Ibrahim Habib. Foto Judy Lash Balint
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Nibras Taha, 36 Jahre alt, ist Direktor des brandneuen Arbeits- und Bildungszentrums in der nahezu ausschliesslich von Arabern bewohnten Stadt Tira im Zentrum Israels, wenige Kilometer nordöstlich von Kfar Saba. Mit einem B. A. in Sozialarbeit und einem M. A. in Organisationsberatung gehört Taha zur neuen Generation israelischer Araber, die in einer der dynamischsten Volkswirtschaften der Erde ihren Platz suchen.

Taha führt Besucher durch das neue Zentrum in Tira, das jüngste Ergebnis einer Reihe von Massnahmen seitens der israelischen Regierung, zusammen mit NGOs – darunter dem American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) [einer seit 1914 tätigen US-amerikanischen Hilfsorganisation] – die Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung unter den israelischen Arabern zu reduzieren.

Die Behörde für Wirtschaftsentwicklung im arabischen Sektor, die dem Ministerpräsidenten unmittelbar unterstellt ist, rief das Zentrum in einem unscheinbaren Gebäude und in einer Wohngegend der Stadt ins Leben.

Das Zentrum in Tira, so Taha und Ibrahim Habib, der Direktor für Regionalentwicklung innerhalb der Behörde für Wirtschaftsentwicklung, soll dafür sorgen, die wirtschaftlichen Potenziale der Araber, Drusen und Tscherkessen besser zu verwirklichen. „Obwohl die Araber rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, erwirtschaften sie nur acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, sagt Habib und fährt fort: „Die Regierung schätzt den Verlust aufgrund der Abwesenheit dieses Bevölkerungsanteils vom Arbeitsmarkt auf rund 31 Milliarden Scheckel“ (NIS) [ca. 7,6 Milliarden Schweizer Franken resp. mehr als 6,3 Milliarden Euro].

Das Durchschnittsalter der arabischen Bevölkerung in Israel liegt bei 20, das der Beduinen, deren Zahl sich alle 15 Jahre verdoppelt, bei 19 Jahren. Habib erklärt, warum beinahe 40 Prozent der 18–22-jährigen Araber im Land weder studieren noch arbeiten. „Schuld daran ist vor allem das Fehlen entsprechender Rahmenbedingungen“, sagt er und nennt damit ein Argument für den umstrittenen Vorschlag, arabische Israelis zu einer Art Zivildienst in ihren Gemeinden heranzuziehen – während gleichaltrige junge jüdische Israelis ihren Dienst in der Armee leisten.

Bei einem Besuch des Bürgermeisters von Tira, Mamoun Abd Alhai, im neuen Arbeits- und Bildungszentrum ist sich sicher: Wäre der Vorschlag einer Zivildienstes der Araber aus dem Wohlfahrts- oder Erziehungsministerium gekommen – anstatt vom Verteidigungsministerium –, wäre er weit positiver aufgenommen worden. So aber – und solange der israelisch-palästinensische Konflikt nicht gelöst sei – wollten die Araber den Dienst nicht leisten, denn: „Das sieht aus, als lägen wir mit unseren eigenen Leuten im Krieg.“

Im Jahre 2011 stellte die israelische Regierung der Behörde für Wirtschaftsentwicklung im arabischen Sektor rund 4 Millarden NIS [984 Millionen SF resp. 819 Millionen Euro] bis zum Jahre 2016 bereit. „Wir erkennen die Intentionen des Ministerpräsidenten und des Direktors seines Amtes, der die Bedeutung der Integration der Araber in die Wirtschaft des Landes hervorhebt, an“, hebt Habib hervor und erläutert anschließend die ehrgeizigen Pläne für die Bereiche Bildung, Beschäftigung und Gewerbe.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei in der Bereitstellung von Arbeitsmöglichkeiten für arabische Frauen, da in Israel, wie Taha betont, kaum eine Familie mit nur einem Arbeitseinkommen auskommt. Als Folge davon lösen sich traditionelle Widerstände gegen Beschäftigungsverhältnisse arabischer Frauen ausserhalb der Familie zunehmend auf.

Eines der Programme ermittelt 500 aussichtsreiche arabische Studentinnen und bietet ihnen die Beratung und Unterstützung für weitergehende Bildungswege an. Im Jahre 2001 waren nur fünf Prozent der arabischen Frauen Hochschulabsolventinnen; 2010 war ihr Anteil auf zwölf Prozent gestiegen. Damit noch mehr Frauen arbeiten und studieren können, sind in dem genannten Fünf-Jahresplan Mittel zur Bereitstellung von Kindertagesstätten im arabischen Sektor sowie Kostenzuschüsse enthalten.

Die Stadt Tira ist Teil des arabischen Dreiecks, einer Ballung arabischer Städte und Dörfer nahe der Grünen Linie; rund 22 000 Menschen leben hier, vorwiegend in Mehrgenerationen-Einfamilienhäusern. Israelische Fahnen sieht man nicht; einzig ein Protestzelt mit einer palästinensischen Fahne im Zentrum der Stadt drückt Solidarität mit den palästinensischen Gefangenen aus, die sich derzeit im Hungerstreik befinden.

Einige Kilometer weiter südlich, in Kafr Qasim, lobt der Bürgermeister des Dorfes, Nadir Sarsur, das Lev-Haaretz-Projekt [„Herz des Landes“] – ein Industriepark auf arabischem Land, der von der Yitzhaki Group [einer der grossen Privatfirmen in Israel] ins Leben gerufen wurde. Die zentrale Lage des Dorfes wurde genutzt, um hier Firmen wie FedEx, die Supermarktkette Rami Levi sowie Super Pharm anzusiedeln.

Mittlerweile ist Lev Haaretz – mit seiner Nähe zur wichtigsten Nord-Süd-Autobahn, der Route 6, zum Flughafen Ben Gurion sowie zum Afek-Industriepark und zahlreichen Beschäftigten aus den umliegenden jüdischen und arabischen Dörfern –ein Beispiel gelungener Kooperation. „Lev Haaretz stellt auch in Zukunft eine Einkommensquelle für die Gemeinde dar und bietet Jobs und Hilfe für Nachbargemeinden“, versichert Bürgermeister Sarsur und betont: „Wir möchten hervorheben, dass wir hier nicht über Koexistenz reden, sondern sie aktiv praktizieren.“

„Koexistenz braucht keine Politiker. Wir leben hier einfach zusammen“, sagt Josef Marco achselzuckend; der Unternehmensberater arbeitet ehrenamtlich in Kafr Qasim. Marco schätzt, dass hier 1 Milliarde NIS [246 Millionen SF resp. 204 Millionen Euro] erwirtschaftet werden können – sobald der Lev-Haaretz-Park vollständig ausgebaut ist.

Originalversion: New center focuses on Israeli-Arab employment and development by Judy Lash Balint ©JointMedia News Service, June 10, 2012

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