Sayidat al-Nejat Kathedrale, Bagdad

Kürzlich erzählte mir meine Tante aus Bagdad, dass es unter den Irakern den weitverbreiteten Glauben gebe, eine fremde Macht stehe hinter den Protesten und Aufständen im Nahen Osten. Welche Verschwörung, fragte ich mich, könnte denn nur für den Arabischen Frühling verantwortlich sein? Kein Grund zur Sorge; George Saliba – der Bischof der syrisch-orthodoxen Kirche im Libanon – bietet uns eine simple Antwort. In einem Interview mit Al-Dunya TV am 24. Juli erklärte Saliba, dass „der Quell… hinter all diesen Bewegungen, all diesen Bürgerkriegen, und all diesen Übeln“ in der arabischen Welt nichts anderes sei, als der Zionismus, „tief verwurzelt im Judentum.“ Er sagte, dass ja schon in den Protokollen der Weisen von Zion stehe, dass die Juden für die Finanzierung und Anstachlung von Unruhen verantwortlich seien.

Diese Aussagen sind kein Einzelfall unter Christen im Nahen Osten. Nach dem Anschlag auf die syrisch-katholische Sayidat-al-Nejat Kathedrale in Bagdad im Oktober 2010 wurde diese antisemitische Tendenz besonders offenkundig. Es war der schwerste Angriff auf die christliche Gemeinde im Irak seit 2003, bei dem 58 Personen starben und 67 weitere verletzt wurden.

Der melkitisch-griechische Patriarch Gregor III. Laham beschrieb die Terroranschläge auf irakische Christen als Teil der „zionistischen Verschwörung gegen den Islam.“

Darüber hinaus versicherte er, dass „dieses ganze Verhalten nichts mit dem Islam zu tun hat … es ist in Wirklichkeit eine Verschwörung des Zionismus… mit dem Ziel, den Islam zu untergraben und ein schlechtes Bild von ihm zu zeichnen.“

Weiter sagte er, das Massaker „ist auch eine Verschwörung gegen die Araber und die vorwiegend muslimisch-arabische Welt, die darauf abzielt, Araber und Muslime in arabischen Ländern als terroristische und fundamentalistische Mörder darzustellen, um ihnen ihre Rechte zu verweigern, insbesondere jene der Palästinenser.“

In ähnlicher Weise behauptete der irakische Priester Pater Suheil Quasha in einem Interview mit NBN TV am 9. November 2010, die Juden betrachteten alle Nichtjuden als Tiere, und beteuerte, dass die „reale Gefahr“ für die Christen im Nahen Osten vom Zionismus ausgehe. Ferner sagte er, die Angreifer auf die Kathedrale in Bagdad seien mit Sicherheit keine Muslime gewesen, aber vermutlich trainiert und beaufsichtigt vom „globalen Zionismus“.

Der Antisemitismus erstreckt sich bis zur koptisch-orthodoxen Kirche, die mit ungefähr zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung die grösste Kirchengemeinde im Nahen Osten und Nordafrikas ist. Der liberale Blogger Samuel Tadros aus Ägypten verweist auf Pater Marcos Aziz Khalil, der in der Zeitung Nahdet Masr schrieb: „Die Juden erkannten, dass die Kirche ihr Hauptfeind ist und dass sie ohne das Priestertum ihren wichtigen Bestandteil verliert. Folglich war wie Freimaurer-Bewegung die geheime zionistische Hand, um eine Revolution gegen den Klerus auszulösen.“

An dieser Stelle neigen zweifelsohne viele dazu, diesen Antisemitismus durch eine antijüdische Gesinnung unter der muslimischen Bevölkerung in der Region zu erklären. Daher würden Christen, die in dieser Umwelt lebten, aus Angst vor Verfolgung aufpassen, die tief verwurzelten Überzeugungen ihrer muslimischen Nachbarn nicht zu verurteilen.

Allerdings liegen die Gründe für Judenfeindlichkeit unter Christen im Nahen Osten viel tiefer.

Es ist in der Tat vielsagend, dass andere diskriminierte nichtmuslimische Minderheiten, wie zum Beispiel die Jesiden, Mandäer und Bahai, niemals Juden oder den Zionismus für ihre Verfolgung verantwortlich gemacht haben; antisemitische Doktrinen sind in ihren Religionen nicht zu finden.

Die Bahai-Gemeinde ist besonders wichtig, weil sie mühelos einer Kollaboration mit Israel bezichtigt werden könnte, da ihr religiöses Weltzentrums in Haifa liegt. Das Haus der Gerechtigkeit, eine der wichtigsten Bahai-Institutionen, hat sich bisher nie über eine jüdische/zionistische Verschwörung gegen die Bahai-Gemeinden im Iran und Umgebung beschwert. Vielmehr hat die Bahai-Gemeinde das Problem immer richtig identifiziert als Umsetzung des traditionellen islamischen Gesetzes über die Behandlung von Nichtmuslimen und Apostasie, in Kombination mit einer rassistischen Haltung, begünstig durch die Förderung der Scharia.

Letztendlich ist das Übel des christlichen Antisemitismus im Nahen Osten fest verwurzelt in der Anschuldigung des Gottesmords (der Tötung von Jesus) gegen das jüdische Volk. Saliba spricht von einer „Selbstverständlichkeit“ der jüdischen Verschwörung,  weil die Juden Christus seine Wunder mit seiner Kreuzigung vergalten. Papst Shenouda III., Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche, griff in einem Fernseh-Interview am 8. April 2007 namentlich die westlichen Kirchen für deren Entlastung der Juden für die Schuld am Tode Christus‘ an. Er argumentierte, die Juden seien „Christusmörder“, weil „das Neue  Testament sagt, dass sie das sind.“

Es ist klar, dass die Ostkirchen antisemitische Muster und Denkweisen noch überwinden müssen, die der Vatikan bereits im Jahre 1965, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in seiner Nostra Aetate-Erklärung ablehnte. Soll der Antisemitismus im Nahen Osten und Nordafrika bekämpft werden, so wird die Bürde einer theologischen Reformation offensichtlich  nicht allein die Aufgabe der Muslime sein.

Originalversion: Middle Eastern Christians and anti-Semitism by Aymenn Jawad Al-Tamini, Middle East Forum, August 2, 2011, published in The Jerusalem Post

 

 

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