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Die Folgen einer Atommacht Iran und eines polynuklearen Nahen Ostens

Dr. Shmuel Bar

Iran's Natanz Nuclear Facility is located in this region among the famous Karkas mountain chain (Kuh-e Karkas) (meaning mountain of vultures). Foto: © istock/Ravi Tahilramani

Die internationalen Bemühungen, den Iran an der Erlangung nuklearer militärischer Fähigkeiten zu hindern, haben bisher versagt; das hat in akademischen und strategischen Kreisen Diskussionen ausgelöst – einerseits über die Möglichkeit, wie diese Bemühungen dennoch ein erfolgreiches Ende haben könnten, und andererseits über die Konsequenzen, die mit einer Atommacht Iran verbunden wären.

Die klassische Herangehensweise sowohl in Europa als auch in Washington ist die Überlegung, ob dem Iran ein Anreiz geboten werden könne, der einen grösseren Wert für ihn hätte als die Atomwaffenfähigkeit. Doch bei flüchtiger Betrachtung dessen, was sich der Iran  auch schon mit dem Image eines Schwellenlandes zutraut, sowie seiner Überzeugung, jedes Angebot des Westens für eine Finte zu halten, zeigt sich, dass der Westen dem Iran (ausser der totalen Hegemonie über den Golf und Teile Zentralasiens) nichts anbieten kann, was ihm mehr bedeuten würde.

Eine weitere populäre Hypothese zieht einen Vergleich zwischen dem heutigen Iran und der untergehenden Sowjetunion; sie wird von denen vertreten, die meinen, es sei die Entspannungspolitik damals gewesen, die die interne Opposition ermutigt hat, sich gegen das Sowjetregime zu stellen. Sie verfechten darum jetzt westliches „Engagement“ in der Zivilgesellschaft im Iran und glauben, dass es schliesslich zu einer vergleichbaren iranischen „Gegenrevolution“ führen könnte. Die Unterschiede jedoch, nicht zuletzt hinsichtlich der Ideologie, sind gewaltig.

Selbst wenn es im Iran Tendenzen für eine demokratische Gegenrevolution gibt, so spielt eine solche Transformation angesichts ihrer zeitlichen Dimension keine Rolle in der Atomkrise. Denn diese Veränderung wird nicht innerhalb der nächsten ein oder zwei Jahre stattfinden – und das ist der Zeitraum, den der Iran nach Meinung der meisten Experten benötigt, um die Atomwaffenfähigkeit zu erreichen. Und mit Rücksicht auf die Öffentlichkeit werden selbst diejenigen, die nach demokratischer Veränderung streben, dem Regime für seine Errungenschaft gratulieren. Der Erwerb einer Atombombe wird nur den Weg zur Demokratie in Iran verlängern.

Darum sollten wir die regionalen Konsequenzen einer möglichen Atommacht Iran im Besonderen erkunden; und im Allgemeinen untersuchen, was eine weitere Nuklearisierung im Nahen Osten und der Zusammenbruch des Nichtverbreitungssystems bedeutet. Die Aussicht auf einen „polynuklearen“ Nahen Osten, dass also mehrere Staaten im Besitz einer Atomwaffe wären, hat zu einer Reihe von Theorien geführt, die Lehren aus dem Kalten Krieg für diese Situation zu ziehen versuchen. Auf der Grundlage dieser Erfahrung argumentieren einige Experten, dass eine Atommacht Iran nicht notwendigerweise zu einem destabilisierenden Faktor werden müsse und im Gegenteil ein „Gleichgewicht des Schreckens“ (Mutual Assured Destruction, MAD) wie im Kalten Krieg eine regionale Ordnung bilden könne. Nach dieser Überlegung führt die zerstörerische Macht von Atomwaffen bei ihren Besitzern zu einem gewissen Grad an strategischer Verantwortung. Die Experten weisen auf die Tatsache hin, dass bisher keine der beiden Atommächte China und Indien ihre nuklearen Waffen eingesetzt haben, trotz gegenseitiger Feindschaft und häufigen Krisen.

