Karte der arabischen Welt Foto: WeedWagon/wikimedia.org

Der vom Westen so genannte Arabische Frühling ist in Wirklichkeit ein gesellschaftspolitischer Ausbruch; seine Ursache ist das völlige Versagen aller arabischen Staaten, ein einendes nationales Selbstbewusstsein zu schaffen. Anstatt eine egalitäre Gesellschaft aufzubauen, die ihre Ressourcen mobilisiert, um Rückständigkeit zu überwinden und die Wirtschaftskraft zu verbessern, haben die Eliten versucht, eine Einigkeit zu verordnen, die Teile der Bevölkerung immer ausserhalb der Mehrheitsgesellschaft gelassen hat.

Die überwiegende Mehrheit der arabischen Welt sind sunnitisch-muslimische Araber; ihre Minderheiten aber umfassen Dutzende ethnischer, nationaler, religiöser Gruppen und Stämme mit unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten. So regiert in Syrien beispielsweise die alawitische Minderheit, obwohl die Mehrheit sunnitisch ist. In Bahrain, das eine schiitische Mehrheit hat, liegt die Herrschaft in den Händen der Sunniten. Im Irak hielt bis zum Sturz Saddam Husseins die sunnitische Minderheit die Macht in Händen. In Nord-Afrika haben die Berber, die mindestens ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, keinen Anteil an der Regierung. Andere wichtige Minderheiten sind die Kurden (muslimisch, aber nicht arabisch), die Christen (arabisch, aber nicht muslimisch), die schiitischen Muslime, die Drusen (die sich selbst als arabisch begreifen) und die Juden (weder arabisch noch muslimisch). Konflikte zwischen der Mehrheit und den Minderheiten, ob aus nationalen, ethnischen oder religiösen Gründen, sind ein Merkmal aller arabischen Staaten.

Bemühungen arabischer Staaten um nationale Einheit: fehlgeschlagen

Mit der Auflösung des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg und der Schaffung neuer arabischer Nationalstaaten gab es für die Staatenbildung und die Identität der Staatsbürger zwei Visionen, die miteinander konkurrierten: die islamische und die säkular-nationale Vision. Beide waren für die Bildung einer nationalen Einheit und die Entstehung eines egalitären demokratischen Staates alles andere als förderlich.

Der islamischen Vision zufolge ist der Staat auf der Religion gegründet, was bedeutet, dass Nichtmuslime wieder zu Bürgern zweiter Klasse mit dem Status eines Dhimmi werden, wie sie es unter der Herrschaft der Osmanen waren. Nach der säkular-arabischen nationalen Vision gründet der Staat auf der arabischen Nationalität; damit gehören die arabischen Christen zur Mehrheitsgesellschaft, die Kurden und Berber jedoch sind ausgeschlossen, obwohl beide Gruppen muslimisch sind.

Zunächst bemühten sich die neuen arabischen Staaten, das Problem der Identität durch Verfassungen zu lösen, die relativ liberal waren und – zumindest auf dem Papier – den Bürgern unabhängig von ihrer Religion Gleichheit gewährten. Diese Verfassungen jedoch betonten auch die Zugehörigkeit jeden Staates zur einen arabischen Welt, an deren Einheit er arbeite, und nannten die Scharia als Quelle der Gesetzgebung, was die Minderheiten in eine schlechte Lage versetzte.

Dieser relativ liberale Geist änderte sich allmählich in den 1950er- und 1960er-Jahren, als es mit beiden Visionen nicht gelang, die nationalen und internationalen Probleme der arabischen Staaten zu lösen. Die Wirtschaftssysteme entwickelten sich nicht; die Korruption wucherte. Hinzu kamen das eklatante Scheitern der wichtigsten arabischen Staaten, die Staatsgründung Israels zu verhindern, und ihre demütigende militärische Niederlage. In dieser Zeit sammelte sich religiöser und nationalistischer Zündstoff im gesamten Nahen Osten. In Ägypten, Syrien, dem Irak, Libyen und dem Sudan putschte das Militär. Doch statt ihre Versprechen zu erfüllen und Modernisierung, wirtschaftliche und soziale Reformen und allgemeine Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen, degenerierten die neuen Militärregimes zu grausamen Diktaturen, deren Kennzeichen Unterdrückung im Inneren und Konflikte mit den Nachbarn, in einigen Fällen mit anderen arabischen Staaten, waren.

