Was gesagt werden muss“, sind keine poetisch lebende Worte, sondern feste termini technici antisemitischer Hassrede. Günter Grass zelebriert sein drittes Outing, nun wieder frei und lustvoll Hassworte formulierend, was viele geniessen – insgeheim und offen. Und sein Hassthema wird sich im gesellschaftlichen Diskurs neu ereignen: Die Kritik an Grass wird nur einer kognitiven Minderheit zugänglich und plausibel sein. Warum?

Poetisches Schreiben und politisches Reden bedienen sich gerne sich verfestigender Metaphern und stets häufiger zitierbarer Textbausteine, die sich transformieren, bis deren semantische Bedeutung in der Gewöhnung, dem atmosphärisch bekannten Klang und klugen Schein in Oberflächenstrukturen Genuss verspricht und alle Tiefe und alles Erwachen vergessen lässt. Reden, um Sinn zu verdecken. Reden, um nicht denken zu müssen.

Die Frage heute ist nicht mehr, ob Antisemitismus „salonfähig“ sei, „salonfähig“ geworden sei oder doch nicht. Entscheidend ist, weshalb Antisemitismuskritik nicht mehr interessiert: Antisemitismuskritik ist nicht mehr salonfähig. Das ist die beunruhigende Wahrheit des Diskurses in unseren zeitgenössischen Salons.

Es gibt ein Wörterbuch fester termini technici, um Antisemitismuskritik zu beenden, abzuwehren und jeglichen antisemitismuskritischen Diskurs aktiv zu vermeiden, zum Beispiel die sogenannte „Antisemitismuskeule“, als ob die Kritik an der Hass-Rede Gewalt wäre. Schon 1947 machte Victor Klemperer darauf aufmerksam, wie stereotype Wiederholungen von Begriffen zum faschistischen Beeinflussen von Denken und Handeln gehören. Machtmissbrauch fusst auf Repetition von Sprachbegriffen, die plausibel gemacht werden und als plausibel fingiert werden. Es gibt auch ein Wörterbuch fester termini technici, die die Plausibilität antisemitischer Weltsicht anzeigen: „wir müssen den Mut haben, zu sagen …“, oder „was gesagt werden muss …“, und es folgen antisemitische Strukturen und antisemitisch gefüllte Begriffe und Stereotypen.

In der Forschung gibt es Neuinterpretationen, die antisemitische Rassenlehre-Begriffe oder Vorurteile zu Juden und Judentum im Spagat zwischen riskantem eigenem Wiederholen und versuchtem Brechen als Gegenstand des Nachdenkens studieren und repetieren.

Was ist das Problem: postfaschistisch Menschenfreundlichkeit neu setzen bedeutete, zwischen Menschen verschlingender Skylla faschistischer Macht und furchterregender Charybdis religiöser Regression ein Neues zu finden – neue Sprache, statt Wiederholen pervertierter Gewaltbegriffe, neues Reden statt Traditionen anheuern, deren Sinn wir kaum mehr verstehen und deren Transformationen ursächlich das Grauen der Schoa entwarfen, was sich deshalb wiederholen könnte, weil es sich faktisch ereignet hat.

Paul Celan schreibt: „Wirklichkeit ist nicht, Wirklichkeit soll gesucht und gewonnen sein.“ Er weiss um das Blut, das an Ewigkeitsmetaphern klebt und wie das verführerische Fingieren von erdachten Alternativen in Zeit und Raum ein Verkaufen und Aufgeben seiner selbst darstellt.

Antisemitismuskritik bedeutet auszuhalten, interpersonellem Unverständnis zu begegnen und ein Leben zu errudern, das kaum unserer Gegenwart entspräche, weil es ohne Transformation der Vergangenheit nicht möglich wäre und dennoch anders und neu gesetzt werden muss, was kaum erprobt wird und, wie die Gewaltkritik, gerne von zynischem Menschenhass und Machterfolg abgewürgt wird – und dennoch Leben bedeutete:

Huriges Sonst. Und die Ewigkeit
blutschwarz umbabelt.

Vermurt
von deinen lehmigen Locken
mein Glaube.

Zwei Finger, handfern,
errudern den moorigen
Schwur.                                             (Paul Celan)

Hass analysieren bedeutet: Gewalt behindern. Und Leben: vielleicht verweigernd auch manchmal dissoziieren (ein Wiederholen und Mitmachen lohnt sich definitiv nicht). Menschenfreundlichkeit hiesse vor allem: mitmenschliche Transformationen, machtkritische Alternativen und Authentizität suchen.

Nico Rubeli

Inhaber in-tego Nico Rubeli, www.in-tego.com

Projekt- und Studienleiter CJP, www.cjp.ch

Christlicher Projektleiter Zelt Abrahams, www.zelt-abrahams.ch

Geschäftsführer CJA beider Basel, www.cja-beiderbasel.ch

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  • Regina Ackermann

    Hervorragend, tiefgründig, wahr und anspruchsvoll.
    Sollte jeden zum Nachdenken anregen.
    Wie kann man das konkret, im Alltag umsetzen?
    Strukturelle Reformen in Schule, Politik und Wirtschaft sind nötig.