Eine überwältigende Mehrheit der Palästinenser wollen, dass ihre Politiker neue Arbeitsplätze schaffen, die Gesundheitsversorgung verbessern und die Bildung fördern. Nur eine kleine Minderheit hält die aktuelle Kampagne zur einseitigen Ausrufung eines Palästinenserstaates für wichtig. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Umfrage, die vom Israel Project in Auftrag gegeben wurde.

Die Umfrage (Charts, Frequency Questionnaire) wurde von Stanley Greenberg von Greenberg Quinlan Rosner Research in Zusammenarbeit mit dem palästinensischen Meinungsforschungsinstitut Palestinian Center for Public Opinion unter 1.010 Palästinensern (353 in Gaza und 656 in der West Bank) durchgeführt. Die Teilnehmer wurden nach den wichtigsten Themen gefragt, um die sich Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ihrer Meinung nach kümmern sollte. Mehr als 80 Prozent nannten die Schaffung neuer Arbeitsplätze, während nur 4 Prozent die aktuelle palästinensische Kampagne für eine einseitige Staatsausrufung bei den Vereinten Nationen wählten. Auf die Frage, wie diese Arbeitsplätze geschaffen werden könnten, sagten 44 Prozent, dass sie die Vergabe von Kleinkrediten als Existenzgründerzuschuss für neue Unternehmen für die hilfreichste mögliche Massnahme halten.

Hamas und Iran

Die radikalislamische Hamas verliert unter der palästinensischen Bevölkerung Vertrauen. 51 Prozent in Gaza und 59 Prozent in der West Bank bewerten die vom Iran unterstützte Hamas negativ. Auch das Image des Iran ist seit der letzten Umfrage des Israel Project im vergangenen Oktober gesunken. Heute stehen rund 77 Prozent der Palästinenser dem Regime in Teheran eher ablehnend gegenüber. 73 Prozent der Palästinenser sind der Meinung, dass „Iran und Präsident Ahmadinejad um sich selbst und ihre eigene Agenda kümmern“, anstatt freundschaftliche Beziehungen mit dem palästinensischen Volk zu pflegen. Im Oktober 2010 stimmten 47 Prozent dieser Aussage zu.

Abbas und Fayyad

Gute Noten für ihre Arbeit erhielten der palästinensische Ministerpräsident Salam Fayyad und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Die positiven Einstellungen gegenüber den beiden Politikern stiegen auf etwa 70 Prozent. Wenn heute Wahlen wären, würde Abbas‘ Fatah-Partei mit einer Dreiviertelmehrheit die Hamas klar abhängen. Keine andere palästinensische Partei würde über 5 Prozent kommen.

Verhandlungen mit Israel

Was das Verhältnis zu Israel betrifft, würden zwei Drittel der Palästinenser diplomatische Verhandlungen dem „gewaltsamen Widerstand“ vorziehen. Allerdings sind in beiden palästinensischen Gebieten je 30 Prozent der Ansicht, es sei „an der Zeit für gewaltsamen Widerstand.“ Es ist bezeichnend, dass diejenigen, die Gewalt unterstützen, eher die Nachrichtensender Al Jazeera und Al Manar-TV schauen. Die Unterstützer von Verhandlungen mit Israel informieren sich eher über den Fernsehsender Al Arabiya.

Eine Mehrheit der Palästinenser unterstützt die Rückkehr zu Verhandlungen mit Israel selbst unter Verweis auf eine Stellungnahme des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, wonach „er keinen Plan in Betrachte zieht, der die Teilung Jerusalems vorsieht, und dass sich palästinensische Flüchtlinge in Palästina und nicht in Israel ansiedeln sollten“. Zwei Drittel sprachen sich gegen eine dritte Intifada aus, und nur 14 Prozent sagten, sie würden sich an einem solchen Aufstand beteiligen.