Obwohl sie sich zum Säkularismus bekannten, sprachen sich die Militärregimes nicht gegen den Islam aus; im Gegenteil, sie förderten die islamische Erziehung. Und da ein Grossteil der Bevölkerung angesichts des scheiternden wirtschaftlichen Erfolgs und fortbestehender Armut religiös orientiert war, wuchs der Einfluss des Islam. Als Millionen von Arbeitern aus arabischen Staaten, die in der Golfregion eine Beschäftigung gefunden hatten, in den 1980er-Jahren in ihre Herkunftsländer zurückkehrten, brachten sie den radikalen wahhabitischen Islam mit sich.

Die Herrschenden ihrerseits versuchten, die sich verschärfenden Probleme unter den Teppich zu kehren, indem sie nationale Einheit verkündeten, während sie sowohl gegen ihre eigenen Völker als auch gegen ihre Nachbarn kämpften. Gleichzeitig verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation in allen arabischen Staaten weiter.

Der Arabische Frühling

Inmitten dieser sozioökonomischen Notlage begann in den arabischen Staaten ein als „Frühling der Völker“ bekannter Prozess, der auch dazu dient, die Akte über die Minderheiten wieder zu öffnen. Die grosse Frage lautet: Wie sieht die Lösung für diese unterschiedlichen Gruppen aus? Integration, Autonomie, Föderalismus, Unabhängigkeit?

Die jüngere Generation, die auf die Strasse gegangen ist, will die Militärdiktaturen wirklich loswerden und die Lebensbedingungen verbessern; doch sie ist mit den Losungen des Islam und des arabischen Nationalismus aufgewachsen. Dass sie die Werte der Demokratie – religiöse Toleranz, die Achtung der Menschenrechte, Gleichberechtigung für Frauen und Rechtsstaatlichkeit – versteht, ist zweifelhaft. Allgemeine Parlamentswahlen durchzuführen, ist keine Garantie für Demokratie. Der Islam und die arabischen Traditionen werden nicht über Nacht verschwinden. Der Weg zur Demokratie wird lang und holprig sein.

Der arabischen Welt fehlt es an liberalen Parteien, die diese Umbrüche in demokratische Strukturen umformen könnten. Die wichtigsten politischen Elemente sind die Muslimbruderschaft und die Salafisten. In Ägypten, Tunesien und Marokko stimmte die Mehrheit für diese Parteien, und wahrscheinlich wird dies auch in Syrien, Jemen und Algerien der Fall sein, wenn dort freie Wahlen abgehalten werden. Auf die Bitte, ihr Votum zu erklären, sagten einige Ägypter, sie glaubten, dass nur durch den Islam Demokratie geschaffen und die Wirtschaft verbessert werden könne. Vermutlich werden sie bald tief enttäuscht sein, und möglicherweise werden sie wieder auf die Strasse gehen, um die islamischen Diktaturen zu stürzen, die voraussichtlich jetzt entstehen werden.

Im Moment denkt niemand über die Minderheiten und die nationale Einheit nach; alle sind damit beschäftigt, ein altes Regime zu stürzen und ein neues zu errichten. Es ist keine Rede von Versöhnung zwischen Sunniten und Schiiten, es gibt keine Idee über die Unabhängigkeit der Kurden – eher im Gegenteil; die Situation der Minderheiten hat sich bisher nur verschlechtert.

Zweifellos erleben wir den Beginn einer gesellschaftspolitischen Revolution in der arabischen Welt. Die erste Welle der Revolution jedoch hat der islamischen Herrschaft eine Tür geöffnet, und es scheint, dass wir auf die zweite Welle warten müssen. Wird es den neuen Regimes möglich sein, allein für das Wohl der sunnitisch-muslimischen arabischen Mehrheit zu agieren, während sie den Minderheiten weiterhin die Rechte absprechen? Wahrscheinlich werden die zahlreichen Minderheiten in naher Zukunft ihre Forderungen zum Ausdruck bringen; und wahrscheinlich wird die Muslimbruderschaft Schwierigkeiten haben, sie zu akzeptieren.

Zvi Mazel, Mitglied des Jerusalem Center for Public Affairs, ist früherer israelischer Botschafter in Ägypten sowie in Schweden und Rumänien.

Der hier veröffentlichte Beitrag (Teil 1 – Analyse)  ist ein Auszug der Originalversion: Majority and Minorities in the Arab World: The Lack of a Unifying Narrative By Zvi Mazel © Jerusalem Center for Public Affairs, Jerusalem View Points No. 586, November – December 2011, published January 2012.

Hier Teil 2 (ethnischen Gruppen und Minderheiten)

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