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Der Zionismus – Überblick

Der Zionismus ist eine politische und soziale Bewegung zur Errichtung und Bewahrung eines jüdischen Staates in Palästina. Die Anfänge des Zionismus liegen im 19. Jahrhundert, seine Wurzeln reichen aber viel weiter zurück. Der Ausdruck Zionismus bezieht sich auf Zion als Synonym für einen der Hügel, auf denen Jerusalem gebaut ist und die damit verbundenen Hoffnungen der Juden auf eine Rückkehr während des Exils und der Diaspora.

 

Zionistische Vordenker

Rabbi Jehuda Alkalai

Rabbiner Judah Alkalai (1798 – 1878): Judah Alkalai wurde in Sarajewo geboren und wuchs in Jerusalem auf. Er war der Überzeugung, die Juden müssten aus eigener Anstrengung nach Eretz Israel zurückkehren statt auf den Messias zu warten. Zeit seines Lebens publizierte er Schriften zu diesem Zwecke, u.a. Höre Israel (1834) sowie Die Gabe Judas (1845), und warb auf seinen Reisen durch Westeuropa für seine Ideen. In orthodoxen Kreisen riefen die Aktivitäten grossen Widerstand hervor.

Rabbiner Zwi Hirsch Kalischer (1795 – 1874): Zwi Hirsch Kalischer wirkte als Rabbiner in Thorn und engagierte sich für die Ansiedlung des jüdischen Volkes in Eretz Israel. In seinem Werk Drischat Zion (1861) stellte er die These auf, die Erlösung der Juden würde auf zwei Ebenen erfolgen; auf der irdischen – durch die Rückkehr und die Aufbauarbeit – und auf der überirdischen, durch die göttliche Rettung. Er betonte auch die Bedeutung der Entwicklung einer umfangreichen Landwirtschaft. Sein Buch beeinflusste viele jüdische Denker, u.a. Moses Hess.

Moses Hess

Moses Hess (1812 – 1875): Der Frühsozialist Moses Hess glaubte in seinen Zwanzigerjahren, die Juden müssten sich in ihren jeweiligen Ländern assimilieren. Doch der Aufstieg des Nationalismus in Europa und die Erfahrung des Antisemitismus änderten seine Haltung. In seinem Buch Rom und Jerusalem (1862) schrieb er, die jüdische Religion sei das beste Mittel um die jüdische Nationalität zu bewahren. Er plädierte für die Etablierung eines jüdischen Staates in Palästina, dessen Grundlagen der nationale Landerwerb, die Schaffung legaler Bedingungen und die Gründung jüdischer Körperschaften für Landwirtschaft, Industrie und Handel seien. Sein Werk geriet längere Zeit in Vergessenheit, ehe es in den 1890er Jahren von den Zionisten begeistert aufgenommen wurde.

Leon Pinsker

Leon Pinsker (1821 – 1891): Unter dem Eindruck der Pogrome im zaristischen Russland und der Zunahme des Antisemitismus in Europa, der die Hoffnung der Juden auf Emanzipation schwinden liess, verfasste der Arzt und Journalist Leon Pinsker die Schrift Autoemanzipation! (1882). Darin forderte er die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina oder an einem anderen geeigneten Ort. Sein Buch rief insbesondere unter den osteuropäischen Juden ein starkes Echo hervor, insbesondere Mitglieder der Chowewei Zion-Bewegung begrüssten es enthusiastisch. Pinsker wurde später deren Vorsitzender. Kurz vor seinem Tode wurde er zunehmend pessimistischer und lehnte die Einwanderungspläne in Palästina ab.

Nathan Birnbaum (1864 – 1937): Geboren in Wien, gründete Nathan Birnbaum in seiner Studienzeit die erste jüdische nationale Studentenverbindung namens Kadima(Vorwärts). Ab 1885 gab Birnbaum die erste jüdische nationale Zeitschrift heraus, die er – in Anlehnung an Leon Pinskers Werk – Selbstemanzipation nannte. Darin prägte Birnbaum den Begriff Zionismus, den er ab 1890 gebrauchte. Eine Zeit lang war er ein Weggefährte Theodor Herzls, mit dem er sich aber bald überwarf. Er vertrat eine kulturelle Variante des Zionismus, die eine Besiedlung Palästinas auch ohne eigenen Staat propagierte.  Später wandte sich Birnbaum vom Zionismus ab und engagierte sich verstärkt für das Ostenjudentum, bevor er 1919 zum Generalsekretär der neugegründeten Agudat Israel, der ultra-religiösen Bewegung der Orthodoxie, ernannt wurde.

Theodor Herzl

Theodor Herzl (1860 – 1904): Theodor Herzl wurde in Budapest geboren und war als Journalist, Schriftsteller und Publizist in Wien und Paris tätig. Er beschäftigte sich schon früh mit dem Antisemitismus und suchte nach Mittel und Wegen, der Judenfeindschaft zu begegnen. Insbesondere im Zuge der Dreyfus-Affäre kam er zum Schluss, dass nur die Schaffung eines jüdischen Staates die Judenfrage lösen konnte. Diese Überlegung schrieb er 1896 in seinem Werk Der Judenstaat nieder, welches das Fundament für den politischen Zionismus bildete. Fortan begann Herzl für seine Pläne Unterstützung in der Politik zu suchen und begab sich dafür auf zahlreiche Reisen. Im August 1897 berief er den ersten Zionistischen Kongress in Basel ein, der zur Verabschiedung des Baseler Programmes, welches „für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“ forderte. Herzl versuchte weiter, auf diplomatischem Wege die Sympathien der Herrscher in Europa zu gewinnen, allerdings ohne Erfolg. Nach dem Pogrom von Kishinew im Jahre 1903 legte Herzl auf dem Sechsten Zionistischen Kongress den britischen Uganda-Plan vor, der die Schaffung einer jüdischen Heimat in Ost-Afrika vorsah. Dieser Plan führte beinahe zu einer Spaltung der zionistischen Bewegung. Ein Jahr später starb Herzl. 