Gewalt gegen Zivilisten

In einem weiteren Umfrageteil konnten die Teilnehmer eine Liste mit Massnahmen als moralisch „richtig“ oder „falsch“ bewerten. Gewalt gegen Zivilisten lehnten die meisten Palästinenser ab; 59 Prozent sagten, dass es „falsch“ sei, Raketen auf israelische Städte und Zivilisten zu schiessen. 42 Prozent sagten, dass die Ermordung der fünfköpfigen Familie Vogel in der Westbank-Siedlung Itamar am 11. März 2011 „falsch“ gewesen sei. Allerdings halten auch 29 Prozent den Mord für „richtig“.

Eine Mehrheit der Palästinenser rechtfertigt die Gewalt gegen israelische Soldaten. 62 Prozent sagen, es sei „richtig“ israelische Soldaten zu entführen und als Geisel zu nehmen. Diese Ansicht trifft auch dann noch auf starke Unterstütztung, wenn ausdrücklich auf die Entführung von Gilad Shalit verwiesen wird. Der israelische Soldat wurde vor fünf Jahren von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt, wo er seither ohne jeglichen Kontakt mit der Aussenwelt, und ohne Zugang zum Internationalen Roten Kreuz, festgehalten wird. Hier befürworten 56 Prozent seine Entführung. 51 Prozent sind gegen seine Freilassung.

Existenzrecht Israels

72 Prozent halten es für „richtig“, abzustreiten, dass es eine lange jüdische Vergangenheit in Jerusalem gibt. 61 Prozent unterstützen die Benennung von Strassen nach Selbstmordattentätern. 53 Prozent sagen, es sei „richtig“, wenn in palästinensischen Schulen Lieder gelehrt werden, die dazu aufrufen, Juden zu hassen.

Charta der Hamas

Über 70 Prozent der Palästinenser stimmen dem Abschnitt der Charta der Hamas zu: „Die Stunde wird kommen, da die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken. Doch die Bäume und Steine werden sprechen: „Oh Muslim, oh Diener Allahs, hier ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt. Komm und töte ihn!“ Nur der Gharkad-Baum wird dies nicht tun, denn er ist ein Baum der Juden.“

Allerdings sind 48 Prozent nicht mit der folgenden Passage aus der Charta der Hamas einverstanden: „Derartige Initiativen, sogenannte friedliche Lösungen und internationale Konferenzen zur Lösung der Palästina-Frage stehen im Widerspruch zur Ideologie der Islamischen Widerstandsbewegung. Es gibt keine andere Lösung des Palästina-Problems als den Dschihad.“ Bezeichnenderweise halten diese Aussage zwei Drittel der Palästinenser in Gaza für überzeugend, während in der West Bank eine Mehrheit diese Ansicht nicht teilt.

Zweistaatenlösung

Die Unterstützung für eine Zwei-Staaten-Lösung, bei der Israel und Palästina nebeneinander existieren würden, ist in den vergangenen neun Monaten gesunken. Während im Oktober 2010 noch 60 Prozent sagten, sie würden eine Zwei-Staaten-Lösung akzeptieren, sagen 52 Prozent heute, dass sie diese Lösung nicht unterstützen. Zwei Drittel behaupten: „Das eigentliche Ziel sollte es sein, mit zwei Staaten zu beginnen, um dann alles einen palästinensischen Staat werden zu lassen.“ 84 Prozent sagen, dass „Palästinenser im Laufe der Zeit daran arbeiten müssen, um wieder das ganze Land für einen palästinensischen Staat zurückzubekommen.“

Die Umfrage wurde vom 22. Juni bis 8. Juli 2011 von Greenberg Quinlan Rosner Research in Zusammenarbeit mit dem Palästinensischen Center for Public Opinion und im Auftrag des Israel Project durchgeführt. Die Daten beruhen auf Einzel-Interviews. Die Fehlerquote der Umfrage liegt bei 3,1%.

Quelle: The Israel Project, 21.07.2011

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