Türkische Frauen: Opfer „erlaubter“ Vergewaltigungen

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Anfang des Jahres berichtete eine türkische Zeitung, dass der 25-jähriger E.D. aus Bolu, einer Stadt im Nordwesten der Türkei, seine elf Jahre alte „Ehefrau” Z.Ç. wegen heftiger Schmerzen ins Krankenhaus brachte. Der Arzt stellte bei dem Mädchen eine Schwangerschaft im achten Monat fest. Es ist offensichtlich fragwürdig, ob das Mädchen dem Geschlechtsverkehr zugestimmt hat; eher ist eine Vergewaltigung anzunehmen. Die Verheiratung mit einem 11-jährigen Mädchen ist in der Türkei illegal, doch solche von Imamen geschlossene Ehen sind eine stete Praxis in der ländlichen Türkei.

Die 1926 neu gegründete türkische Republik hat sich einen Gesetzeskodex gegeben, der auf dem schweizerischen basiert. Die Zivilehe wurde eingeführt, von Imamen geschlossenen Ehen erhielten einen niedrigeren Status. Das türkische Strafgesetzbuch verbietet eine religiöse Eheschliessung, es sei denn, eine zivile staatlich anerkannte Eheschliessung liegt bereits vor. Doch auch ohne zivilrechtliche Eintragungen finden in der Türkei häufig „Imam-Ehen“ statt. Zivilgesetze, die solch Missbrauch verbieten, scheinen nicht durchsetzungsfähig zu sein.

„Traditionen“ wie die Verheiratung kaum pubertierender Mädchen gibt es nicht nur in der Türkei, sondern auch unter muslimischen Immigranten in Deutschland. Dabei sind die Mädchen brutalen Vergewaltigungen ausgesetzt. 2010 löste das Urteil eines Gerichts im niedersächsischen Osnabrück einen Skandal aus, in dem ein Muslim eine Bewährungsstrafe erhielt, der ein 11-jähriges Mädchen entführt und vergewaltigt hatte. Das Gericht begründete sein mildes Urteil damit, dass solche Ehen angeblich zur islamischen Tradition gehören.

Ein ähnlicher Fall wurde 2002 aus der Türkei bekannt, als ein 13-jähriges Mädchen mit einem Baby auf dem Arm zur Schule kam. Sie gehört einem früher nomadischen Stamm an, in dem die Mädchen gewohnheitsmässig vor ihrem 14. Geburtstag verheiratet wurden. Dreissig Männer wurden vor das Strafgericht geladen, doch man hielt das Dorf für einen Einzelfall.

Im gleichen Jahr hat die islamistische Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung AKP ihre erste Nationalwahl gewonnen und Recep Tayyip Erdoğan seine erste Amtsperiode als Ministerpräsident angetreten. Türkische Feministinnen sind beunruhigt darüber, dass in drei AKP-Regierungsperioden lang umstrittene patriarchale Gewohnheiten wieder zu festen Bräuchen geworden sind. Mehr Frauen bleiben zuhause, persönliche Erfüllung in Ausbildung und Beruf werden beschränkt. Und die Zahl junger Mädchen zwischen elf und 17 Jahren, die Mütter werden, nimmt zu.

In den ländlichen Gegenden im Osten des Landes kämpfen Frauen ums Überleben und sind mit Problemen konfrontiert, die in den grossen Städten wie Istanbul keine Rolle spielen. Die türkische Gruppe Frauen für Frauenrechte geht davon aus, dass 40 Prozent der Frauen in der Ost-Türkei Zwangsehen eingehen. Öffentliche Kampagnen und Initiativen versuchen ein allgemeines Bewusstsein für diese Ungerechtigkeit zu schaffen; der Erfolg, sie zu beenden, steht noch aus.

Häusliche Gewalt nimmt in der Türkei zu; an jedem zweiten Tag wird eine Frau von einem Familienmitglied ermordet. Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International verurteilen Gewalt gegen Frauen, die soziale Toleranz diesen Verbrechen gegenüber und das Versagen, die männlichen Täter effektiv zu bestrafen. Wenn Frauen sich an die Polizei wenden, erhalten sie in den seltensten Fällen den notwendigen Schutz. Ende 2010 wurde eine Frau von ihrem Ex-Mann in Anwesenheit eines Polizisten ermordet.

Sahibe Kara ist die Leiterin eines Frauenhauses in Istanbul. Sie gibt an, dass häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch die zentralen Gründe sind, aus denen Frauen Hilfe suchen. Eine Studie des Ministeriums für Familien und Sozialpolitik hat bestätigt, dass 41 Prozent der Frauen in der Türkei häusliche Gewalt erleben. Und die Anzahl der Familienmorde, die erfasst sind, ist alarmierend angestiegen –  von 66 im Jahr 2002 auf 933 im Jahr 2009.

Unterdessen nimmt die Erwerbstätigkeit von Frauen ab. Nur etwa 27 Prozent der türkischen Frauen haben eine Arbeitsstelle. Kürzlich erläuterte der Wirtschaftswissenschaftler Nur Ger,  eine Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen um nur fünf Prozent würde 15 Prozent der armen Familien über die Armutsgrenze helfen. Doch die AKP-Regierung zeigt wenig Interesse, den Frauenanteil in Berufswelt zu erhöhen.

Stattdessen haben islamistische Politiker und andere Personen eine Debatte zugunsten der Polygamie losgetreten, während sie gleichzeitig das Problem religiöser Eheschliessungen minderjähriger Mädchen herunterspielen. Auch wenn das Problem patriarchaler Tyrannei offenbar ein ländliches ist, scheint die türkische Gesellschaft bereit, erneut polygame Beziehungen zu dulden; eine solche Entwicklung wäre vor zehn Jahren schwer vorstellbar gewesen.

Den Frauen in ihrer Obhut zeigt Sahibe Kara die Fernsehserie “Güldünya”; sie handelt von einer Frau im Südwesten der Türkei, die von ihren zwei Brüdern getötet wird, nachdem sie ein nicht-eheliches Kind zur Welt gebracht hat – ein sogenannter Ehrenmord. Der BBC zufolge überlebte sie zunächst, nachdem sie einmal angeschossen wurde. Dann aber wurde sie im Krankenhaus von einem Verwandten getötet, dem man Zutritt zu ihr gewährt hatte. Aufgrund dieser TV-Serie wurde eine Notruf-Hotline für Frauen bei der Polizei eingerichtet; Nachbarn und Verwandte rufen in der Serie die Polizei, um bedrohten Frauen zu helfen. Zwar hat diese Serie einen wichtigen informativen und erzieherischen Einfluss; doch Kara ist besorgt, dass die meisten Frauen nicht wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie angegriffen werden.

Nach zehn Folgen wurde „Güldünya“ 2009 wegen zu niedriger Einschaltquoten abgesetzt. Die Mehrheit in der Türkei scheint die Partei der männlichen Täter zu ergreifen, nicht die der weiblichen Opfer.

 

Originalversion: Turkish Women Victims of „Permitted“ Rape by Veli Sirin © Stonegate Institute, January 25, 2012.