 

Strömungen innerhalb der Zionistischen Bewegung

Auf Initiative Herzls wurde auf dem ersten Zionistischen Kongress (1897) die Zionistische Weltorganisation (WZO) gegründet. Die zionistische Bewegung war von  Beginn an alles andere als homogen, sie vereinte die verschiedensten Strömungen und Gruppierungen:

Der politische Zionismus betrachtete das jüdische Problem als politisches, das durch internationale öffentliche Aktionen gelöst werden sollte. Ziel war eine von der Welt anerkannte Charta, die den Juden Souveränität über ein jüdisches Territorium garantiert. Zu seinen wichtigsten Vertreter zählten Theodor Herzl, Max Nordau und Nachum Sokolov.

Im Gegensatz zu dazu betonten Verfechter des praktischen Zionismus die praktischen Mittel um die zionistischen Ziele zu erreichen: Einwanderung, Besiedlung und erzieherische Einrichtungen. Der Tod Herzls 1904 und die endgültige Ablehnung des Uganda-Plans 1905 stärkte diese Strömung. Die wichtigsten Vertreter des praktischen Zionismus waren die Pioniere der zweiten Alijah, wie zum Beispiel Joseph Vitkin oder Jtzchak Ben Zwi.

Der synthetische Zionismus verband den politischen mit dem praktischen Zionismus, eine Idee, die Chaim Weizmann am Achten Zionistischen Kongress (1907) vorschlug. Politische Aktivität wurde mit praktischen Bemühungen in Palästina gekoppelt. Auch die zionistischen Aktivitäten in der Diaspora wurden verstärkt. Ab dem Zehnten Kongress (1911) dominierte diese Strömung die zionistische Bewegung.

Die Verbindung von Sozialismus und Zionismus war die Idee des sozialistischen Zionismus. Der Gründer war Nachman Syrkin, der seine Ansichten kurz vor dem Dritten Zionistischen Kongress (1899) kundtat. Ein prominenter Vertreter war Ber Borochov. Er erklärte, der Zionismus sei eine historisch-wirtschaftliche Notwendigkeit für das jüdische Volk. Die historische Rolle, den jüdischen nationalen Befreiungsprozess zu führen, sei dem jüdischen Proletariat vorbehalten. Der sozialistische Zionismus beeinflusste Jugendbewegungen wie den HaShomer HaZair oder HeChalutz.

Der Revisionismus forderte eine energische Politik gegenüber Grossbritannien, eine jüdische Mehrheit in Palästina und eine militärische Ausbildung für die Jugend. Der Begründer dieser Strömung war Vladimir Jabotinsky. Innerhalb der zionistischen Bewegung lösten die Revisionisten hitzige Debatten aus. 1935 traten sie aus der Zionistischen Weltorganisation aus und gründeten die Neue Zionistische Organisation. Erst 1946 schlossen sie sich der WZO wieder an. Aus den Reihen der Revisionisten ging die Untergrundbewegung Irgun Zwi Leumi (Etzel) hervor.

Der religiöse Zionismus trat für eine Verbindung von nationaler Souveränität und Religion ein. Seine Wurzeln liegen bei den Visionären von Zion, Judah Alkalai, Zwi Hirsch Kalischer und weiteren. Die Strömung wurde stark geprägt durch Rabbi Abraham Jitzchak HaCohen Cook, der erste aschkenasische Oberrabbiner in Palästina. Einen grossen Teil seiner Bemühungen widmete der religiöse Zionismus dem Aufbau eines national-religiösen Erziehungssystems. Aus der Strömung entstand später die national-religiöse Partei.

Die Anschauung jener Mitglieder der Zionistischen Organisation, die keiner speziellen Strömung oder Gruppierung beitraten, wurde allgemeiner Zionismus genannt. Sie schlossen sich 1922 in der Organisation der Allgemeinen Zionisten zusammen. Sie orientierten sich am Baseler Programm von 1897, der Zionismus hatte für sie Vorrang über jede Klasse, Partei oder persönliches Interesse. Die meisten liberalen Bewegungen und Parteien in Israel wurden durch den allgemeinen Zionismus geprägt.

Achad Ha‘am, ein Führer von Chowewei Zion, vertrat in der Zionistischen Bewegung den spirituellen/kulturellen Zionismus. Diese Strömung glaubte nicht, dass ein jüdischer Staat die Lösung für die “Judenfrage” sei. Das Problem sei nicht eine Krise der Juden, sondern des Judentums; ausgelöst durch den Verfall des jüdischen Glaubens und der Identität. Deshalb müssten sich die Bemühungen darauf konzentrieren, ein nationales spirituelles Zentrum zu errichten, welches alle Diasporagemeinden beeinflussen sollte. Für den spirituellen Zionismus stand deshalb die jüdische Erziehung an erster Stelle, erst danach folgte die Besiedlung Palästinas.

Innerhalb dieser Strömungen gab und gibt es wiederum weitere Gruppierungen und Parteien.

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Quellen:

Bundeszentrale für politische Bildung – 60 Jahre Israel

haGalil e.V. – Grundlagentexte des Zionismus

The Jewish Agency for Israel – Zionistische Strömungen

Mideast Web – Zionism

Literatur:

Brenner, Michael: Geschichte des Zionismus, München 2002

Krupp, Michael: Die Geschichte des Zionismus, Gütersloh 2001

Laquer, Walter: Der Weg zum Staat Israel. Geschichte des Zionismus, Wien 1972

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