Die barbarischen Massaker in Oslo und im Ferienlager der AUF, der Jugendorganisation der Arbeiterpartei auf der Insel Utøya, werfen viele Fragen auf. Einmal mehr wird bestätigt, was Fachleute für Hass und Terror schon seit Jahren wissen: Man braucht kein eingetragenes Mitglied fanatischer und gewalttätiger Organisationen zu sein, um grosse Teile von deren Botschaft anzunehmen. Das Internet ermöglicht es, einer Gruppe anzugehören ohne gleichzeitig Mitglied dieser zu sein. Aus Breiviks Schriften geht hervor, dass er seine Ideen aus verschiedensten Quellen schöpfte und daraus ein radikal verzerrtes Weltbild konstruierte.

Die israelische Regierung hat richtig reagiert. Präsident Schimon Peres, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und andere Kabinettmitglieder haben Norwegen Israels Beileid ausgesprochen. Die israelische Botschaft in Oslo senkte ihre Flagge auf Halbmast – ein bei einem Ereignis im Gastland unüblicher diplomatischer Akt –,  um ihrem Entsetzen über die Tragödie, die über Norwegen hereingebrochen ist, Ausdruck zu verleihen. Israel bot auch Hilfe an, welche dankend abgelehnt wurde.

Für Menschen, die wie ich viele Freunde in Norwegen haben, welche sich im Kampf gegen den grassierenden Anti-Israelismus in Teilen der Elite des Landes engagieren, geht das Gefühl des Entsetzens über die übliche abstrakte Sympathie hinaus, welche die meisten Israelis für Terroropfer im Ausland empfinden. Man macht sich Sorgen um Freunde, bis man hört, dass es ihnen tatsächlich gut geht.

Es war von Anfang an klar, dass Israel irgendwie in Teile der Diskussion über diese Terroranschläge hineingezogen werden würde. Einer der Gründe dafür ist Norwegens Besessenheit mit Israel. Israel wird in den Medien wahrscheinlich öfter erwähnt als zum Beispiel Norwegens riesiger Nachbarstaat Russland, dessen Handlungen für Norwegen weit relevanter sind als diejenigen von Israel, einem weit entfernten, kleinen Staat. Zweitens suchen Antizionisten überall auf der Welt nach Anhaltspunkten, um Israel irgendwie anklagen zu können. Die Hisbollah beispielsweise, eine unter vielen, hat dies bereits getan.[1]

Viele Ausländer fragen sich, warum so viele Jugendliche und fast keine Sicherheitskräfte auf der Insel waren. Norwegen hat keinerlei Erfahrung mit Terrorismus. Es herrschte die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung, dass Terrorismus „hier nicht vorkommen kann“. Dieser Glaube wurde teilweise von der Tatsache gestützt, dass Norwegen eine der Demokratien ist, die auf den radikalen Islam mit starker Beschwichtigung  reagiert. Kaum hatte eine der kleinen norwegischen Zeitungen die dänischen Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, geriet die Redaktion unter starken Druck, sich zu entschuldigen. Die norwegische Regierung schickte denn auch diplomatische Gesandte in muslimische Länder, um sich deutlich von solcher Kritik zu distanzieren. In ähnlicher Weise sind Einzeltäter wie letztes Jahr derjenige von Malmö im Nachbarland Schweden in Norwegen unbekannt.

Eine meiner denkwürdigsten Beobachtungen während eines Aufenthalts in Oslo letztes Jahr waren die praktisch fehlenden Sicherheitsvorkehrungen im norwegischen Parlament, dem Storting. Ich vergleiche hier nicht mit den Sicherheitsvorkehrungen an der israelischen Knesset, aber zum Beispiel mit dem niederländischen Parlament. Die bestgesicherten Orte der Stadt, abgesehen von der abgesicherten israelischen Botschaft und einigen anderen, sind die Gebäude der jüdischen Gemeinde. Polizisten stehen am Eingang der Strasse, in welcher sich diese befinden, und es werden keine Autos durchgelassen. Im Jahr 2006 beschoss Arfan Bhatti die dortige Synagoge.

In Norwegens gesellschaftlichem Klima werden Extremisten aller Schattierungen nicht sonderlich überprüft. Am besten sieht man dies bei extremen Antisemiten. Norwegens bekanntester Neonazi Tore Tvedt schrieb einmal in der grössten Zeitung des Landes, Verdens Gang, deren Gebäude letzten Freitag attackiert wurden: „Die Juden sind der Hauptfeind“, „sie haben unser Volk getötet“, „sie sind üble Mörder“, „sie sind keine menschlichen Wesen und sollten vertrieben werden“. Das Bezirksgericht sprach ihn im Jahre 2007 vom Vorwurf der antijüdischen Hetze frei. Dieses Urteil wurde später vom Kreisgericht aufgehoben.

Dasselbe Gericht erklärte jedoch einen anderen Rechtsradikalen, Terje Sjolie, für unschuldig, weil Norwegen die freie Meinungsäusserung garantiert. Er hatte gesagt, das Land werde von den Juden zerstört. Später entschied das UN-Komitee für die Beseitigung der rassischen Diskriminierung (CERD), dass Sjoljes Aussagen das Internationale Übereinkommen  zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung verletzten, welches Norwegen mit unterzeichnet hat. Das Komitee verpflichtete die norwegische Regierung, mit dieser Erklärung an die breite Öffentlichkeit zu gelangen.

Zusätzlich sind Elemente in den Vordergrund gerückt, welche die israelischen Aspekte in losem Zusammenhang mit dem Massaker noch mehr betonen. Auf dem Jugendcamp der AUF waren bekannte antiisraelische Sprecher geladen, so zum Beispiel Aussenminister Jonas Gahr Stoere und Sidsel Wold, Israelkorrespondent der staatlichen Sendergruppe NRK. Stoere wurde vom Leiter der AUF, Eskil Pedersen, willkommen geheissen, während im Hintergrund Poster zum Boykott an Israel aufriefen. Pedersen und die AUF nahmen in der Vergangenheit an vielen antiisraelischen Aktivitäten teil.

Es ist noch zu früh, um einzuschätzen, wie sich all dies entwickeln wird. Allerdings steht fest, dass in zukünftigen israelisch-norwegischen Beziehungen und der öffentlichen Diskussion dazu die Breivik-Morde ziemlich oft Erwähnung finden werden.

 

Dr. Manfred Gerstenfeld hat 20 Bücher veröffentlicht. Zwei davon behandeln den norwegischen Anti-Israelismus und Antisemitismus.

 

 

Übersetzung aus dem Englischen von Editranslate, Zürich

 


[1] “Hezbollah: Norway attack shows Zionism’s perils”, The Daily Star, 26 July 2011. (“Hisbollah: Angriff auf Norwegen zeigt die Gefahr des Zionismus”)

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