wissenschaftliche Tatsachen abstreiten, weil diese nicht in ihr Konzept passen.

Die politischen Streitigkeiten zwischen Palästinensern und Israelis („Siedlern“) im benachbarten Silwan mögen eine Reportage wert sein. Doch die biblische, jüdische und letztlich auch christliche Vergangenheit in Jerusalem mit falschen Fakten wegzudiskutieren, entspricht übler propagandistischer Hetze, die der NZZ nicht würdig ist.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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5 KOMMENTARE

  1. hey, frau bolliger ist durchaus eine seriöse journlaistin. und die argumentationslinie von herrn sahm ist, na ja, schon eher schwach…

  2. Frau Bolliger geht es nicht um das Prinzip,wer zuerst da war sonder darum wer zuletzt da ist, selbst wenn diese Besiedlung ilegal war. Dieses aber nur solange dass, Palaestinenser die Bewohner sind, denn, wenn das Prinzip Alle betrieft, sind juedische Siedler, die sich in Niemanndsland ansiedeln, ebenfalls berechtigt dort zu leben. Das soll hier die Disskusionsgrundlage sein. Nicht die Archeologie

  3. Hallo Thea
    Meinen Sie mit autochthon den Sohn von Kleito und Poseidon? Dann müsste man a) es gross schreiben und b) ist mir nicht bekannt, dass Atlantis jemals in Jerusalem geortet wurde (Autochthon war ein König in Atlantis). Wenn Sie aber indigen meinen, so müsste man nebst den mythologischen Grundbucheintragungen des Alten Testaments auch diejenigen des Qur'an erwähnen. Plus dann noch diejenigen der Kreuzfahrer. Dann hat die Archäologie bereits drei Mägde. Keine einfache Angelegenheit, fürwahr.

  4. Tja, das kommt davon, wenn man in einer Gegend wohnt, in der die Legitimation von Landnahme und Vertreibung der autochthonen Bevölkerung mit "Grundbucheintragungen" begründet werden, die einer 3000 Jahre alten mythologischen Erzählung ("Altes Testament") entstammen. Da wird Archäologie leicht zur Magd für heutige Legitimationsbedürfnisse.

  5. …. die aber leider immer mehr zum Standard des journalistischen Niveaus der NZZ geworden ist. Alles wird mit Kusshand publiziert, was der Hetze gegen Israel und gegen Juden dienlich ist. Warum sollte man sich der oft mühevollen Recherchearbeit unterziehen? Es gilt g'seit isch g'seit, der Leser wird es nicht nachprüfen!

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