Andere machen aufmerksam auf die erheblichen Unterschiede zwischen dem Kalten Krieg und einem mit Atomwaffen ausgestatteten Nahen Osten, der entstehen könnte. Danach fehlen im Nahen Osten die stabilisierenden Eigenschaften der strategischen Balance des Kalten Krieges, die einen Atomkrieg verhinderten:

1. Das „Gleichgewicht des Schreckens“ beruhte nicht auf kleinen nuklearen Arsenalen in  Händen mehrerer Länder, sondern auf grossen Beständen von Atomwaffen in zwei Staaten bzw. Bündnissen, die wirklich gegenseitige Zerstörung ermöglicht hätten. Und die ersten Jahre des Kalten Krieges, bevor die Waffenkapazitäten zur gegenseitigen Zerstörung reichten, waren die gefährlichsten; in dieser Zeit war das Risiko eines Atomkrieges am grössten.

2. Der Kalte Krieg war im Wesentlichen ein bilateraler Kampf; das machte es einfacher, die gegenseitigen Absichten zu signalisieren. Eine Atommacht Iran würde zu einem polynuklearen Nahen Osten führen, und das Risiko, nukleare Fehler zu machen, würde sich stark erhöhen, da nukleares Wettrüsten einer Seite nicht nur von der Seite interpretiert wird, an die es sich richtet, sondern auch von allen anderen Beteiligten. Auch haben die Regimes im Nahen Osten eine viel grössere Bereitschaft an den Tag gelegt, sich mit ihrer Politik am Rande des Abgrunds zu bewegen, als die USA und die UdSSR jemals.

3. Die beiden Seiten des Kalten Krieges mussten sich nicht mit apokalyptischen oder selbstmörderischen Traditionen auseinandersetzen, wie sie im Nahen Osten zum Ausdruck kommen. Viele Wissenschaftler des Nahen Ostens sind sich einig, dass das Gehabe einer politischen Führung, die inbrünstig daran glaubt, dass eine apokalyptische Katastrophe unmittelbar bevorsteht und dass sie mit göttlichem Schutz vor allen verheerenden Vergeltungsmassnahmen des Feindes ausgestattet ist, das Potenzial für eine gefährliche Eskalation enthält.

4. Die Regimes im Nahen Osten sind notorisch schwach und zersplittert aufgrund innenpolitisch motivierter strategischer Entscheidungen. Diese Tendenz, übersetzt auf die zahlreichen in Atomprogramme verwickelten Parteien, würden Kommando und Kontrolle in  Situationen höchster Alarmbereitschaft, zu denen atomare Konflikte führen können, komplexer machen als jemals während des Kalten Krieges.

5. Der Kalte Krieg enthielt in seinem Kern keine uralte Feindschaft wie es der sunnitisch-schiitische und der arabisch-iranische Konflikt jeweils ist. Eine iranische Bombe würde in der sunnitisch-arabischen Welt als anti-arabisches und schiitisches, und das heisst anti-sunnitisches Signal wahrgenommen.

Deshalb würde ein nuklearer Naher Osten sicherlich nicht wie eine Wiederholung des Kalten Krieges aussehen. Eine Atommacht Iran wird darangehen, ihre Dominanz in den Gewässern zu sichern, von denen sie gerne daran erinnert, sie seien ja alle der „Persische Golf“, und die Vormacht über den Golf zu erlangen; dazu wird gehören, das Niveau der Ölförderung diktieren zu wollen. Ökonomisch liegt der Iran in Trümmern; das Sinken der Ölpreise hat die Situation verschärft, und der Iran wird vermutlich versuchen, seine Nachbarn einzuschüchtern, damit sie die Preise erhöhen. Im Herzen des Nahen Ostens wird der Iran sich durch Terror behaupten, der ungestraft bleibt.

Diese Überlegungen und das geschilderte Risiko einer atomaren Konfrontation in der Region sollten die westliche Welt zu dem Schluss bringen, dass Prävention unter allen Umständen die beste Option bleibt.

Zusammenfassung der Originalversion: A Nuclear Iran and the Ramifications of a Poly-Nuclear Middle East by Dr. Shmuel Bar, Working Paper – The 12th Herzliya Conference, January 2012

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